Zeitung Heute : Folgenreiche Einladung

Wie ein amtliches Schreiben die Arbeitslosenstatistik von Ärzten senken kann

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Die Bundesanstalt für Arbeit (BA) macht Ernst mit der Absicht, Leistungen nur noch tatsächlich Berechtigten zu gewähren. Als eine der ersten Berufsgruppen haben sich die Dienststellen im Bereich des Landesarbeitsamtes BerlinBrandenburg (LAA) die Berufskennzahlen 84 vorgenommen: Darunter werden Ärzte und Apotheker zusammen gefasst. Alle 1203 im August arbeitslos gemeldeten Ärzte, Zahnärzte, Tierärzte und Apotheker im Landesarbeitsamtsbezirk wurden zu einer Vermittlungsberatung am 9. September in Potsdam eingeladen. Wer auf das amtliche Schreiben nicht reagierte, bekam die Konsequenzen unmittelbar zu spüren – in Form einer Leistungssperre.

Überraschend groß erwies sich die Zahl derjenigen Bewerber, die ihre Leistungsansprüche von sich aus zurückzogen. LAA-Sprecher Klaus Pohl: „Viele Bewerber reagierten mit einer Abmeldung in Arbeit oder kündigten die zeitnahe Aufnahme einer selbstständigen Tätigkeit an. Und mehrere Nichtleistungsempfänger konnten umgehend abgemeldet werden.“

Im Zeitreihenvergleich der amtlichen Statistiken von August bis Oktober 2002 lässt sich die Wirkung der Briefaktion deutlich ablesen. Während im August in Arbeitsamtsbezirk Berlin-Brandenburg noch 631 praktische Ärzte (ohne Facharztausbildung) arbeitslos gemeldet waren (davon 580 in Berlin), sank die Zahl bis Oktober auf 561 (davon Berlin 514). Alle Ärzte und Apotheker zusammen trugen im Oktober mit 1397 arbeitslos Gemeldeten zur Statistik bei, im August lag die Zahl noch bei 1401.

Die Frage, wohin diese aus der Statistik verschwundenen Ärzte abgewandert sind, können auch Arbeitsmarktexperten nur schwer beantworten. Statistiken wie beispielsweise die der Landesärztekammer Hessen ( www.laek.de/Meldewesen/Statistik/nichttaetig.html ) lassen aber Rückschlüsse zu. Danach sind allein in dieser Kammer 18 Prozent der Mitglieder nichtärztlich tätig (5016 von insgesamt 23 153 Mitglieder, Stand 1. November). Da von diesen 5018 Medizinern über 60 Prozent Ruheständler sind, bekommen die fünf Prozent berufsfremd Tätigen ein gewisses Gewicht. Sie arbeiten beispielsweise als Berater in der Pharmazie oder bei Versicherungen und – wie könnte es anders sein – als Journalisten. rch

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