Zeitung Heute : Folgenschwere Schwingungen

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Bundesverkehrsminister Bodewig will einer AP-Meldung zufolge die Straßenverkehrsordnung von überflüssigem Ballast entrümpeln. Mit Hilfe eines Fragebogens, der an alle bundesweit organisierten Verbände und Organisationen gesandt wird, soll das 31 Jahre alte Regelwerk auf Verständlichkeit, Plausibilität und „erkennbare Befolgungsdefizite“ überprüft werden.

Als Beispiel für eine veraltete Vorschrift ist der Paragraf 27, Absatz 6 genannt, in dem das Marschieren im Gleichschritt auf Brücken verboten wird. Nur, Vorsicht, ein solches Verbot galt sogar schon in Jahrzehnten, in denen es üblich war, dass sich ganze Kolonnen häufig in militärischer Ordnung durch die Gegend bewegen.

Der gute Grund für das Verbot: ein solcher Tausendfüßler kann die stärkste Brücke zum Einsturz bringen, es müssen nur die richtigen, oder besser: die falschen Schwingungen entstehen und sich so ü berlagern, dass es zu einem Aufschaukeln kommt. Und das gefährdet nicht nur alte Brücken, wie die Londoner Millennium Bridge beweist.

Nein, das von Sir Norman Foster entworfene Bauwerk, das im Sommer 2000 für den Fußgä ngerverkehr zwischen der St. Paul’s Cathedral und der New Tate Gallery freigegeben worden war, ist nicht eingestürzt. Aber viel hat nicht gefehlt. Mehr als 150 000 Passanten hatten die 350 Meter lange Konstruktion nämlich schon damals, in den ersten drei Tagen, in bis zu zehn Zentimeter kräftige Horizontalbewegungen versetzt. Und das wäre auf Dauer nicht zu verkraften gewesen.

Die Brücke musste also 18 Monate lang für rund fünf Millionen Pfund nachgerü stet werden. Es war übrigens auch eine Berliner Firma, die mithalf, die Brücke zu retten: Gerb Schwingungsisolierungen. Ihre so genannten Schwingungstilger werden vor allem dort eingesetzt, wo Bauten auf einem Erdbeben-sicheren Fundament errichtet werden müssen. Aber die Technik lässt sich eben auch für Brücken nutzen.

Wie das Unternehmen mitteilt, wurden acht horizontal und 50 vertikal wirkende Tilger so eingebaut, dass man sie zwar kaum sieht, sie aber alle gefährlichen Schwingungen aufnehmen. Den ersten Test hat die überarbeitete Konstruktion schon überstanden: 2000 Menschen haben sich erfolglos Mühe gegeben, das Bauwerk zu erschüttern. Anfang März soll es freigegeben werden. gih

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