FOLK-AMERICANAThe Low Anthem : Entdeckung der Langsamkeit

Leise ist das neue Laut – das war vor zehn Jahren das angesagte Ding, als Bands wie die Kings Of Convenience oder Turin Brakes mit akustischem Instrumentarium alten Folk-Tugenden neues Leben einhauchten. In leichter Abwandlung funktioniert der Slogan immer noch: Langsam ist das neue Schnell. Im Bereich der elektronischen Musik ist die ständige Reduzierung der Beats per Minute längst zum sportiven Wettbewerb geworden: Kann man eine hibbelige Justin-Bieber-Single bis kurz vorm völligen Stillstand entschleunigen? In der Rockmusik gab es schon in den Neunzigern eine Reihe von Gruppen, die auf der Kriechspur unterwegs waren: Low, Spain oder Cowboy Junkies verbanden äußerst gemächliche Tempi mit erhabenen Melodiebögen zur seelenvollen Slowcore-Americana.

Deren Erbe treten nun The Low Anthem an. Hatte sich das Ostküstenquartett um Sänger und Gitarrist Ben Knox Miller bereits auf dem 2009er Album „Oh my God, Charlie Darwin“ mit kammermusikalischer Präzision durch einen Folkrock-Songzyklus von klassischer Formstrenge getastet, so gehen sie auf dem Nachfolger „Smart Flesh“ noch behutsamer zu Werk. Die meisten der während dreier dunkler Wintermonate in einer seit langem leer stehenden Nudelsoßenfabrik eingespielten Songs dümpeln in so schneckenhafter Geruhsamkeit vor sich hin, dass ein Stück wie „Hey, all you Hippies!“, in dem sich The Low Anthem zu einer an The Band erinnernden Hymnenhaftigkeit aufschwingen, wie ein Adrenalinschub wirkt. Doch man lasse sich nicht täuschen: Hinter der schläfrigen Fassade lauern dunkel glimmende Leidenschaften, deren Intensität sich in den labyrinthischen Satzgesängen dieser Zeitlupenmusik spiegelt.Jörg Wunder

Passionskirche, Mo 21.3., 20 Uhr, 18 € + VVK

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben