Zeitung Heute : Fontane besuchen

Brigitte Grunert

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Was haben wir zu Mauerzeiten Fontane gelesen. Wie oft wurde er zitiert. Fontane war tröstlich. Im Westen waren seine „Wanderungen“, Romane und Gedichte Ersatz für Ausflüge ins Märkische, im Osten Ersatz für die im offiziell vermittelten Geschichtsbild vermisste Farbe. Fontane hat uns verbunden.

Neulich habe ich ihn in Berlin-Mitte besucht, auf dem Friedhof der Französischen Domgemeinde, Eingang Liesenstraße, Wedding. Früher hätte ich das auch gern getan. Aber damals ruhte er im Niemandsland, der verbindende Fontane. An der Liesenstraße stand die Mauer, der Todesstreifen durchzog den Friedhof. Man sieht es ihm noch an.

Vertreter der Theodor-Fontane-Gesellschaft waren auch da. Es war Fontanes Todestag. Sie stellten einen Strauß gelbe Gerbera auf den einfachen Efeuhügel, jemand legte eine gelbe Rose dazu. Ein Ostler erzählte, wie schwierig es zu Mauerzeiten war, von der Ostseite durch den streng bewachten Durchlass auf den Friedhof zu gelangen, und dass ihn ein Vopo zum Grab führte, aber pietätvoll ein wenig abseits stand. Staatsgrenze, Fluchtgefahr...

Auf dem alten schwarz- grauen Grabstein stehen nur die Namen und die Lebensdaten: Theodor Fontane, 30.12. 1819 – 20.9.1898, Emilie Fontane, geb. Rouanet-Kummer, 14.11.1824–18.2.1902. Es ist nun eine Ehrengrabstätte des Landes Berlin. Der Senat müsste die verwitterte Inschrift erneuern lassen, aber darum kümmert sich die Fontane-Gesellschaft lieber selbst, Ehrensache.

Ein rührender Nachruf wurde verlesen, erschienen am 23. September 1898 im „Vorwärts“ für einen, der kein Revoluzzer war. Sein „Maßhalten in allen Dingen“, seine „schlichte, klar anschauliche Wahrheitsschilderung“ wurden darin gerühmt. „Er befeuert nicht, aber er erwärmt.“ Etwas von dieser Tonlage wünschte man sich in den aufgeregten Diskussionen unserer aufgeregten Zeit.

Merkwürdig, auf dem Grabstein liegen Steinchen nach jüdischer Sitte. Fontane und seine Frau Emilie waren bekanntlich nicht jüdischer, sondern hugenottischer Abstammung. Doch er verbindet eben.

Friedhof der Französischen Domgemeinde in Mitte, Eingang Liesenstraße, Wedding.

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