Zeitung Heute : Formbare Zukunft

Bei Existenzgründungen sind Frauen in der Minderheit. Veronika Groß hat es gewagt – mit einem ungewöhnlichen Stoff

Sebastian Leber

Die größte Frechheit hat Veronika Groß gleich am Anfang erlebt. Da wollte sie sich von einem Experten beraten lassen, was es bei einer Existenzgründung zu beachten gilt. Der ältere Mann nahm Groß nicht besonders ernst. Um als Selbstständige mit den Finanzen klarzukommen, sagte er, solle sie am besten einen „erfahrenen, wohlhabenden Mann heiraten, der sich mit der Materie auskennt“. Natürlich passte die Beschreibung exakt auf den Berater selbst.

So etwas würde sich Veronika Groß heute nicht mehr bieten lassen. Seit anderthalb Jahren ist sie selbstständig. Morphogenese heißt ihr Ein-Frau-Unternehmen, und Morphogenese heißt auch das Material, das sie erfunden hat. Ein synthetisches Gestrick auf Nylonbasis, das flexibel und dauerhaft verformbar ist, das man aber mit einfachen Handgriffen in eine stabile Form bringen kann. Einsetzbar im Modebereich, aber auch für Kunst- und Lichtinstallationen, Theaterkulissen und sogar für medizinische Anwendungen. Die Idee dazu kam der 39-Jährigen bei einem Besuch im Berliner Aquarium. „Ich stand vor dem Becken mit den Quallen und dachte: So etwas Verformbares und doch Stabiles müsste es auch für den Menschen geben.“ Groß hat an der Hochschule der Künste Industriedesign studiert, mit Stoffen kannte sie sich aus. Mit der Gründung und Führung eines eigenen Unternehmens weniger, das Wissen musste sie sich erst durch Coachings und in Seminaren aneignen. „Und abgesehen von dem alten Mann mit den Hochzeitsplänen wurde ich fair behandelt. Auch als Frau.“

Dass Frauen Unternehmen gründen, ist immer noch etwas Besonderes. Die Mehrzahl der Existenzgründer sind Männer, in Berlin liegt der Frauenanteil bei Neuanmeldungen bei 32 Prozent. Das sind immerhin zwölf Prozentpunkte mehr als vor zehn Jahren. „Man wird schon noch komisch angeguckt, wenn man als Frau daherkommt und sich als Unternehmerin vorstellt“, sagt Veronika Groß. Gerade dann, wenn man wie sie 1,63 Meter misst und zierlich ist. „Aber im Laufe des Gesprächs merkt mein Gegenüber, dass ich etwas von meiner Materie verstehe.“ Und dann störten sich Männer nicht mehr an ihrem Geschlecht. Im Gegenteil: „Frauen können gut kommunizieren und charmant sein.“ Was aber nicht heißt, dass Groß auf weibliche Reize setzt. „Das wäre tödlich in Unternehmerkreisen. Auf solche billigen Versuche würde keiner hereinfallen.“ Im Vergleich zu vielen anderen Existenzgründerinnen hat Groß einen Vorteil: Sie hat keine Kinder. Das wäre im Moment auch gar nicht möglich. Groß arbeitet zehn Stunden am Tag, war seit drei Jahren nicht mehr im Urlaub.

Petra Iskandar-Thul weiß, wie schwer es ist, Kinderwunsch und ein eigenes Unternehmen unter einen Hut zu bringen. Sie leitet das Projekt www.unternehmerinnen-berlin.de, das Existenzgründerinnen bei der Optimierung von Webauftritten hilft und auch in anderen Fragen berät. Außerdem ist Iskandar-Thul allein erziehende Mutter. Viele Menschen hätten wenig Verständnis für ihre Doppelrolle. Zum Beispiel manche Lehrer der Schule ihres Kindes: „Die stört es, dass ich nicht bei jedem Waffelbasar dabei sein kann.“ Und oft muss sie sich spitze Bemerkungen gefallen lassen.

Veronika Groß möchte auch Kinder haben. „Vielleicht in zwei Jahren, wenn der Stress mit Morphogenese etwas nachlässt.“ Denn bisher ist sie von morgens bis abends damit beschäftigt, Unternehmer aus der Industrie von den Vorteilen ihres verformbaren Stoffes zu überzeugen. Groß plant langfristig, das haben selbstständige Frauen ihren männlichen Kollegen voraus. Wie das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung herausgefunden hat, haben neue Unternehmen auf dem Markt eine höhere Überlebenschance, wenn sie von Frauen gegründet werden. „Weil wir vorsichtiger und langsamer vorgehen und in den ersten Jahren bereit sind, kleine Brötchen zu backen“, sagt Veronika Groß. Und weil sie von besonders risikoreichen Projekten bereits im Vorfeld Abstand nehmen, wie es bei der Berliner Senatsverwaltung für Arbeit heißt.

Das Unternehmen im Internet: www.morphogenese.com

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