Formel 1 : Das Tempo und ein Limit

„Ich kann nur nochmals sagen, dass ich alles versucht habe, was in meiner Macht stand“ – es hat nicht gereicht. Am Dienstag gab Michael Schumacher bekannt, dass er seinen Comebackversuch abgebrochen hat. Es endet damit vor allem: eine der großen Erlösungsfantasien dieses Sommers.

Christian Hönicke
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Mit hängendem Kopf. »Die Schmerzen im Nacken haben wir leider nicht in den Griff bekommen«; Michael Schumacher, hier auf einem...Picture Alliance/dpa

Es war wie im Märchen, als würden Wünsche plötzlich wahr. Der Wunsch von Bernie Ecclestone zum Beispiel. Da stand der kleine Imperator des darbenden Formel-1-Reichs in seinem Thronsaal, den Blick verklärt in die Ferne gerichtet. „Ich wünschte, Michael würde zurückkommen“, sagte Ecclestone kurz vor dem Großen Preis von Ungarn vor zwei Wochen, und einen Seufzer ersparte er sich wohl nur, weil ein harter Geschäftsmann wie er sich keine Seufzer erlaubt.

Nicht nur Ecclestone, sondern die halbe Sportwelt hatte diesen Wunsch gehegt, seit Michael Schumacher der Formel 1 vor drei Jahren den Rücken gekehrt hatte. Wie die Rückkehr des Kaisers Barbarossa war auch das Comeback des rasenden Deutschen aus dem Schlummerzustand sehnlich erwartet worden, in Schumachers Fall jedoch schien der Traum plötzlich tatsächlich Realität zu werden. Nur zwei Minuten nach Ecclestones Wunschäußerung raste der Ferrari-Pilot Felipe Massa auf furchterregende Weise in die Streckenbegrenzung des Hungarorings in Ungarn. Am Ende der Ereigniskette stand eine längere Rehabilitationszeit für den Brasilianer und das überraschende, nein sensationelle Nicken des Rekordweltmeisters dieser Sportart. Er sei bereit, für Massa einzuspringen, teilte Schumacher mit.

Die Nachricht entfachte ein Jubelfeuer, das von der Formel 1 auf die gesamte Sportwelt übersprang. Niemand mehr schien sich daran zu erinnern, dass Schumacher die Formel 1 mit seinem unbändigen Ehrgeiz einst fast zugrunde gesiegt hätte und einige fast erleichtert das Ende seiner Herrschaft aufgenommen hatten. Der Tour-de-France-König Lance Armstrong sprach stattdessen vom „Größten aller Zeiten“, selbst der chronisch ausgebuchte Fußballkaiser Franz Beckenbauer wollte sich nun wieder jedes Rennen anschauen.

Doch wie in der Causa Barbarossa wird das Volk wohl weiter warten müssen darauf, dass Schumacher erscheint und das Formel-1-Reich zurück in ruhmvolle Zeiten führt. Am Dienstag, zwei Wochen nach der sensationellen Verkündung seines Comebacks, dankte der Herrscher der Grand-Prix-Szene unverrichteter Dinge schon wieder ab. „Ich habe gestern Abend Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo und Teamchef Stefano Domenicali darüber informieren müssen, dass ich nicht für Felipe einspringen kann“, teilte Schumacher auf seiner Webseite mit. Er habe „absolut alles“ versucht, das Comeback auf Zeit möglich zu machen, „aber zu meinem größten Bedauern klappt es nicht. Die Schmerzen im Nacken haben wir leider nicht in den Griff bekommen – auch wenn wir alles versucht haben, was medizinisch und therapeutisch machbar ist“.

Schumachers Beinahe-Comeback
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12.08.2009 11:14Schumachers verhindertes Comeback: Nach dem Unfall von Felipe Massa am Nürburgring war im Ferrari-Team die Unsicherheit groß. Wer...



Der 40-Jährige hatte in Abstimmung mit zwei Physiotherapeuten und der Sportklinik Bad Nauheim sein Fitnesstraining wieder aufgenommen, um sich den horrenden Fliehkräften widersetzen zu können, die teilweise mit dem Fünffachen der Erdanziehungskraft an seinem Nacken reißen und seinen Kopf in den Kurven dann plötzlich 40 Kilogramm schwer werden lassen. Da das Regelwerk ihm einen Test im aktuellen Ferrari F 60 untersagte, organisierte sich Schumacher von einem rennsportverrückten Milliardär einen zwei Jahre alten Grand-Prix-Gebrauchtwagen für private Testfahrten auf der Strecke in Mugello bei Florenz. Von morgens um zehn bis abends um sieben drehte er seine Runden, das erste Mal seit dem April 2008, als er zuletzt als Testfahrer einen Ferrari über den Asphalt jagte.

Schon nach einiger Zeit habe er konstante Rundenzeiten fahren können, sagte er danach, und auch mit seiner schnellsten Runde sei er recht zufrieden. Das Training laufe gut – sein Arzt bescheinigte ihm gar den Fitnessstand eines 25-Jährigen, weil Schumacher es sich auch nach seinem Rücktritt Ende 2006 nie auf dem Sofa bequem gemacht hatte. „Nur mein Genick zwickt zugegebenermaßen etwas“, gab der Deutsche nach seiner Testfahrt zu. „Das müssen wir noch in den Griff kriegen.“

Das Genick. Sein Umfeld war deswegen von Beginn an äußerst zurückhaltend gewesen. „Der Nacken ist ein Risiko“, hatte Schumachers Pressesprecherin Sabine Kehm dem Tagesspiegel am Tag der Comebackverkündigung gesagt. Im Februar war er bei einem Motorradrennen in Spanien schwer gestürzt, das Ausmaß der Verletzungen war lange Zeit unklar. Spekulationen über unter Rollkragenpullovern versteckte Halskrausen und zwei angebrochene Rückenwirbel machten die Runde, und es war zu hören, sein ehemaliger Physiotherapeut Balbir Singh habe ihm abgeraten, jemals wieder Motorsport zu betreiben.

Doch Schumacher, der Speedfreak, konnte nicht ohne Geschwindigkeit. Er ließ das Motorradfahren auf Druck seiner Frau sein, auf vier Rädern aber raste er, sobald es wieder möglich war. Womöglich hat es seine Entscheidung beeinflusst, dass er bei einem Spaßkartrennen vor einem Monat die halbe versammelte Formel-1-Prominenz schlug, darunter den als seinen Nachfolger auserkorenen Sebastian Vettel und Felipe Massa.

Doch ein Formel-1-Rennen wollte Schumachers lädierte Halspartie offensichtlich nicht mehr ertragen. „Mein Nacken kann den extremen Belastungen der Formel 1 nicht standhalten.“ Das habe sich im Verlauf der Untersuchungen „deutlich gezeigt“, zuletzt bei der Abschlussuntersuchung am Montagnachmittag.

Mehr noch: Offenbar hatte er sich bei seinem Sturz sogar einen Schädelbruch zugezogen. Schumacher jedenfalls berichtet erstmals von Brüchen „im Bereich Kopf und Hals“.

Auch sein Manager Willi Weber wusste selbstredend von den Gesundheitsproblemen seines Klienten und Freunds. Bei einer langen Diskussion über Sinn und Unsinn eines Comebacks hatte er ihm aber weniger aus medizinischen, sondern vielmehr aus Statusgründen von einer Rückkehr hinters Lenkrad abgeraten. „Michael, das Problem ist die Erwartungshaltung der Menschen. Wenn ein Schumacher wieder ins Auto steigt, dann wollen sie ihn siegen sehen.“ Schumacher habe nicht auf ihn hören wollen, „es war allein seine Entscheidung“. Dennoch hatte Weber die Produktion der Merchandising-Artikel lieber noch nicht anlaufen lassen. Er lag richtig damit.

Wenn man Schumacher Böses unterstellen wollte, könnte man dennoch von einem gelungenen Marketingtrick sprechen. Sein Stern, der für ein paar Sommertage so hell wiederaufgeflackert war, hat jedenfalls abgelenkt von dem maroden Zustand, in dem sich die Formel 1 derzeit präsentiert – nicht erst nach dem Ausstieg von BMW, der justament am gleichen Tag verkündet worden war, an dem Schumacher seine Fahrbereitschaft signalisiert hatte. Die Rennserie blieb auch in ihrer Sommerpause in aller Munde, und die Kartenverkäufe für die anstehenden Rennen in Spanien, Belgien und Italien zogen drastisch an. Auch ihm persönlich dürfte die Angelegenheit, abgesehen von den Nackenschmerzen, wenig Schaden zugefügt haben. Sein Vertrag als Ferrari-Berater, der ihm jährlich kolportierte fünf Millionen Euro zufließen lässt, läuft am Ende des Jahres aus; eine Verlängerung ist angesichts des selbstlosen, wenngleich am Ende gescheiterten Rettungsversuchs bestimmt nicht unwahrscheinlicher geworden.

Auch Michael Schumachers zwiespältige Legende wird durch das vermasselte Comeback nur noch gestärkt. Seinen Fans wird er barbarossagleich weiter als der Größte aller Zeiten gelten können, schließlich kam er noch einmal daran vorbei, sich im bockigen diesjährigen Ferrarimodell demütigen lassen zu müssen. Seinen Kritikern hingegen wird auch die Comebackepisode in ihr Bild seiner Karriere passen, das neben seinen 91 Siegen und sieben WM-Titeln auch jede Menge fragwürdige Manöver zeigt. Auch deswegen betonte Schumacher neben seiner „tiefen Enttäuschung“ wohl ausdrücklich: „Ich kann nur nochmals sagen, dass ich alles versucht habe, was in meiner Macht stand.“

Am Sonntag nächster Woche wird der Große Preis von Europa in Valencia gestartet. In Felipe Massas Ferrari sitzen wird dann der bisherige Testfahrer Luca Badoer, doch die Augen der Zuschauer werden in eine andere Richtung blicken. In die Ferne, zu einem Mann, auf dessen Rückkehr die Formel 1 wohl ewig weiter warten wird. Vielleicht ist zwischen dem kreischenden Motorenlärm auch der eine oder andere leise Seufzer zu hören. Und vielleicht, vielleicht kommt einer sogar von Bernie Ecclestone. 

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