Zeitung Heute : Formel zum Glück

Dagmar Rosenfeld

Der Lottojackpot für die Ziehung am Samstag liegt bei der Rekordsumme von 35 Millionen Euro. Wie schafft man die sechs Richtigen plus Superzahl, um den Jackpot zu knacken?


Wer die Lottomillionen gewinnen will, der braucht ein wenig Kombinationsvermögen, eine ruhige Hand, viel Geld und vor allem sehr viel Zeit. Um sechs Richtige zu schaffen – samt Superzahl, also der letzten Ziffer der Losnummer auf dem Lottoschein – müssen alle 139 838 160 möglichen Zahlenkombinationen gespielt werden. Ganz konkret bedeutet das, vor dem Reichtum steht eine Menge Arbeit: Es sind 11 653 180 Lottoscheine auszufüllen. Selbst ein Schnelltipper bräuchte pro Schein ungefähr eine Minute, das heißt, er ist ungefähr 22 Jahre lang damit beschäftigt, Lottozahlen anzukreuzen. Alternativ empfiehlt sich ein großer Freundeskreis: Wenn 8092 Menschen beim Ausfüllen helfen und ohne Pause Kreuzchen machen, ist die ganze Sache in 24 Stunden erledigt.

In jedem Fall sollte online gespielt werden. Denn 11 653 180 ausgefüllte Tippscheine zu registrieren, damit wäre wohl jede Lotto-Annahmestelle überfordert.

Bleibt noch der finanzielle Aspekt: Der Spieleinsatz kostet rund 107,21 Millionen Euro. Selbst Deutschlands bestbezahlter Vorstandsvorsitzender, Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, müsste fast elf Jahresgehälter investieren, um sich den todsicheren Tipp leisten zu können. Rechnen würde sich der Einsatz allerdings kaum: Zwar wäre nicht nur der Jackpot sicher, sondern noch weitere Sechser, Fünfer, Vierer und Dreier. Doch die Höhe der Gewinnsumme hängt davon ab, wie viele andere Spieler auch die richtigen Zahlen getippt haben. Dass sechs Richtige mit Superzahl nicht zwangsläufig zu Reichtum führen, hat die Lottoziehung vom 25. April 1984 gezeigt. Weil 69 Spieler die richtigen Zahlen getippt hatten, erhielt jeder nur 16 907 D-Mark.

Nun ist es so, dass der Mensch, wenn er an die Grenzen der Wirklichkeit stößt, gerne den lieben Gott ins Spiel bringt. So ist es schon vor 300 Jahren gewesen, als das Lotteriespiel in Deutschland noch jung war. Johann Heinrich Zedlers fragte in seinem Universallexikon aus dem 18. Jahrhundert – dem größten Nachschlagewerk der damaligen Zeit – nach dem Zusammenhang von „Gottes Vorsehung“ und der „Austeilung des Lotterien-Glücks“. Zedlers Erkenntnis: „Der Schöpfer hat wie im wirklichen Leben, indem er dem einen ein gutes, dem anderen ein mittelmäßiges, dem dritten aber ein schlechtes Los zuweist, auch bei der Lotterie die Hand im Spiel.“

Tatsächlich ist es so, dass das Lottospiel und der Aberglaube seit jeher eng miteinander verbunden sind. Erfunden wurde das Lotto im 15. Jahrhundert in Genua. Ursprünglich wurde dort das Los dazu genutzt, um die Mitglieder des Stadtrats neu zu bestimmen. Dazu wurden 90 Namen auf Zettel geschrieben, aus denen dann fünf gezogen wurden. Weil die Genueser offenbar ein spielfreudiges Volk waren, wetteten sie auf die Kandidaten. Später wurden die Namen dann durch Zahlen ersetzt. Und schon damals suchten die Spieler nach der „Glücksformel“ für den richtigen Tipp.

Das ist bis heute so geblieben. Manche schwören auf die Geburtsdaten ihrer Lieben, manche nehmen die Zahlen, die ihr Horoskop empfiehlt und manche versuchen es mit der Statistik. So wird zum Beispiel von den Lottogesellschaften veröffentlicht, wie häufig die einzelnen Zahlen seit dem 9. Oktober 1955 – der ersten gemeinsamen Ziehung der Lottozahlen in der Bundesrepublik – ausgelost worden sind. Spitzenreiter ist die Zahl 38, die seitdem 700 Mal gezogen wurde. Allerdings hilft der statistische Ansatz genauso wenig wie das Geburtsdatum des Gatten, um den sechs Richtigen näher zu kommen. Denn es ist egal, welche Zahl bisher besonders oft gezogen worden ist. Aus der Häufigkeit lassen sich keinerlei Rückschlüsse ableiten, wie wahrscheinlich es ist, dass sie auch bei der nächsten Ziehung dabei ist. Die Wahrscheinlichkeit gezogen zu werden, ist für alle 49 Zahlen gleich.

Am Ende also gibt es wohl nur zwei Möglichkeiten, den Jackpot zu knacken: 11 653 180 Lottoscheine ausfüllen oder einfach unverschämtes Glück haben.

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