Zeitung Heute : Formvollendete Mails verschicken

Von Elisabeth Binder

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Heute ist Sonntag, da nähern wir uns anderen Menschen mal auf behutsame Weise. Es gibt ja komischerweise immer noch Nervensägen, die sehen einen von weitem auf der Straße und stürzen auf einen zu, um endlich alle ihre lang aufgestauten Probleme loszuwerden. Die gleichen Leute rufen einen mit der siegesbewussten Pose eines Menschen an, der einen anderen aus lähmender Langeweile befreit und überschütten einen dann mit ununterbrechbaren Wortkaskaden. Kürzlich hatte ich mal eine mir völlig unbekannte, offenbar sehr junge Frau in der Telefonleitung, die ohne Punkt und Komma unheimlich aufgeregt in den Hörer redete und irgendwas wollte, was sie selber sehr wichtig fand, ich mit zunehmender Länge aber immer unwichtiger. Ein kleines „Rufe ich zu einem guten Zeitpunkt an?“, empfiehlt sich eben nicht nur bei HandyNummern, sondern auch auf dem Festnetz.

Wobei das Festnetz ja kaum noch eine Rolle spielt. Vor einiger Zeit beschwerte sich eine Besucherin, dass ich stundenlang überhaupt nicht erreichbar gewesen sei. Dabei hatte ich mein Handy ausgeschaltet, weil ich, mit einer längeren Arbeit am Computer befasst, wie angeklebt neben dem Festnetztelefon saß. Sowas hält aber niemand mehr für möglich.

Aus den USA kommt eine neue Sitte der sanften Kommunikation zu uns: die Vorwarnung. Dort gilt es inzwischen als höflich, ein Telefongespräch per E-Mail anzukündigen. „Lieber John, ich würde Dich gern mal am Telefon sprechen, versuche es morgen zwischen drei und fünf. Wenn Dir das nicht passt, lass mich bitte einen besseren Zeitpunkt wissen.“ Perfekt. Fehlt nur noch das Thema in der Betreff-Zeile.

Der Kontakt mit E-Mails hat sowieso eine sehr angenehme Mischung aus Distanz und Intimität. Wenn man nur ein bisschen darauf achtet, seine Betreffzeilen ehrlich zu formulieren, das heißt, Mittelwichtiges nicht dringlicher klingen zu lassen als es eigentlich ist und zeitlose Botschaften als solche zu kennzeichnen, dann trifft man den anderen immer im richtigen Moment an. Man muss nicht, wie beim Telefon fürchten, dass man ihn gerade unter der Dusche hervorklingelt, dass er die falschen Leute auf dem Sofa sitzen hat, dass er, weil gerade beim Abendbrot, mit vollem Mund den Hörer abnimmt, obwohl ihm das peinlich ist. Wann der Adressat oder Freund die E-Mail öffnet, entscheidet er selbst. Sanfter und rücksichtsvoller kann Kommunikation nicht sein. Übrigens auch nicht kreativer. Während viele Menschen in Überfallsituationen automatisch auf Blockade schalten, kommen auch bei auf Anhieb unsinnigen Anliegen per Mail beim zweiten Blick unter Umständen ganz gute Ideen auf. Man lässt einen gemailten Einfall auf sich wirken, bis er eine andere, einleuchtende Form annimmt.

Was allerdings einige Zeitgenossen dazu treibt, die guten Briefsitten im Internet verrohen zu lassen, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Natürlich sollte man auch da den anderen korrekt anreden und ihn freundlich oder sogar herzlich grüßen. Und natürlich erteilt der Computer Tipp- und Rechtschreibfehlern keine automatische Generalabsolution. Wer digital kommuniziert, sollte sich keine Sünden gestatten, die ihm auf dem guten, alten, analogen Büttenpapier peinlich wären. Jedenfalls nicht beim sonntäglich sanften Austausch.

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