Zeitung Heute : Forschen in der Großfamilie

Wenn die Herz-Lungen-Maschine abgeschaltet wird: Plädoyer für eine Lebenswissenschaft, in der Mediziner und Philosophen voneinander lernen

Christoph Markschies

Von Lebenswissenschaften ist allerorten die Rede. Meist versteht man darunter in schlichter Übertragung des Begriffs life sciences eine Verknüpfung von Biowissenschaften und Medizin. Und wer wollte bestreiten, dass wir gerade auf diesen Gebieten derzeit Zeugen einer rasanten Entwicklung der Forschung werden? Ebenso wenig kann bezweifelt werden, dass dabei nahezu täglich neue Lebenschancen eröffnet werden: Schädlingsresistente Getreidesorten können bisher unbezwingbaren Plagen widerstehen, monoklonale Antikörper können die Überlebenschancen Krebskranker verbessern.

An der Humboldt-Universität im Verbund mit der Charité wird jedoch ein wesentlich breiteres Konzept von Lebenswissenschaft institutionalisiert. Schon deswegen, weil sich der grundlegende Begriff Leben nicht auf bestimmte Funktionen oder Bereiche reduzieren lässt. Leben ist vielfältig und komplex, es entwickelt sich in ständiger Interaktion mit der Umwelt.

Im Körper des Mikrobiologen spielen sich dieselben molekularen Prozesse der Genexpression und der Zellatmung ab wie in der Amöbe unter seinem Mikroskop. In solchen biologischen Prozessen geht Leben aber nicht auf. Überall ist beobachtbar, welche Bedeutung Symbiose, Kooperation und Wettkampf haben: Im Tier- wie im Pflanzenreich spielt sich das Leben nicht nur auf der Ebene des individuellen Organismus, sondern auch in Gemeinschaft ab, ob im Zellverbund oder in der Großfamilie. Beim menschlichen Leben interagieren biologische und soziale Prozesse: Suchtverhalten zum Beispiel lässt sich als individuelles Krankheitsbild ebenso beschreiben wie als physiologisches Zusammenspiel von Botenstoffen, Synapsen und Schlüsselreizen – oder auch als soziale Praxis.

Für ein umfassendes Verständnis von Lebenswissenschaft spricht auch, dass der enorme Zuwachs an biowissenschaftlichem und medizinischem Wissen über das Leben viele neue Fragen provoziert, die nicht von Biologen und Medizinern im Alleingang gelöst werden können: Darf ein genetisches Risikoprofil darüber entscheiden, ob und zu welchen Konditionen man sich gegen Krankheit versichern kann? Ist das Gehirn eine biologische Maschine, der freie Wille eine Illusion dieser Maschine?

Wer überzeugende Antworten auf solche Fragen finden will, kann die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften nicht außen vor lassen. Diese Disziplinen fehlen aber im reduktionistischen Konzept der Lebenswissenschaften, das die meisten deutschen Universitäten verfolgen.

Dabei wird oft über die Schwierigkeiten geklagt, die Gräben des Nichtverstehens zwischen Natur- und Geisteswissenschaften zu überwinden. Manche sprechen gar von „zwei Kulturen“. Eine wirkliche Integration dieser Großbereiche von Wissenschaft kann durch eine institutionalisierte, nichtreduktionistisch verstandene Lebenswissenschaft nur dann gelingen, wenn disziplinäre Grenzen überschritten werden und neue Formen der Zusammenarbeit erprobt werden – beispielsweise in Gestalt flexibler Forschungszentren auf Zeit. Denn mit engagierter medizinischer Forschung, die hinterher von klugen Ethikern kritisch, aber letztlich verständnislos kommentiert wird oder hochphilosophischen Thesen über das Leben, die die Biologen als vorgestrig belächeln, ist es ja nicht getan.

Vielmehr ist eine Integration erst gelungen, wenn die Ärzte, die eine Herz-Lungen-Maschine abstellen können, einmal mit Philosophen darüber nachgedacht haben, was menschliches Leben zu Leben macht. Umgekehrt sollten die Philosophen von den Medizinern gelernt haben, was das Abschalten einer Herz-Lungen-Maschine für ihr Verständnis von Leben bedeutet. Bereits auf der Ebene der Ausbildung von Studierenden kann eine Institutionalisierung lebenswissenschaftlicher Forschung im Studienalltag viel verbessern: In einem Medizinethik-Seminar an der Charité gaben 85 Prozent der angehenden Ärztinnen und Ärzte freimütig zu, noch nie systematisch über die ethischen Probleme des Schwangerschaftsabbruchs oder der Kommunikation lebensbedrohlicher Diagnosen nachgedacht zu haben. Und umgekehrt ahne ich, wie viele Anglistik-Studierende Schrödingers Katze für das Haustier eines verstorbenen Nobelpreisträgers halten.

Eine so umfassend verstandene Lebenswissenschaft als Integrationswissenschaft kann nur unter zwei Voraussetzungen institutionalisiert werden: Nicht nur die jeweiligen disziplinären Studienprogramme müssen angereichert, sondern seriöse gemeinsame Fragestellungen entwickelt werden, die die Gutachter in den jeweiligen Fachkulturen überzeugen.

Solche gemeinsamen Fragestellungen zu etablieren ist schwierig, weil nur wenige das interdisziplinäre Gespräch eingeübt haben und über die notwendige Zeit dafür verfügen. Aber es gibt durchaus Ansätze, gerade an der Humboldt-Universität. So scheint mir, dass die Erforschung der Evolution ein solcher Bereich gemeinsamer Forschung werden könnte, es zum Teil auch schon ist.

So wie in den Biowissenschaften seit langem und nun zunehmend auch in der Medizin dieses Paradigma leitend geworden ist, lohnt es sich beispielsweise für den Kirchenhistoriker, den Siegeszug des Christentums in der Antike nach dem Modell „survival of the fittest“ zu beschreiben und dazu nicht den Stand seines biologischen Schullehrbuchs zugrunde zu legen, sondern die Ergebnisse seiner Kollegen aus dem Institut für Biologie.

Die gemeinsamen Projekte müssen jedoch auch in den jeweiligen disziplinären Kulturen überzeugen. Nur dann werden sich Kolleginnen und Kollegen finden, die gemeinsam ans Werk gehen. Bislang gehört für eine Juniorprofessorin für Biochemie ein Seminar zum Thema „Evolution“, das sie gemeinsam mit einem Kollegen aus der Theologie anbietet, nämlich eher nicht zu den Unternehmungen, die ihre disziplinäre Karriere befördern.

Eine derartig breit verstandene, aber zugleich durch konkrete disziplinäre Forschung überzeugende Lebenswissenschaft als Integrationswissenschaft an der Humboldt-Universität zu etablieren, ist ein zentrales Anliegen im Vorfeld des Jubiläums 2010. Auf diese Weise werden nämlich auch die Impulse der Gründerväter dieser Hochschule, die Einheit der Wissenschaft ungeachtet aller notwendigen Spezialisierung zu bewahren, in zeitgemäßer Form aufgegriffen. Schließlich können heute Geistes- und Naturwissenschaften nicht in einem einzelnen Brüderpaar, einigen gepflegten Salonveranstaltungen oder bloßen Theorien kluger Idealisten zusammengehalten werden.

In den vergangenen Jahren hat die Humboldt-Universität beispielsweise im Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik oder im Institut für theoretische Biologie Standards interdisziplinärer Kooperation gesetzt. Nun kommt es darauf an, dass die Reformuniversität im Herzen Berlins im Vorfeld ihres großen Jubiläums, aber auch im Zeichen der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder, zu neuen Ufern aufbricht: Indem sie eine einschlägig profilierte Lebenswissenschaft etabliert – und zugleich verkrustete Strukturen und Denkweisen aufbricht.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und seit Januar dieses Jahres Präsident der Humboldt-Universität.

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