Zeitung Heute : Forschen mit dem „Liquidrom“

Der Ägypter Emad Flear Aziz Bekhit wird heute mit dem Dissertationspreis Adlershof ausgezeichnet

Rita Nikolow

30 Jahre ist er alt, „leider“, wie er sagt. Zum Klagen hat der Ägypter Emad Flear Aziz Bekhit eigentlich gar keinen Grund. Denn der Chemiker beschäftigt sich bereits sein halbes Leben lang mit Naturwissenschaften und ist für sein Alter überaus erfolgreich. Auf seiner Publikationsliste stehen mehr als 20 Veröffentlichungen, im Dezember hat er den Ernst-Eckhard- Koch -Preis 2008 bekommen, und heute wird er zum zweiten Mal für seine Doktorarbeit ausgezeichnet: Mit dem Dissertationspreis Adlershof, der ihm am Nachmittag im Rahmen des 1. Festkolloquiums für „Computation in the Sciences“ verliehen wird. Der Chemiker hat sich auf Synchrotronstrahlung spezialisiert: Diese Strahlung entsteht, wenn leichte geladene Teilchen wie zum Beispiel Elektronen sich annähernd mit Lichtgeschwindigkeit bewegen und von einem Magneten abgelenkt werden. Künstlich erzeugt wird diese Strahlung in Laboren, und zwar in so genannten Speicherringen.

In seiner Doktorarbeit hat sich Emad F. Aziz Bekhit mit Wasser beschäftigt, und mit den elektronischen Eigenschaften von Ionen, Molekülen und Polymeren in flüssiger Umgebung. Der genaue Titel seiner Arbeit lautet „Local Electronic an Geometric Structure of Ions, Molecules and Polymers in Liquid Phase“.

Fachlich bewegt er sich mit der Dissertation in einen Grenzbereich zwischen Physik, Chemie und Biologie. Die Jury hat sich einstimmig für ihn entschieden, weil er sein Forschungsgebiet „umfassend“ durchdrungen habe.

Im Mittelpunkt seiner Dissertation stand eine Experimentierkammer, die der Ägypter selbst gebaut hat, und die er am Elektronenspeicherring BESSY II der Berliner Elektronenspeicherring-Gesellschaft für Synchrotronstrahlung in Adlershof zum Einsatz brachte.

Der Kasten, den Aziz „Liquidrom“ genannt hat, ermöglicht es, wässrige Proben mit ultravioletter und weicher Röntgenstrahlung spektroskopisch zu untersuchen. Für diese Analyse müssten sich die Proben eigentlich im Ultrahochvakuum befinden: Dabei verdampft jedoch das Wasser sehr schnell, wodurch das Vakuum zerstört wird.

In seinem „Liquidrom“ hat Emad F. Aziz Bekhit die Luft durch eine Heliumatmosphäre ersetzt, die Probe ist ein dünner Flüssigkeitsstrahl. So blieb das Ultravakuum erhalten, und der Chemiker konnte unter anderem analysieren, wie sich Ionen in wässriger Lösung verhalten, in Abhängigkeit von Konzentration und PH-Wert. Untersucht hat er mit seinem „Liquidrom“ aber auch die Sauerstoffaufnahme im Hämoglobin, dem roten Blutfarbstoff, der ein wichtiger Bestandteil der roten Blutkörperchen ist.

Von Bedeutung können Emad F. Aziz Bekhits Forschungsergebnisse zum Beispiel für die Solarzellforschung sein, und für die Drogentherapie: denn sie geben Auskunft darüber, was passiert, wenn sich andere Chemikalien im Blut befinden. Aber auch bei der Beantwortung der Frage, weshalb Kosmetikprodukte wie Mascara oder Lidschatten so häufig an Qualität oder Farbe verlieren, können die Forschungsergebnisse helfen.

Emad F. Aziz Bekhit arbeitet bereits seit 2004 in Adlershof. Seit diesem Jahr leitet er am Helmholtz-Zentrum für Materialien und Energie eine eigene Arbeitsgruppe. Dass er heute ausgezeichnet wird, ist für ihn eine große Ehre: „Dieser Preis zeigt, dass ich etwas Nützliches mache und weder meine Zeit noch Steuergelder verschwende.“

Erstmals nach Deutschland und Berlin gekommen ist der in Kairo geborene Ägypter 1999, mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Damals arbeitete bei der Bundesanstalt für Materialforschung und -Prüfung. 2001 kam er dann wieder nach Deutschland – und blieb. Er fühlt sich wohl in Berlin, weil die Stadt niemals schläft – und es immer noch einen Laden oder eine Bar gibt, die geöffnet ist.Rita Nikolow

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