Forschungsergebnis : Drei Jahre Kita machen fit für die Schule

Eine neue Bildungsstudie zeigt: Kinder, die eine längere Zeit im Kindergarten verbringen, können damit Defizite des Elternhauses ausgleichen. Die Forscher untersuchten besonders Kinder aus Migrantenfamilien.

Susanne Vieth-Entus

Ein einziges Kindergartenjahr hat kaum positive Effekte für die Schulreife. Nur ein dreijähriger Kitabesuch reicht aus, um Kinder aus bildungsfernen Schichten angemessen auf die Schule vorzubereiten und Rückstellungen damit zu verhindern. Das besagt eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die dem Tagesspiegel am Sonntag vorliegt.

Ohne ausreichende Kita-Förderung weisen Kinder aus bildungsfernen Familien und Kinder mit Migrationshintergrund überproportional häufig Entwicklungsdefizite auf. Die Zahlen dazu sind eindeutig: So wird jedes zweite Kind vom Schulbesuch zurückgestellt, wenn die Eltern keinen formalen Bildungsabschluss haben. Haben die Eltern einen mittleren Bildungsabschluss, liegt die Wahrscheinlichkeit der Rückstellung immer noch bei knapp 30 Prozent. Stammen die Kinder aus einem Akademikerhaushalt, trifft es nur acht Prozent. Völlig anders verhält es sich, wenn Kinder aus bildungsfernen Haushalten und Migrantenfamilien bereits mit drei Jahren den Kindergarten besucht haben. Die Wahrscheinlichkeit einer Rückstellung vom Schulbesuch sinkt dann von 50 auf 13 Prozent.

„Das Risiko der Rückstellung wird durch den frühen Kindergartenbesuch fast ausgeglichen“, stellen die Bildungssoziologen Jens Kratzmann und Thorsten Schneider von der Universität Bamberg fest. Ihre empirische Untersuchung „Soziale Ungleichheiten beim Schulstart“ basiert auf Daten, die vom DIW Berlin in Zusammenarbeit mit Infratest Sozialforschung erhoben wurden. Die Autoren folgern, dass es im Sinne einer erfolgreichen Förderung „nicht effektiv ist“, nur das letzte Kitajahr kostenfrei zu machen.

Es ist das erste Mal, dass bundesweit die Auswirkungen der sozialen Herkunft und des Kindergartenbesuchs auf die Schulreife untersucht wurden. Vergleichbare Befunde gibt es bisher nur für einzelne Städte, darunter Berlin.

Die Auswertung der Berliner Einschulungsdaten hatte 2007 ergeben, dass fast alle Fünfjährigen die Kita besuchen, aber nicht die Jüngeren: Je niedriger der soziale Status, desto kürzer der Kitabesuch. Von den arabischen Kindern geht sogar nur jedes zweite längere Zeit in die Kita. Auch bei ihnen zeigte sich, dass sprachliche und andere Defizite erst bei längerem Kitabesuch erheblich abnahmen.

Obwohl Fachleute längst fordern, das erste und nicht das letzte Jahr kostenfrei anzubieten, um sozial schwachen Familien den Einstieg zu erleichtern, hat Berlin sich erst mal anders entschieden.

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