Zeitung Heute : Forschungsobjekt statt Daddel-Kiste

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Von Stefan Schmitt

Das Gemetzel findet gleichermaßen auf dem Bildschirm und hinter den Kulissen statt: Der Markt für Spielekonsolen ist hart umkämpft, und die Xbox von Microsoft hat seit ihrem holprigen Deutschland-Start im März einen schweren Stand. Doch nicht nur gegen die Konsolen-Konkurrenz von Sony (Playstation 2) und Nintendo (GameCube) muss sich die schwarze Kiste aus dem Windows-Imperium beweisen. Jetzt will ihr auch noch ein ganz anderer Gegner zuleibe rücken – Tux, der Linux-Pinguin.

Seit Mitte Juli kursieren Bilder im Internet, die den Startbildschirm der Xbox zeigen. Doch neben dem großen, grünen „X“, das beim Hochfahren erscheint, sitzt da eben am oberen linken Bildrand das knuffige Maskottchen der Linuxgemeinde. Darunter die lapidare Botschaft: „Xbox Linux coming soon“ – bald kommt Linux auf die Xbox. Mehr nicht. Aber diese kleine Einblendung, von der Software „Linuxpreview“ realisiert, ist wie ein Motivationsschub für eine kleine Gruppe von Bastlern. Weit verstreut über Europa und Nordamerika arbeiten sie an dem Ziel, das alternative Betriebssystem auf dem Spielzeug zum Laufen zu bringen.

Gar nicht so abwegig

Das Betriebssystem eines Personalcomputers auf einem Videospielgerät? Was abwegig klingt, ist auf den zweiten Blick sogar besonders plausibel: Immer ähnlicher werden sich die Schreibtisch-Computer und Wohnzimmer-Spielesysteme. Noch nie war eines näher mit dem PC verwandt als eben die Xbox. Genau genommen ist Microsofts erster Versuch, in den multimillionenschweren Videospielemarkt vorzudringen, nichts als ein verkappter Personalcomputer, trotz leichter Veränderungen. Intels Celeron-Prozessor, Nvidia-Grafikkarte, 64 Megabyte Hauptspeicher, acht Gigabyte Festplatte – so sehen auch handelsübliche PCs von innen aus. Und sogar die Software ist eine alte Bekannte. Die Xbox läuft mit einer abgespeckten Version von Windows. Eigentlich ist das Ding ein vollwertiger PC – auch wenn man es von außen nicht sieht.

Ein echter Bastler aber blickt durch das klobige, schwarze Plastikgehäuse der Konsole hindurch. So auch Michael Steil. Der Informatikstudent aus München ist der Autor von „Linuxpreview“, und damit verantwortlich für den ersten Tux, der nun auf einer Xbox erschien. „Ich habe mir das Ding nicht als Spielekonsole gekauft“, sagt er. Das neue Spielzeug war vom ersten Tag an Forschungsobjekt und nicht Daddel-Kiste. Bald sah er im Internet: Auch andere versuchen, ihre Xboxen mit mehr zu füttern. Und das Mehr, so viel war allen klar, sollte eben Linux sein. Nicht umsonst ist die Windows-Alternative als „Hacker-Betriebssystem“ bekannt geworden. Kooperativ von Tausenden Programmierern entwickelt, liegt sein Quellcode offen, es gibt keine Geheimnisse. Steil und seine Mitstreiter können es so besonders gut an die Hardware der Xbox anpassen. Vor allem aber, Linux zu verändern, ist völlig legal.

Denn bei allem Bastler-Ehrgeiz, das Xbox-Linux-Projekt ist auch eine Gratwanderung. Veränderungen an kommerzieller Software sind strafbar. Würden die Hacker Programme abändern, die mit der Xbox geliefert wurden, wäre das eine Copyright-Verletzung. „Wie bei allen anderen Microsoft-Produkten auch werden Urheberrechts-Verletzungen von uns mit allen gesetzlichen Möglichkeiten verfolgt“, droht Xbox-PR-Manager Boris Schneider-Johne knapp. Überhaupt ist man bei Microsoft wortkarg, was das Projekt angeht.

Der Spender bleibt anonym

„Es würde mich auch wundern, wenn die sich äußern würden“, sagt Steiler, der sich seit Juli über gesteigerte Aufmerksamkeit für das Xbox-Linux-Projekt freuen kann. Ein anonymer Spender hat eine Gesamtprämie von 200 000 US-Dollar für die beste Linux-Umsetzung auf der Spielekonsole bis zum Ende dieses Jahres ausgelobt. Das Preisgeld ist aufgeteilt. Den größten Anteil soll der Bastler erhalten, dem es gelingt, Linux ohne jegliche Veränderung an der Konsolen-Hardware zu starten. So könnte dann auch Otto-Normalbenutzer mit Xbox-Linux umgehen. An Treibern und Adaptern für Mäuse, Tastaturen und andere Geräte wird bereits gebastelt. Damit könnte man jedes beliebige Linux-Programm auf der Spielekonsole nutzen.

Die Idee hat für echte Linux-Fans, oft die größten Microsoft-Skeptiker, einen unwiderstehlichen Charme: Wegen des starken Preiskampfs mit Sony und Nintendo verliert Microsoft nach Analysten-Schätzungen 100 bis 150 Euro pro verkaufter Konsole: Verluste, die die Redmonder erst über Lizenzgebühren für verkaufte Spiele wieder ausgleichen können. Diese Einnahmen würden wegfallen, wenn Xbox-Käufer auf der ganzen Welt sich weniger mit Videospielen und stattdessen mehr mit Linux und dazu passenden Anwendungen beschäftigten würden – die sind nämlich kostenlos.

Mehr zum Thema unter:

http://xbox-linux.sourceforge.net

www.xbox.com/de

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