Zeitung Heute : Forschungssatelliten „Tom“ und „Jerry“ sind endlich im All

Der Tagesspiegel

Potsdam. Sonntag, 10. 15 Uhr mitteleuropäischer Zeit am russischen Weltraumbahnhof Plesetsk, gut 800 Kilometer nördlich von Moskau: Eine Interkontinentalrakete vom Typ SS-19 wartet bei diesigem Wetter auf ihren Start ins All. An Bord die Forschungssatelliten „Tom“ und „Jerry“.

Ortswechsel. Im Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam starren die Besucher gebannt auf die große Leinwand im Hörsaal. Wird der Start der Trägerrakete im zweiten Anlauf gelingen? Am Samstag war der Beginn der Mission „Grace“ noch von heftigem Wind verweht worden. Die Potsdamer Wissenschaftler zittern ganz besonders um die Zwillinge „Tom“ und „Jerry“. Das Tandem könnte ohne das technische Know-how aus dem GFZ zur Vermessung des Erdschwerefeldes nicht funktionieren. Gebaut wurden die beiden Satelliten von der Firma Astrium in Friedrichshafen.

10. 21 Uhr: Gelber Rauch steigt auf, und die Startrampe ächzt und qualmt. Die Triebwerke zünden pünktlich. Die Rakete startet scheinbar gemächlich unter lautem Dröhnen ins All. Unmengen von Staub wirbeln auf. Nach nur wenigen Sekunden ist die SS 19 in den tief hängenden Wolken verschwunden. Nur an der ruhigen Stimme des Mannes aus dem russischen Kontrollzentrum können die Potsdamer Zaungäste erkennen, dass das Abheben gelungen sein muss. Beifall erfüllt das Forschungszentrum auf dem Telegrafenberg, Sektkorken knallen.

Unterdessen sind die jeweils 490 Kilogramm schweren Satelliten unterwegs in die Umlaufbahn in zirka 500 Kilometer Höhe. Dort sollen sie etwa 95 Minuten für eine Erdumrundung brauchen. Mit dem Start der Trägerrakete beginnt das deutsch-russische Raumfahrtunternehmen Eurockot seine erste kommerzielle Mission. Nach etwa 75 Minuten erreicht das Duo, mit Empfängern zur Positionsbestimmung, Beschleunigungsmessern und Sternensensoren ausgestattet, den Orbit. Kurze Zeit später werden „Tom“ und „Jerry“ ausgesetzt. Kurz danach erfolgt dann der erste Kontakt mit der Bodenstation des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Weilheim. Erst jetzt können die Potsdamer Forscher wirklich aufatmen. Zusammen mit dem Center for Space Research der Universität von Texas in Austin werden sie zukünftig die Daten, die „Tom“ und „Jerry“ zur Mutter Erde funken, wissenschaftlich auswerten. Das GFZ Potsdam ist die größte geowissenschaftliche Forschungseinrichtung in Deutschland.

„Das Einzigartige an der „Grace-Mission“, erklärt GFZ- Vorstandsvorsitzender Rolf Emmermann erleichtert, „ist die hochgenaue Bestimmung der Erdschwere“. Durch die Lieferung von Daten in hoher Auflösung eigne sich „Grace“ auch für die Überwachung klimatischer Veränderungen. Die Verlagerung von Luftdruckgebieten, die Änderungen von Meeresströmungen und Veränderungen der Eismassen auf Grönland und in der Antarktis ließen sich studieren.

Potsdams Oberbürgermeister Matthias Platzeck (SPD) richtet den Blick über den Tag des erfolgreichen Raketenstarts hinaus. Die Forschungsmission kann nach seiner Ansicht dafür sorgen, dass Potsdam „als Wissenschaftsstandort weltweit reüssiert und bekannt wird“. dpa

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