Zeitung Heute : Forum "Verkaufte Wahrheit" zum Verhältnis von Politik und Medien

Iris Alanyali

Kann es gutgehen, wenn man unter dem Titel "Verkaufte Wahrheit" das Problem diskutieren will, der Öffentlichkeit Politik so zu vermitteln, dass weder die Wahrheit noch die Quote auf der Strecke bleibt? Und zu dieser Diskussion lauter seriöse Journalisten und einen unbestritten integeren Politiker einlädt? Natürlich geht es gut. Zu gut. Das Problem wird, den Moderator und Chefredakteur vom Deutschlandradio Berlin, Dieter Jepsen-Föge, eingeschlossen, von acht Medienprofis von allen Seiten beleuchtet, beim "5. Diskussionsforum" unter der Regie des Fernsehsenders Phoenix, von Deutschlandradio und Dresdner Bank.

Die Öffentlichkeit sitzt im Saal oder vor dem Radio und nickt heftig mit dem Kopf. Schlauer wird sie nicht. Acht kluge Köpfe sind zuviel, und acht im Grundsatz übereinstimmende Haltungen sind nicht nur anregend. Letztlich läuft die Diskussion dieses Themas immer auf den Gegensatz von Qualität und Quote/Auflage heraus, mit seiner urdeutschen Implikation, dass in einer unterhaltsamen Verpackung keine Wahrheit stecken könne. Die aber, um die es also ging, saßen nicht im Saal. Kein Redakteur einer Boulevardzeitung. Kein Vertreter einer privaten Sendeanstalt. Und natürlich auch kein verdrossener Zuschauer oder Zeitungsleser, dessen Interesse an Politik erst noch geweckt werden muss. So konnte man sich gegenseitig eines ernsthaften Politikinteresses versichern und die allgemeine Politikverdrossenheit draußen vor der Tür bedauern.

Am nächsten Morgen aber wird sich Wolfgang Thierse wieder auf seinen Präsidentensessel im Bundestag setzten, sich eine würdigere Behandlung auch des parlamentarischen Arbeitsalltags wünschen und die Sensationsgier der Presse beklagen. Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur des Tagesspiegel, wird ihn gelegentlich darauf hinweisen, dass den Politikern die Wahrheit immer dann sehr ungelegen komme, wenn sie Wählerstimmen koste. Ulrich Deppendorf von der ARD und Peter Ellgaard vom ZDF kehren in ihre Hauptstadtstudios zurück, sorgen sich um die Seriosität angesichts des Wettbewerbsdrucks, verpassen ihren Moderatoren buntere Krawatten und verweisen weiter auf die guten Quoten ihrer politischer Informationssendungen. Martin E. Süskind, Chefredakteur der Berliner Zeitung, wird sie dann daran erinnern, dass "das Politikinteresse vielleicht für ihre im Alter doch eher fortgeschrittene Zuschauergruppe gilt, keineswegs aber für das umworbene Publikum der privaten Sender".

Der Sprecher der Bundesregierung, Uwe-Carsten Heye, wird die Korrumpierung der Medien beklagen und sich am nächsten Morgen dazu beglückwünschen können, auch diese Diskussionsrunde intensiv als Werbeplattform für seinen Kanzler Schröder genutzt zu haben. Und Andreas Fritzenkötter schließlich, der Ex-Medienberater des Ex-Kanzlers Helmut Kohl, wird Heye dazu ebenfalls gratulieren und sich weiter skeptisch fragen, wieviel Öffentlichkeit Politik überhaupt vertrage.

Das stimmt alles, und stimmt so nicht ganz. Es gibt nicht nur viele politische Wahrheiten, sondern auch zahlreiche mediale Verkaufsmethoden. Einige sind fragwürdig, bestenfalls dämlich, im schlimmsten Fall gefährlich. Man sollte aber den Seher und Leser nicht für dümmer halten als sie sind und unterschiedliche, vielleicht sogar ungewöhnliche Meinungen außerhalb der Zweier-Beziehung Politiker/Berichterstatter aufeinanderprallen lassen - auf Foren und in den Medien. Erst dann wird die Feststellung des besorgten Bundestagspräsident Wolfgang Thierse über den politischen Journalismus in Berlin widerlegt sein: "Auch in Berlin kann man mit Scheuklappen leben."

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