Fotografie : Das Belgrad meiner Kindheit

Immer wieder fuhr Boris Kralj nach dem Krieg in die Heimat seiner Eltern – um das Leben in Belgrad zu dokumentieren.

Boris Kralj war neun Jahre alt, als er zum ersten Mal die Heimatstadt seiner Eltern sah. Belgrad, damals noch die Hauptstadt ganz Jugoslawiens, kam dem Jungen so gigantisch vor wie New York. Allein die Häuser! Graue Betonfassaden vermauerten den Himmel, massiger und höher als alles, was Boris aus der schwäbischen Kleinstadt kannte, in der er aufwuchs.

Ein paar Mal bekam Boris Kralj die Stadt im Lauf seiner Kindheit zu sehen, dann klafft eine große Lücke in seiner Erinnerung. Sie begann mit dem Kriegsausbruch, 1991, als die Familienreisen nach Jugoslawien jäh endeten. Als Gastarbeiterkind, als Sohn eines Kroaten und einer Serbin, erlebte Boris den Krieg nur aus der Ferne, aber ihm entging nicht, welche Spuren die ethnischen Konflikte in der deutsch-jugoslawischen Diaspora hinterließen. Das Auto des Vaters wurde mit antikroatischen Hassparolen beschmiert. Mancher Bekannte kam plötzlich nicht mehr zu Besuch. Die familiäre Tito-Büste wanderte aus dem Wohnzimmer in eine weniger repräsentative Ecke der Küche.

am Donau-Ufer (großes Bild);
am Donau-Ufer (großes Bild);

Erst nach dem Krieg kehrte Boris Kralj, inzwischen ein junger Mann, nach Belgrad zurück. Gleich beim ersten Besuch, unmittelbar nach der Ankunft, machte er einen langen Spaziergang durch die Stadt – und fühlte sich, obwohl der Krieg die alte jugoslawische Metropole erkennbar umgekrempelt hatte, sofort in seine Kindheit zurückversetzt. Der Geruch des Essens war geblieben, das Durcheinander der Dialekte – und natürlich die Häuser. Auch wenn Letztere für Kralj inzwischen nicht mehr nach New York aussahen, spürte er noch immer die Ehrfurcht, mit der er als Neunjähriger vor den Betontürmen gestanden hatte.

charakteristischer Plattenbau
charakteristischer Plattenbau

Aus dem Spaziergang wurde eine achtjährige Wanderung. Während Kralj in Berlin als Modefotograf arbeitete, kehrte er wieder und wieder nach Serbien zurück. „Ich fotografierte alles“, erinnert er sich. „Auch Dinge, die mir gar nicht gefielen. Es war das genaue Gegenteil meines Berufs: Als Modefotograf beschäftigte ich mich mit inszenierter Schönheit, in Belgrad wollte ich festhalten, was ich sah.“

„My Belgrade“ heißt der Fotoband, den Kralj, inzwischen 35 Jahre alt, nun veröffentlicht hat. Er zeigt eine Stadt, in der das alte, jugoslawische Erbe präsenter ist als die Nachkriegsära. „Natürlich ist Belgrad auch modern“, sagt er. „Aber das wollte ich nicht zeigen. Mich interessierte, was vom Belgrad meiner Kindheit übrig ist.“ Jens Mühling

Weitere Bilder aus Boris Kraljs Fotoband „My Belgrade“ sind bis zum 15. Februar in der Galerie Kollaborativ, Saarbrücker Straße 25 in Mitte zu sehen.

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