FOTOGRAFIEBoris Mikhailov : Draußen vor der Tür

Charkow ist eine Industriestadt in der Ukraine mit Kriegsdenkmälern und riesigen Plätzen. Die Holzhäuser am Stadtrand sind klein und arm und sehen doch aus wie aus dem Bilderbuch. Von dort stammt Boris Mikhailov, Jahrgang 1938, einer der wichtigsten Fotografen der ehemaligen Sowjetunion, der heute in Berlin und Charkow wohnt. Der KGB soll zu Sowjetzeiten Nacktfotos entdeckt haben, die Mikhailov von seiner Frau gemacht hat. Daraufhin verlor er seinen Job als Ingenieur – und widmete sich fortan ganz der Fotografie.

In einer Serie, die ab 1968 in den Straßen von Charkow entstand, verband Mikhailov bereits dokumentarische und konzeptionelle Ansätze, er nutzte die Farbe Rot als formalen Kitt. Das Revolutionsrot, das in seinen Bildern im Grau des Alltags aufblitzt, diskreditiert die Mär vom guten sozialistischen Leben. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mischte sich Mikhailov unter die Verlierer des sozialen Wandels. In der Serie „Case Study“ porträtierte er Obdachlose, Trinker und Alte in ihrem täglichen Überlebenskampf. „Manche Menschen erzählten mir, sie hätten diese Leute erst bemerkt, nachdem sie meine Fotos gesehen haben“, sagte Mikhailov in einem Interview. Er drückt nicht einfach ab. Mikhailov lauert, wie eine Katze. Manchmal kennt er seine Protagonisten schon lange und wartet auf den richtigen Moment. Auch in Berlin, das er 1996 als DAAD- Stipendiat besucht und wo er 2004 die Serie „In the Street“ aufnimmt. Die neue Armut im alten West-Berlin ist Mikhailovs wachsamem Blick nicht entgangen.

Birgit Rieger

Berlinische Galerie, Do 23.2.,

19 Uhr (Eröffnung), Fr 24.2. bis

Mo 28.5., Mi-Mo 10-18 Uhr,

8 €/erm. 5 €

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