FOTOGRAFIEJoel Sternfeld : Kann man den Augen trauen?

Ohne Hintergrundinformation ist man bei Joel Sternfelds Fotografien eigentlich aufgeschmissen, denn meist gibt es zu den porträtierten Menschen oder amerikanischen Landschaften eine Geschichte, die die Einschätzung des Gezeigten grundlegend verändert. Sternfeld zeigt den Betrachtern auf den ersten Blick harmlose Orte, die ohne das Wissen um den Kontext völlig anders interpretiert werden. Es sind Tatorte von Vergewaltigungen oder der Balkon, auf dem Martin Luther King erschossen wurde. Was heil aussieht, muss in Wahrheit nicht heil sein, und was kaputt wirkt, ist vielleicht ziemlich stabil. So ist es im Leben und in Sternfelds Bilderserien, die 2011 bereits im Museum Folkwang in Essen und ab dieser Woche in der C/O Galerie in Berlin zu sehen sind.

Joel Sternfeld wurde 1944 in New York geboren, studierte am Dartmouth College in New Hampshire und zählt zu den Vertretern der „New Color Photography“. Er und weitere amerikanische Fotografen wie William Eggleston oder Stephen Shore wiederentdeckten gegen Ende der Siebziger die Farbe für die künstlerische Fotografie. Daneben ist vor allem die große Detailtiefe von Sternfelds Bildern faszinierend: Jeder Hemdknopf, jede Pore im Asphalt, jeder Zweig spielt in seinen Aufnahmen eine Rolle, und erst die Summe der Details, inklusive der höchst akribisch geplanten Farbpaletten, addieren sich zu einem Bild. Wenn Sternfeld fotografiert, will er mit Amerika und seinen Menschen allein sein – wie bei „American Prospects“, seiner wichtigsten Serie, für die er in einem Campingbus jahrelang durch die USA reiste und in der die Essenz dieses Landes aufscheint. Birgit Rieger

C/O Berlin, Sa 10.11. bis 13.1.2013,

Mo-So 11-20 Uhr, 10 €, erm. 5 €

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