FOTOGRAFIE„Puro Pueblo“ : Geschichte wiederholt sich

Der Gesichtsausdruck des Alten, den die Kamera in der Menschenmenge auf den Straßen Santiago de Chiles ausmacht, erzählt von der Ambivalenz in jenen Tagen 1971 bis 1973 in Chile. Der Mann applaudiert, aber seine Augen wirken sorgenvoll. Wohin geht die Protestbewegung, die sich in Massen Salvador Allende anschließt, dem Präsidenten Chiles, der auf demokratischem Weg für einen sozialistischen Staat wirbt?

Anlässlich des 40. Jahrestages des Militärputsches in Chile, der der Regierungszeit ein jähes Ende setzte und in dessen Verlauf sich Allende das Leben nahm, zeigt das Willy-Brandt-Haus beeindruckende, heute mehr denn je aktuell wirkende Fotografien von John M. Hall und Michael Ruetz. Hall sensibilisiert den Betrachter mit grobkörnigen Reportagebildern für die ausgelassene Anfangszeit, in der die Demonstrationen Straßenfesten glichen. Der Fotograf ist Teil der Bevölkerung, die mit Kindern, Traktoren und Pauken fast täglich für ihre Rechte eintritt. Ruetz, preisgekrönter deutscher Fotojournalist und viele Jahre für den „Stern“ unterwegs, bleibt dagegen auf Distanz. Er erschafft mit wenigen Aufnahmen ein ganzes Panorama des lateinamerikanischen Landes und zeigt aus ungewöhnlichen Perspektiven Armut und Wellblechhüttendächer in den Vororten, Arbeiter in Kupferminen, die sich steile Treppen zu in 4000 Meter Höhe gelegenen Fabriken hinaufschleppen, oder den charismatischen Allende mit einem warmen Lächeln und hochgerutschten Hosenbeinen. Einführende Texte geben eine kurze Einführung in die politischen Umstände, die Fotografien sprechen jedoch für sich. Anna Pataczek

Willy-Brandt-Haus, bis Mi 18.9., Di-So 12-18 Uhr, geschlossen am Sa/So 14./15.9., Eintritt frei

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