FOTOGRAFIERudolf Holtappel : Staub auf den Wangen

Seit Mitte der fünfziger Jahre hat sich Rudolf Holtappel im Ruhrgebiet auf Motivsuche begeben. 1955 ist das ökonomisch erfolgreichste Jahr der deutschen Geschichte, die Wirtschaft wuchs um mehr als zehn Prozent, die Löhne stiegen, der Bestand an Autos nahm stark zu. Die treffendsten Bilder für das rege Treiben der Wirtschaftswunderzeit fanden sich im Ruhrgebiet. Die Werktore standen weit offen. Es gab Arbeit in den Zechen. Auf Holtappels Bildern sieht man Straßenszenen aus Essen, Oberhausen oder Gelsenkirchen und irgendwo am Horizont raucht immer ein Hochofen. Mädchen mit Zöpfen und Einkaufstaschen rennen ungepflasterte Straßen entlang, während im Hintergrund imposant die Schlote dampfen. Aber auch den Niedergang der Montanindustrie seit den Siebzigern hat Holtappel in sorgsam komponierten Schwarz- Weiß-Bildern festgehalten.

Zu seinem 90. Geburtstag zeigt das Willy- Brandt-Haus einen Überblick über das Schaffen des geborenen Münsteraners. Dazu gehören auch Bilder aus dem Theater: Holtappel hat lange an Theatern in Oberhausen, Mainz oder auch Berlin fotografiert. Außerdem arbeitete er dreißig Jahre lang für den Karstadt-Konzern. Am Rande der offiziellen Aufträge enstanden großartige Schnappschüsse in Kaufhäusern, Menschen, die beim Sommerschlußverkauf die Pforten stürmen, erschöpfte Käufer, Ladendiebe. Rudolf Holtappel ist mit neunzig immer noch aktiv. Heute experimentiert er mit alten Techniken wie der Cianotypie. Zur Eröffnung der Ausstellungwird er anwesend sein. Es heißt, er kann zu jedem Bild eine Geschichte erzählen. Birgit Rieger

Willy-Brandt-Haus, Eröffnung Mi 9.4., 19.30 Uhr, bis Mi 24.4., Di-So 12-18 Uhr, Eintritt frei, Ausweis erforderlich

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