Zeitung Heute : "Fräulein Matter verliebt sich": Tauben, bunt bemalt

Tina Heidborn

An dem Tag, an dem Leo beginnt, Tauben zu füttern, weiß sein Freund Doktor Andres Monbaron, dass etwas zu Ende geht. Leo tauscht Pinsel und Leinwand gegen Brot und Körner und verschreibt sich den Tauben mit derselben Besessenheit, mit der er vorher gemalt hat. "Leo bemalt die Stadt, als gehöre sie ihm", schrieb die Mutter früher an Andres Monbaron, wenn Leo auf seinem Moped mit tropfenden Farbeimern Spuren auf den Straßen hinterließ. Jetzt füttert Leo mechanisch die städtischen Tauben, um die Leere seines Herzen zu füllen. Wunderlich ist die Welt, die die Schweizer Schriftstellerin Nadine Hostettler in ihrem Debütroman erschafft. Wunderlich, wunderbar - und unendlich traurig.

Das kleine namenlose Städtchen in den Bergen des Jura liegt in Agonie, seit die heimische Uhrenindustrie eingegangen ist. Es ist ein Mikrokosmos voller Skurrilitäten, ein abgeschiedener Ort, von Gott und dem Geld verlassen, dessen Bewohner Sehnsucht im Herzen haben und manchmal eine große Wut. Auf unterschiedliche Weise beschwört Hostettler in allen fünf Erzählungen die Liebe: Da ist das Fräulein Matter, Hilfe im Anwaltshaus, das sich auf seine alten Tage verliebt, oder Jean Bonadei, der den amerikanischen Mondbezwinger Neil Armstrong vergöttert: Beide werden in ihrem Hoffen schändlich betrogen.

Eigentlich müssten die Geschichten brutal wirken, so erbarmungslos, wie sie die Welt mit den Augen der Immer-Enttäuschten betrachten. Doch kein vernünftiger Mensch würde Hostettlers Geschichten brutal nennen, dafür steckt in ihnen zu viel Magie und spielerische Bizarrerie.

Er füttere sie bloß, um sie zu fangen, anzumalen und als buntscheckige Papageien wieder in die Lüfte zu schicken, fürchten die Tauben, als der Maler Leo zum ersten Mal bei ihnen auftaucht. Es ist der Einfallsreichtum, das Fantastische, das Nadine Hostettlers Debüt aus dem unendlichen Reigen hoffnungsloser Liebesgeschichten heraushebt. Ihre Texte sind nicht nur perfekt dramatisiert, sie tragen vor allem einen Ton in sich, eine Färbung von sanfter Traurigkeit, die über allem liegt und doch nichts erstickt. Und trotzdem passiert es immer wieder, dass man beim Lesen kurz auflacht, so viele witzige Einfälle hat Hostettler und so pointiert beschreibt sie das Leben in der Stadt.

Kein verkappter Journalismus

Die Provinzagonie wird einem nicht unbedingt sympathisch, zu spießig und zu eng ist sie. Aber die Menschen, von denen Hostettler erzählt, werden von einer großen Sympathie getragen. Nie ist der Blick der Autorin kalt, auch nie sentimental, dafür ist ihre Lust am Erzählen zu groß und ihr Einfallsreichtum zu überraschend.

Nadine Hostettler, geboren 1959 in Bern, lebt in Paris und Zürich. Sie hat Ethnologie und Spanisch studiert und als Journalistin gearbeitet: 1987 bis 1991 als Korrespondentin für die "Weltwoche" in Mexiko und Zentralamerika, später für das Schweizer Fernsehen. Aber dies ist kein verkappter Journalismus, es sind auch keine bedeutsam erzählten Durchschnittserfahrungen. Es ist ein Buch ganz weit weg vom alltäglichen Leben, durcheinandergewirbelt und irreal wie ein Traum. Und wie Träume erzählt es auf einer verschobenen Ebene vom Leben. Doch so abstrakt muss man gar nicht werden: Es ist einfach ein Buch, in dessen einzelnen Geschichten man versinkt, um am Ende ein bisschen reicher als zuvor wieder aufzutauchen.

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