Zeitung Heute : Frage-Vampir? - Ein Fernsehleben für das Gesprächsfernsehen

Frau Maischberger[der] Sind Sie ein Frage-Vampir[der]

Sandra Maischberger wurde am 25. August 1966 in München geboren. Nach einer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule war sie freie Mitarbeiterin beim BR. Erster Flop ihrer Karriere war die Co-Moderation beim Sat 1-"Talk im Turm". Danach arbeitete die Journalistin erfolgreich für "Spiegel TV". Seit Anfang dieses Jahres und am Freitag zum 100. Mal läuft bei n-tv die Sendung "Maischberger".

Frau Maischberger, Sind Sie ein Frage-Vampir, der andere ausfragen muss, um selbst zu leben?

Das habe ich mich manchmal auch selbst schon gefragt. Das Hässliche an diesem Bild ist, dass Vampire leblose Wesen zurücklassen. Töten wie ein richtiger Vampir kann ich meine Gäste ja nicht, sie sollen schließlich wieder kommen. Aber ich sauge schon so lange, bis ich befriedigt bin.

Seit mehr als zehn Jahren stellen Sie im Fernsehen Fragen. Interessieren Sie die Antworten überhaupt noch?

Sicher. Warum sonst sollte ich fragen?

Welche Antworten interessieren Sie denn?

Möglichst die auf meine Fragen.

Gibt es nicht auch Fragen, auf die es keine Antworten gibt?

Das ist sehr selten - meistens gibt es doch mehrere Antworten auf ein und dieselbe Frage. Am Anfang meiner Karriere habe ich wirklich geglaubt, dass ich auf alle meine Fragen ehrliche Antworten bekomme. Da können Sie mal sehen, wie naiv ich war. In den letzten zehn Jahren habe ich gelernt, dass das nicht immer der Fall ist. Aber mir geht es immer noch ganz banal, platt und altmodisch um Wahrheitsfindung. Wenn ich eine Frage stelle, möchte ich auch eine Antwort haben. Ich stelle natürlich auch schon mal Fragen, um mein Gegenüber zu provozieren, also zu kleinen Gesten oder Regungen zu bewegen, die mir etwas verraten, was jenseits aller Worte liegt.

Aber Ihr Gegenüber soll nicht an Ihrer Nasenspitze ablesen können, wie Sie die Antwort einschätzen. Richtig? Als Rudolf Scharping zu Gast war, haben Sie sich nicht anmerken lassen, wie Sie seine Antworten fanden.

Mein Job ist es, dem Zuschauer die Möglichkeit zu geben, selbst zu entscheiden. Emotionale Reaktionen meinerseits stören da nur. Ich hätte dann einen Fehler gemacht. Ich gebe keine persönliche Wertung ab.

Aber die Sendung heißt doch "Maischberger".

Weil ich die Fragen stelle.

Können oder wollen Sie nicht in die Vollen gehen? Wäre das nicht manchmal sogar hilfreich im Sinne der Wahrheitsfindung?

Es gibt verschiedene Methoden, zur Wahrheit zu kommen. Man kann einem Befragten ganz eng auf die Pelle rücken, ihn aggressiv bedrängen. Oder die Fragen vorher absprechen, wie es zum Beispiel bei Harald Schmidt üblich ist. Mein Stil ist furchtbar simpel: Ich frage ziemlich geradeaus und ohne viele Hintergedanken. Es ist nicht meine Art, Leuten Vorwürfe zu machen oder sie verbal in die Enge zu treiben. Auch wenn es das vielleicht nicht eben leichter macht, hinter die Masken zu schauen. Wenn Sie auf einen Menschen treffen, der sich seit Jahren selbst etwas vor macht, dann haben Sie kaum eine Chance, hinter den Spiegel zu blicken. Dann können Sie nur noch versuchen, die Fassade kenntlich zu machen und zu zeigen, dass es eine Fassade ist.

Braucht es dazu nicht eine gehörige Portion Aggressivität?

Mag sein. In einer täglichen Sendung ist das aber irgendwann eine Frage der Kondition. Außerdem bin ich viel zu höflich, um aggressiv sein zu können. Ich signalisiere meinem Gast lieber: ich interessiere mich für dich, ich höre dir zu. Und die Leute wissen, dass ich nicht irgendwelche Geschichten aus dem Hut zaubere nach dem Motto, hier habe ich Herrn oder Frau XY, die Sie vor fünf Jahren betrogen haben, was sagen Sie jetzt? Ich bin keine Provokateurin. Ein Gespräch, bei dem Hunderttausende zuschauen, ist ja ohnehin die schlechteste Voraussetzung, von jemandem wirklich ehrliche Antworten zu bekommen. Wenn Sie es schaffen, jemandem etwas zu entlocken, was er eigentlich nicht sagen wollte, dann haben Sie schon viel erreicht.

Wäre es nicht verlockend, Ihr Gegenüber so weit aus der Reserve zu locken, dass sich der Zuschauer die Augen reibt?

Wir überholen manchmal jemanden auf seiner eigenen Spur. Meine Art von Aggressivität ist, Herrn Möllemann damit zu konfrontieren, dass die letzte Partei vor der FDP, die mit Adolf Hitler auf einem Plakat Wahlwerbung gemacht hat, die NSDAP war. Ich finde das ausreichend. Ich will im Inhalt kritisch sein, nicht in der Form, ich kann einen Vorwurf auch mit einem Lächeln formulieren. Ich glaube, dass das viel effektiver ist, als die Stirn in böse Falten zu legen oder zu brüllen.

Wir haben manchmal den Eindruck, als lächelten Sie Ihre Gäste gnadenlos nieder.

Wie geht das denn?

Dass Sie immer dann zu einem Lächeln greifen, wenn Sie merken, dass die Unwahrheit gesagt worden ist.

Wenn Ihre Beobachtung richtig wäre, setzte das voraus, dass ich aus Berechnung lächle. Das ist aber nicht der Fall. Ich reagiere spontan. Vielleicht lächle ich manchmal aus heiterer Resignation, wenn ich das Gefühl habe, nicht weiter zu kommen. Warum sollte ich die Stirn runzeln? Ich würde auch einen ganz schlechten Job machen, wenn ich mein Mienenspiel bewusst einsetzen würde. Ich könnte das im Übrigen auch gar nicht.

Sie wirken immer so unglaublich ernst und konzentriert. Wo bleibt das Spontane?

Lächle ich nun meine Gäste nieder, oder bin ich zu ernst? Sie scheinen sich nicht entscheiden zu können. Fernsehen ist, wie gesagt, für Gespräche eine zutiefst unnatürliche Situation. Um das ein wenig abzumildern, sitze ich in einem sehr kleinen Studio, deshalb verzichten wir auf Publikum, deshalb ist die Deckenbeleuchtung auf ein Minimum reduziert.

Pflicht ist Pflicht und Spaß ist Spaß. Talken Sie deshalb einmal im Monat beim Bayerischen Fernsehen mit Ihrem alten Kollegen Werner Schmidbauer: Um einfach nur mal so richtig Spaß zu haben?

Ganz falsch. Sie glauben gar nicht, wieviel Spaß mir meine Sendung bei n-tv macht. Das Gespräch mit Paul Breitner zum Beispiel hat mir richtig Spaß gemacht. Wenn es nicht so wäre, würde ich wohl kaum die drei Jahre durchhalten, die fürs Erste geplant sind.

Sie waren 1994 acht Monate auf Weltreise. Was haben Sie da gelernt?

Nachdem wir schon einige Monate unterwegs waren, habe ich mir auf Fidschi für 15 Dollar einen vier Wochen alten "Spiegel" gekauft. Da habe ich gemerkt, dass mindestens achtzig Prozent Schnee von gestern waren. Ich bin zwar ein Nachrichten-Junkie. Aber manchmal frage ich mich schon, was denn nun wirklich wichtig und von Bedeutung, also relevant ist.

Manches bleibt aber doch hängen. Zum Beispiel die Interview von Günter Gaus. Was halten Sie von Ihrem Kollegen?

Ich bewundere Günter Gaus sehr. Er weiß so viel, dass seine Fragen manchmal so inhaltsschwer werden, dass die meisten Zuschauer sie vermutlich gar nicht begreifen. Seine Fragen sind immer auch schon Antworten. Ich weiß gerade so viel, dass ich die richtigen Fragen stellen kann und auf die Antwort noch neugierig bin. Deshalb sind meine Fragen einfacher.

So wie Darling Günther Jauch?

Jauch ist ein Vertreter der Philosophie "Alles wissen, nichts davon zeigen". Und Sie sehen ja: die Nummer zieht. Millionen Zuschauer können nicht irren, oder?

Sie machen das Fernsehen ja richtig runter. Warum sind Sie dann beim Fernsehen?

Das tue ich doch gar nicht! Ich beschreibe höchstens die Mechanismen. Fernsehen entspricht mir. Es fällt mir leicht.

Sie machen es sich ganz einfach hübsch bequem.

Wahrscheinlich haben Sie Recht: Ich bin bequem und oberflächlich, und deshalb beim Fernsehen. Das ist übrigens ein Unterschied zwischen Fernsehen und Zeitung: Auf dem Bildschirm würden die Zuschauer jetzt die Ironie sehen können. Schwarz auf weiß geht das verloren.

Gibt es für Sie ein Leben nach dem Fernsehen?

Es gibt eins davor, während dessen und danach. Die Halbwertzeit für Frauen im Fernsehen ist kurz. Mich werden Sie mit Siebzig nicht mehr auf dem Schirm sehen müssen. Ich beuge vor, indem ich parallel für Printmedien arbeite und Dokumentarfilme drehe, so dass mir die Arbeit nicht ausgeht, wenn ich das Böhme-Alter erreiche.

Wollen Sie damit sagen, dass Sie mit ihren 33 Jahren schon zu alt fürs Fernsehen sind?

Nein. Im Gegenteil. Ich glaube, die beste Zeit für Frauen im Fernsehen ist die zwischen 30 und 40. Und diese Zeit rast.

Die Zeit rast doch gar nicht. Sie rasen. Und es scheint Ihnen zu gefallen.

Nicht in jedem Moment. Aber die nächsten drei Jahre werde ich wohl ziemlich hin und herrasen müssen.

Und wenn Sie die Schnauze vom Rasen voll haben?

Dann fahre ich wieder auf die Fidschi-Inseln und denke darüber nach, was an den Nachrichten relevant war, die ich produziert habe. Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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