Fragen des Tages : Gewaltig jung

Am Donnerstag wurde die Kriminalstatistik für das vergangene Jahr vorgestellt. Wie sicher ist Deutschland?

Fabian Leber
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Deutschland sei ein sicheres Land, betonten Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (beide CDU) am Donnerstag gleich mehrfach. Auf den ersten Blick geben ihnen die Daten der Kriminalstatistik 2007 durchaus recht. Die Zahl der registrierten Delikte ist um 0,3 Prozent gesunken. 6 284 661 Straftaten verzeichnete die Polizei im vergangenen Jahr. Auch die Aufklärungsquote blieb relativ hoch. 55 Prozent aller Fälle konnten gelöst werden. Dieser Wert liegt zwar leicht unter der Bestmarke von 2006 (55,4 Prozent). Doch Anfang der 90er Jahre waren noch Aufklärungsquoten von 40 Prozent die Regel.

Allerdings hat ausgerechnet in einem besonders sensiblen Bereich die Kriminalität deutlich zugenommen: Bei Jugendlichen (14 bis 18 Jahre) wurden 4,9 Prozent mehr Gewalttaten registriert. Noch stärker fällt mit 6,3 Prozent der Anstieg bei Fällen gefährlicher und schwerer Körperverletzung in dieser Altersgruppe aus. Und auch junge Frauen neigen häufiger zu Gewalt. Die Zahl der von ihnen begangenen Gewalttaten hat um knapp fünf Prozent zugenommen.

Alkohol als Katalysator der Gewalt

Schäuble begründet den deutlichen Anstieg mit einer größeren Anzeigebereitschaft in der Bevölkerung, aber auch mit einer absoluten Zunahme der Gewalt. „Ich sehe die Entwicklung bei der Gewaltkriminalität mit großer Sorge“, sagte Schäuble. In der Kriminalstatistik heißt es dazu: „Diese Entwicklung zeigt, dass bei Teilen der Jugendlichen eine erhöhte Gewaltbereitschaft bei gesunkener Hemmschwelle und teilweise brutalem Vorgehen festzustellen ist. Dabei erweist sich sicherlich Alkohol als Gewaltkatalysator. Zudem wird Jugendgewalt auch stark durch Gruppendynamik beeinflusst.“ Inzwischen wird ein Drittel aller Gewalttaten unter Alkoholeinfluss begangen.

Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) hatte die gestiegene Gewaltbereitschaft Jugendlicher Anfang des Jahres zum Thema seines Landtagswahlkampfs gemacht – und war damit gescheitert. Koch hatte wiederholt betont, dass der Anteil nichtdeutscher Gewalttäter besonders hoch sei. Auch die aktuelle Statistik zeigt, dass ausländische Jugendliche überproportional häufig gewalttätig werden. Doch vor dem Hintergrund der Debatte vom Jahresanfang warnte Schäuble gestern vor schnellen Schlussfolgerungen: Jugendkriminalität habe weniger mit der Herkunft eines Teenagers zu tun als mit der Tatsache, wie gut er in die Gesellschaft integriert sei.

Berlin ist kein Glanzlicht

Jugendliche begehen einen Großteil ihrer Gewalttaten in der Öffentlichkeit. Trotzdem rechnet das Innenministerium mit einer überdurchschnittlich hohen Dunkelziffer. Um das tatsächliche Ausmaß der Jugendkriminalität zu ermitteln, wird Schäuble im Herbst zusammen mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen eine Dunkelfeldstudie vorlegen. 50 000 Schüler werden zu ihren Gewalterfahrungen befragt, es ist die bisher größte Untersuchung dazu in Deutschland.

Christian Pfeiffer, Direktor des Forschungsinstituts, vermutet, dass mindestens die Hälfte aller Gewalttaten von Jugendlichen gar nicht erst in der Kriminalstatistik auftauchen. Die bisherigen Befragungen hätten auch große regionale Unterschiede ergeben: In Hannover zum Beispiel sei die Gewaltbereitschaft gerade ausländischer Jugendlicher weitaus geringer als in München. Auch Berlin stehe nicht besonders gut da. Die Gewalthäufigkeit hänge dabei direkt mit dem Grad der Sozial- und Bildungsintegration zusammen, so sein vorläufiges Fazit.

Schäuble wertet die Statistik als Erfolg der Integrationsbemühung

Schäuble andererseits liest aus der Kriminalstatistik schon erste Erfolge der „verstärkten Integrationsbemühungen von Bund und Ländern“ heraus: Die Zahl aller ausländischen Tatverdächtigen sei im Jahresvergleich um 2,5 Prozent auf 490 278 zurückgegangen, während die der deutschen Verdächtigen um 1,4 Prozent auf 1 804 605 gestiegen sei. Der Anteil von Nichtdeutschen an der Gesamtzahl der Verdächtigen sei auf 21,4 Prozent gesunken. Diese Zahl liegt zwar immer noch weit über der Ausländerquote in Deutschland von rund neun Prozent. Allerdings sind in der Statistik auch Taten von Ausländern enthalten, die keinen ständigen Wohnsitz in Deutschland haben.

Neben der steigenden Jugendkriminalität bereitet den Behörden vor allem die Zunahme von Straftaten im Internet Sorge. Dort gab es einen Zuwachs um 6,4 Prozent. Dagegen ging die Zahl der klassischen Ladendiebstähle in ähnlichem Umfang zurück. Insgesamt rückläufig war auch die Alltagskriminalität, vom Taschendiebstahl bis hin zum Autoklau.

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