Fragen des Tages : Rechnen mit Milliarden

Über das Volumen des Hilfspakets, mit dem die Bundesregierung der Finanzkrise entgegensteuern will, gibt es unterschiedliche Angaben – von 100 Milliarden bis 500 Milliarden Euro. Wie viel Geld ist es tatsächlich?

Moritz Döbler

Als Hilmar Kopper vor 14 Jahren 50 Millionen D-Mark als Peanuts bezeichnete, war die Empörung groß. Der Begriff wurde zum Synonym für völlig aus den Fugen geratene Maßstäbe. Heute sind 20 Milliarden Euro hin oder her keine große Sache – so scheint es jedenfalls. Das Rettungspaket der Bundesregierung für die Bankenbranche umfasst je nach Auslegung 100, 480 oder sogar 500 Milliarden Euro. Unmut über die Diskrepanzen regt sich nicht. Offenbar sprengen diese Summen jedes Vorstellungsvermögen.

Die Schärfe der Debatte über die Wiedereinführung der Erbschaftsteuer hört sich angesichts der Beträge, um die es jetzt geht, wenig zeitgemäß an: Die Einnahmen werden auf vier Milliarden Euro beziffert und sollen komplett den Ländern zufließen. Peanuts?

Aber zurück zum Rettungspaket. Die Summe von 100 Milliarden Euro beschreibt den Betrag, den der Staat unmittelbar bereitstellen will. Dabei geht es um bis zu 80 Milliarden Euro, die notleidenden Banken als Eigenkapital zufließen können, und weitere 20 Milliarden Euro, die für Bürgschaften zur Verfügung stehen sollen. Wenn Bundestag, Bundesrat und Bundespräsident zustimmen, kann über diese Summen verfügt werden, ohne dass Zustimmung für einzelne Fälle eingeholt werden muss.

Für die Bürgschaften fließt aber zunächst kein Geld ab. Der Staat gibt lediglich Garantien für Kredite zwischen Banken. Erst wenn diese Kredite platzen, muss der Staat zahlen – und dieses Geld kommt dann aus dem 20-Milliarden-Topf. Insgesamt will sich der Staat allerdings bereit erklären, Bürgschaften von bis zu 400 Milliarden Euro zu übernehmen. Diese Summe ist theoretischer Natur – sie wird nicht unmittelbar bereitgestellt. Wenn der 20-Milliarden-Topf ausgeschöpft wäre, müsste das Bundesfinanzministerium immer wieder nachschießen, bis die Summe von 400 Milliarden Euro erreicht würde. Man vergleicht also in gewissen Sinne Äpfel mit Birnen, wenn man das sofort bereitstehende Geld und die eher theoretischen Bürgschaften addiert. Der Betrag von 480 Milliarden Euro beschreibt die Summe dessen, was im schlimmsten Fall aufgewendet werden muss: wenn nämlich alle Eigenkapitalspritzen abgerufen werden und, schlimmer noch, alle Bürgschaften platzen.

Man kann auch auf 500 Milliarden Euro kommen – entweder wenn man rundet oder wenn man alles Obst in einen Topf schmeißt, also das Eigenkapital, den Topf für platzende Bürgschaften und den theoretisch insgesamt verfügbaren Rahmen. Diese Rechnung ist verfehlt, weil sie einen Teil des Volumens doppelt zählt.

So oder so haben all diese Summen eine begrenzte Aussagekraft. Niemand weiß heute, wie viel Geld der Staat am Ende tatsächlich aufwenden muss. Im günstigsten Fall fließt nicht ein Cent oder wird vielleicht sogar Gewinn gemacht, im ungünstigsten Fall reichen selbst 500 Milliarden Euro nicht aus. Auch deswegen sind Vergleiche mit aktuellen Geldflüssen anfechtbar. Rund zwölf Milliarden Euro gibt der Bund in diesem Jahr für Entwicklungshilfe aus, und 480 Milliarden Euro sind 40 Mal so viel – aber das eine ist tatsächlich ausgegebenes Geld, das andere ein Konstrukt.

Die Macht der großen Zahl führt dazu, dass über die veranschlagten Beträge selbst nicht diskutiert wird. Aus den Bundesländern kommen zwar Vorbehalte, was die Verteilung der Lasten angeht, aber niemand hat bisher die finanziellen Ansätze an sich infrage gestellt. 480 Milliarden Euro sind zu viel – diese Aussage zumindest gibt es noch in keinem der politischen Lager.

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