Zeitung Heute : Francis Bacon: Reise ans Ende der Nacht

Jörg Uthmann

Ecce Homo: Francis Bacon hat wie kein anderer Maler der Moderne - ausgenommen wohl nur Picasso in seinen "Guernica"-Bildern - den Menschen so erschreckend-ergreifend als kreatürliche, fast auf den biologischen Ursprung reduzierte Existenz inszeniert. Verheißung und Horror auch der Evolution, hier in den Figurenstudien für eine dann nie mehr ausgeführte "Kreuzigung" im Jahr 1944, als der gebürtige Ire Bacon (1909-92) seine Künstlerkarriere begann. Die Abbildung des später weltberühmt gewordenen Triptychons aus dem Besitz der Londoner Tate Gallery entnehmen wir dem Katalog der auf dieser Seite besprochenen Bacon-Retrospektive in Den Haag.

Francis Bacon braucht man nicht mehr vorzustellen. Sein Ruf als bedeutendster englischer Maler seit Turner wird nur noch von wenigen versprengten Dissidenten angezweifelt. Nach seinem Tod in Madrid 1992 hat es mehrere Retrospektiven gegeben - 1993 in Venedig, 1996 im Pariser Centre Pompidou und später im Münchner Haus der Kunst, 1998 auch eine Wanderausstellung durch amerikanische Museen. Der Gipfel der posthumen Popularität war erreicht, als der Film "Love is the Devil" Bacons bewegtes Privatleben, seine Spielleidenschaft, seine Saufgelage und homosexuellen Exzesse auf die Leinwand brachte. Wer Derek Jacobis beklemmend originalgetreues Porträt gesehen hat, wird es schwerlich vergessen.

Der Film beginnt 1971 mit der Eröffnung der Bacon-Ausstellung im Grand Palais. Während sich der Meister von der französischen Hautevolee feiern lässt, nimmt sich sein in guter Gesellschaft nicht vorzeigbarer Lebensgefährte George Dyer in einem Pariser Hotel das Leben. Bacon hatte ihn sieben Jahre zuvor bei einem Einbruch in seinem Atelier überrascht: Statt ihn der Polizei zu übergeben, ging er mit ihm ins Bett. Er hatte nicht nur ein erotisches Objekt gefunden, sondern auch sein wichtigstes Modell.

Damals war Bacon schon berühmt. Aber der Durchbruch hatte lange gedauert. Vor 1945 war der Autodidakt unter anderem Möbeldesigner. Die meisten seiner frühen Bilder hat er vernichtet. Erst während des Krieges, den er wegen seines Asthmas bei der Zivilverteidigung verbrachte, nahm er die Malerei wieder auf. Die Ausstellung des Triptychons "Drei Entwürfe zu Figuren am Fuße des Kreuzes" (siehe Abb. oben) bescherte ihm einen Skandalerfolg. Dass ein Talent, das offensichtlich ernst genommen werden wollte, die herrschende Abstraktion ignorierte, war überraschend genug. Dass Bacon die biblischen Figuren als sonderbar verzerrte Wesen mit gefletschten Zähnen und aufgerissenen Mäulern darstellte, machte sein Debüt zur Sensation.

Auch später hat Bacon immer wieder die mittelalterliche Form des Triptychons gewählt. Doch blieben seine Sujets von christlichen Flügelaltären weit entfernt. An die Stelle der tierischen Ungetüme traten isolierte Figuren, die sich in Krämpfen winden, gefolterte Leiber, Krüppel mit verdrehten Gliedmaßen, schreiende Päpste und blutgetränkte Laken. Auffallend waren die verschmierten Gesichtszüge seiner Gestalten, die Bacon selbst mit den Schleimspuren von Schnecken verglich: "Ich möchte, dass meine Bilder aussehen, als ob ich ein menschliches Wesen wie eine Schnecke zwischen ihnen hindurchgeschoben und dabei eine Spur von menschlicher Gegenwart und von Erinnerungen an vergangene Ereignisse zurückgelassen hätte." Gegen den Vorwurf, von morbiden Weise besessen zu sein, verwahrte er sich: Ihm gehe es darum, das Leben so zu zeigen, wie es ist. Als Sozialkritiker verstand er sich nicht. Die großen Katastrophen und Verbrechen seiner Epoche kommen bei Bacon nicht vor. Stattdessen gab er, wie Wieland Schmied sehr schön gesagt hat, "den täglichen Schrecken und Verzweiflungen eine epochale Dimension". Wenn man will, mag man ihn einen Existenzialisten nennen. Die Schmalheit seines Repertoires und wiederkehrenden Leitmotive sind ein sicheres Indiz dafür, dass der größte Teil von Bacons Werk private Alpträume verarbeitet. Die Bedeutung des Unterbewussten für den Schöpfungsakt hat er selbst oft herausgestrichen.

Die große Schau, die ihm die Tate Gallery 1962 widmete, machten den 53-jährigen zum lebenden Klassiker. Für die Retrospektive im Haager Gemeentemuseum hat die Tate Gallery ihre besten Stücke herausgerückt - zum letzten Mal, wie sie versichert: Die Bilder seien zu fragil, um in Zukunft zu reisen. Auch andere Sammlungen, öffentliche und private, zeigten sich großzügig. Unter den 40 ausgestellten Gemälden sind fast alle Meisterwerke vertreten, darunter zwei aus der Vorkriegszeit und zwei verloren geglaubte Stücke aus dem Nachlass. Dessen Sichtung hat Jahre in Anspruch genommen. Bacons unglaublich chaotisches Atelier in den Reece Mews - nahe dem Victoria & Albert Museum - wurde erst vor kurzem ausgeräumt. Da Bacon häufig nach Vorlagen arbeitete, sind die Funde nicht nur von biografisch interessant: Fotografien von Dyer und anderen Freunden, nicht zuletzt auch von sich selbst, Abbildungen aus medizinischen Lehrbüchern, Röntgenaufnahmen, Zeitungsausschnitte und Zeichnungen gestatten es, die Genese einige Bilder nachzuvollziehen.

Mit dem klassizistischen Kunsttempel der Tate Gallery hat das Haager Museum nichts zu tun. Von außen würde man den Klinkerbau eher für eine Schule oder Badeanstalt halten. Aber gerade in dieser prosaischen Umgebung entfalten Bacons düstere Visionen ihre volle Wirkung. Unter dem grauen holländischen Himmel ist die Trostlosigkeit perfekt.

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