Frank Martins „Le Vin herbé“ : Liebe auf den ersten Schluck

Anna Prohaska singt die Iseut in Frank Martins weltlichem Oratorium „Le Vin herbé“.

Große Stoffe werden in der Musikgeschichte häufig mehrfach vertont, aber einen Platzhirsch gibt es immer. Bei „Tristan und Isolde“ denkt natürlich jeder an Richard Wagners gewaltiges Musikdrama, nicht aber an die schlanke Version, die der Schweizer Komponist Frank Martin zwischen 1938 und 1941 geschrieben hat - als „weltliches Oratorium“ unter dem Titel „Le Vin herbé“ (Der Zaubertrank). „Diese Fassung hat einiges für sich“, findet Anna Prohaska. „Sie ist vielleicht näher dran an Gottfried von Straßburgs mittelalterlichem Versroman, und sie ist sehr detailliert, es gibt viel mehr äußere Handlung.“ Ab 25. Mai wird Prohaska an der Staatsoper die Isolde singen, in einer Inszenierung von Katie Mitchell.

Was es bedeuten kann, mit der britischen Regisseurin zusammenzuarbeiten, hat Prohaska bei Mitchells Inszenierung von Nonos „Al gran sole carico d’amore“ im Kraftwerk Mitte erfahren, da war sie einer der Soprane: „Das Schwierigste, was ich bisher gemacht habe“, sagt sie. Dieses Mal will Mitchell das Stück auf eine zerbombte französische Bühne während des Zweiten Weltkriegs versetzen, die Darsteller werden quasi Theater im Theater spielen.

Frank Martin hat sein Oratorium für Streichensemble, Klavier und 12 Sänger instrumentiert - welch Gegensatz zu Wagners Partitur! Anna Prohaska liebt vor allem die Sopranpartie. Die schieße zwar manchmal ganz schön in die Höhe, aber meistens würde sie ziemlich tief liegen, mehr in der Sprechlage. „Das gibt uns völlig neue Gestaltungsmöglichkeiten, was mir entgegen- kommt. Ich bin keine Piepsmaus, die sich nur oben tummelt und unten nichts zu melden hat.“ Und dann gibt sie auch gleich eine Passage zum Besten: „Non, tu le sais que tu es mon seigneur et mon maître - Nein, du weißt, du bist mein Herr und Meister.“ Zwölftönig sei das Stück, aber trotzdem würde es, ähnlich wie bei Berg, immer wieder in tonale Bäche münden. „Das macht es so spannend.“ Die Musikwissenschaftlerin Kerstin Schüssler-Bach schreibt, dass Martin eher den Vergleich mit Claude Debussy zu fürchten gehabt hätte als mit dem unendlich fernen Wagner. Auch Prohaska meint, dass vieles in „Le Vin herbé“ an Debussys „Pelleas und Melisande“ erinnert: die impressionistische Grundstimmung, der Bezug zum Meer, die gütigen Könige Marke und Arkel, die hilflosen jungen Menschen.

„Pelleas“ ist sowieso Prohaskas Lieblingsoper – das Stück hat eine wichtige Rolle gespielt in der Karriere der heute 29-Jährigen. Sie sang Yniold in einer Inszenierung der Musikhochschule „Hanns Eisler“, Regie führte Jörn Weisbrodt, der heutige Lebenspartner von Rufus Wainwright. „Ich habe ihm viel zu verdanken“, sagt sie, „er hat mir das Vorsingen an der Staatsoper ermöglicht.“ Anna Prohaska wuchs in Wien auf. Eine „goldene Kindheit“ sei das gewesen, schwärmt sie. Als der Vater Professor an der „Hanns Eisler“ wurde, zog die Familie nach Berlin, da war Anna zehn. Hier erst begann ihr musikalisches Leben so richtig. Norbert Gembaczka, Chorleiter an der St. Ludwig-Gemeinde in Wilmersdorf, vermittelte ihr Gesangserfahrung, der Dirigent, Komponist und Familienfreund Eberhard Kloke wurde ihr Lehrer. Seit 2006 ist sie Ensemblemitglied der Staatsoper.

Zerlina hat sie dort gesungen, Despina, Blonde: Die lyrischen Mozart-Partien. Kommt irgendwann die „große“ Isolde? Anna Prohaska schüttelt den Kopf. „Ich bin lyrischer Sopran, irgendwelche dramatischen Züge hätten sich jetzt schon abgezeichnet.“ Eine Salome oder Brünnhilde wird sie wohl nie – was sie überhaupt nicht stört: „Viele Sängerinnen streben nach Höherem, wollen möglichst schnell weg von der Susanna, hin zur Gräfin. Das verstehe ich gar nicht. Susanna ist viel gewiefter, ständig auf der Bühne, und sie singt die herrlichsten Musiken.“ Und so wird man Anna Prohaska in „Le Vin herbé" zum wahrscheinlich einzigen Mal als Isolde hören können. UDO BADELT

Premiere 25.5., 19.30 Uhr

Auch 29.5., 19.30 Uhr

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