Zeitung Heute : Frankfurt ist die Internet-Hauptstadt

Peter Zschunke

Dem schlichten Firmengebäude im Frankfurter Osten sieht man nicht an, dass hier Ende September der zentrale deutsche Internet-Knoten einzieht. Wenige Wochen vor dem Einzug klopfen Bauarbeiter die letzten Verbundsteine über den Gräben fest, in denen Glasfaserleitungen bald täglich mehrere Terabytes an Daten transportieren. Über den Austauschknoten in einem Raum des Telekom-Dienstleisters InterXion (auszusprechen wie interaction) fließen dann 85 Prozent des innerdeutschen Internet-Verkehrs.

Der Internet-Knoten DE-CIX (Deutscher Commercial Internet Exchange) zieht vom Frankfurter Westen an den neuen Standort. "Frankfurt ist zu einem Datendrehkreuz geworden, wie es der Flughafen für den Luftverkehr ist", sagt der Geschäftsführer des Verbands der Internet-Provider (eco), Harald Summa. Das niederländische Unternehmen InterXion wählte denn auch die Stadt am Main als Sitz für seine deutsche Tochtergesellschaft. "An Frankfurt führt kein Weg vorbei", sagt ihr Geschäftsführer Gerd Simon. Das von InterXion im März errichtete Telekommunikations- und Internet-Handelszentrum (TK/INT) nimmt nicht nur den DE-CIX auf, sondern beherbergt auch den ersten "virtuellen Handelsplatz" für Netzkapazitäten in Deutschland.

Telekom-Firmen wird hier eine neutrale Marktplattform zur Verfügung gestellt, auf der Bandbreiten für Telefon- und Datenverkehr gehandelt werden können. "Das sind die Rohstoffe der Informationsgesellschaft", sagt Simon. Bisher kaufen die so genannten Carrier und Internet-Provider solche Netzkapazitäten auf der Grundlage bilateraler Verträge, weshalb bis zu ihrer Einrichtung viel Zeit vergeht. Doch "wenn eine Telefonleitung eine Stunde lang nicht genutzt wird, ist dieses Kapazitätspotential unwiederbringlich verloren", erklärt der Manager. Im InterXion-Handel bleiben die Teilnehmer anonym und tauschen über E-Mail ihren Bedarf an Bandbreite und ihre Preisvorstellungen aus. Kommt es zum Abschluss, werden die Leitungen von Käufer und Verkäufer innerhalb von 30 Minuten zusammengekoppelt - "geswitcht", wie es in der Fachsprache heißt. In der jetzt anlaufenden Startphase kann auf diese Weise bei InterXion eine Kapazität von 50 Millionen Minuten vermittelt werden.

"Wir bauen hier den Flughafen für die Sprach- und Datenkommunikation", erklärt Simon. Große und kleine Firmen können hier landen, ohne eine Kollision mit konkurrierenden Geschäftsinteressen befürchten zu müssen. "Dieser virtuelle Handelsplatz ist für alle Carrier interessant, auch für die Deutsche Telekom", sagt Simon. In Amsterdam nähmen bereits 35 von 60 Carriern und Resellern die InterXion-Dienste in Anspruch, in Frankfurt werde der Handel bald ebenfalls auf vollen Touren laufen, und danach folgten London und weitere europäische Zentren. "Das ist ein internationales Geschäft", sagt Simon.

Die globale Ausrichtung vereint InterXion mit den in Frankfurt ansässigen großen Carriern wie der Deutschen Telekom AG, die ihren internationalen Netztechnik-Knoten in Frankfurt unterhält, Colt Telecom oder MCI/WorldCom sowie mit Netztechnikanbietern wie Nortel. Wenn amerikanische Telekom-Anbieter in Deutschland aktiv werden, dann legen sie ihr neues Netz zuerst am Main aus - so verband das Unternehmen Level 3 im Sommer die wichtigsten Geschäftszentren wie das Bankenviertel, die Innenstadt, das Westend und die Bürostadt Niederrad mit einer eigenen Glasfaserstrecke. Als führendes Finanzzentrum ist Frankfurt mehr als andere Städte auf schnelle und sichere Datenkommunikation angewiesen. "Das sind Unmengen von Daten, die von den Banken durch die Gegend geschleust werden", sagt einer der Geschäftsführer des Frankfurter Internet-Providers Omnilink, Christian Ebert, und fügt hinzu: "Frankfurt ist die Internet-Hauptstadt Deutschlands."

Die Zukunft der Telekommunikation wird 30 Kilometer südlich von Frankfurt in Darmstadt erkundet. Im "Future Lab" der Deutschen Telekom erforschen Netztechniker etwa die Verwendung von Kunststofffasern (polymeroptische Fasern) für Übertragungsgeschwindigkeiten von mehreren Gigabytes pro Sekunde.

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