Zeitung Heute : Frankfurter Buchmesse: Das Buch zur Katastrophe

Kerstin Decker

Am Morgen des 11. September war René Strien mit seinem Scout verabredet. Denn nicht nur der Wilde Westen beschäftigt Fährtenleser und Spurensucher, sondern seit dem Niedergang des Wilden Westens vor allem die literarische Welt. Sogar vormalige Ostberliner Verlage. René Strien ist Geschäftsführer von "Aufbau".

Er freute sich auf seinen Scout. Endlich neue literarische Fährten! Man hatte den Büchermann gerade sehr gelangweilt in Amerika. Drei Osama-bin-Laden-Biografien hätte er kaufen können. Solche Sachen. Strien winkte ab. Das waren doch keine Entdeckungen, das konnte jeder haben. Strien musste zum World Trade Center. An der 58. Straße stieg er um. Der Geschäftsführer fragte einen Straßenhändler, welche U-Bahn-Linie er jetzt nehmen müsse und bereute es sofort. Der Straßenhändler sah aus wie Nostradamus nach einer Vision. Ein Hubschrauber sei gerade mit einem Flugzeug kollidiert und aufs World Trade Center gefallen. René Strien schaute den Mann traurig an. Strien gehört einem sehr aufklärerischen Unternehmen an, und er ahnte: Dieser Mann hier ist noch nicht beim Verlagsprogramm von Aufbau angekommen. Der passt eher zu Ullstein oder Heyne. Der hat bestimmt "Der fünfte Reiter" gelesen, oder nein, den "Befehl von oben" von Tom Clancy: Boeing 747 stürzt aufs Capitol. Der Geschäftsführer des Aufbau-Verlages wusste, dass er von einem Clancy-Leser in Trance keine weiteren Auskünfte über das New Yorker U-Bahnnetz zu erwarten hatte.

Strien überlegte einen Augenblick, ob er städtischen Verkehrsunfällen in New York eine so direkte Auswirkung auf die Tätigkeit eines Berliner Verlagsleiters zugestehen sollte. Als er ins Hotel zurückkam, saßen drei mexikanische Zimmermädchen auf seinem Bett und guckten Fernsehen. Jetzt reichte es Strien. Doch dann fiel der Büchermann neben die drei aufs Bett. Er sah das zweite Flugzeug in den rechten Turm fliegen. Er dachte nicht an die drei ausgeschlagenen Osama-bin-Laden-Biografien. Auch seinen Scout, der neben dem World Trade Center wartete, hatte er vergessen. Und sogar Donna W. Cross. Donna W. Cross, Autorin des Aufbau-Bestsellers "Die Päpstin". Am Abend sollte Donna W. Cross vor jüdischen Frauen auf Long Island aus ihrem Fundamentalismus-Roman lesen. Den Erlös wollte sie wie immer afghanischen Frauen spenden. Strien hatte versprochen, nach Long Island zu kommen.

An einen dachte René Strien, der Aufklärer, nach dem 11. September keinen Augenblick. An Nostradamus. Aufklärer unterhalten ein von vornherein getrübtes Verhältnis zu "Großen Sehern". Das unterscheidet Strien von vielen seiner Landsleute. In der kleinen Friedrichshainer Buchhandlung "Lesen und lesen lassen" wollten plötzlich alle "Nostradamus" kaufen. Die kleine Buchhändlerin war sehr überrascht. Bei "Nostradamus", erklärt Beate Klemm bündig, handelt es sich um einen "typischen Schläfer". Die Buchhändlerin covert das Wort aus dem Terroristen-Universum mit der natürlichen Überlegenheit der Sachverständigen. Bücher sind überhaupt Schläfer die längste Zeit ihrer Existenz. Die Frage ist nur, ob sie schon in den Regalen der Buchhandlungen einschlafen oder erst beim Käufer zu Hause. Die erste Möglichkeit nennt man unternehmerisches Risiko.

Als zur Jahrtausendwende die Welt doch nicht unterging, war Nostradamus vergessen. Aber jetzt wachte er auf. "Bei Nostradamus steht alles drin!", klärte ein Kunde seine Buchhändlerin auf. "Irgendeiner großen Macht fällt irgendetwas Großes auf den Kopf." Die Buchändlerin Beate Klemm, eine Schwester im Geiste Striens, fühlte einen plötzlichen volksaufklärerischen Drang: Was heißt, da steht alles drin? Viel wahrscheinlicher ist: Die Attentäter haben Nostradamus gelesen! Der Kunde der Buchhandlung "Lesen und Lesen lassen" betrachtete mit Niedergeschlagenheit seine Buchhändlerin. Er mag sie wirklich. Aber dass selbst im Angesicht einer solchen Katastrophe die Menschen nicht etwas demütiger werden und aufhören, alles besser wissen zu wollen.

René Strien sieht das ganz anders. Das mit dem Selber-Denken fängt doch jetzt erst richtig an. Seit ein paar Tagen ist er zurück aus Amerika und hat noch keinen Augenblick bereut, die drei Osama-bin-Laden-Biografien nicht gekauft zu haben. Der Geschäftsführer sitzt in seinem schönen Verlagshaus am Hackeschen Markt, hinter sich als Rückendeckung das komplette Aufbau-Taschenbuch-Programm. Er trägt einen schwarzen Anzug. Obwohl etwas Helleres viel besser zu einem Aufklärer passen würde. Ob man nach dem 11. September das Verlagsprogramm nicht aktualisieren müsse, fragen wir. In Striens linkem Mundwinkel zuckt es. In René Striens linkem Mundwinkel wohnt eine milde Verachtung für alle Ein-Tages-Menschen. Wer jeden Tag eine neue Zeitung macht, glaubt wohl am Ende wirklich, dass jeder Tag neu sei. Ein Büchermacher glaubt so etwas nicht.

Es ist natürlich unmöglich, beginnt Strien, ein epochal-katastrophisches Ereignis wie den 11. September verlegerisch so zu antizipieren, dass man es publizistisch begleiten kann. - Alle Versuche, sich das Gesicht des New Yorker Straßenhändlers zu diesem Strien-Satz vorzustellen, bleiben vergeblich. - Sehen Sie, fährt René Strien gedeckt-pastoral fort, die Stimme nun doch perfekt abgestimmt auf den Anzug, wir sind uns darüber im Klaren, wie die Welt aussieht! Pause. Strien prüft die Ankunft seiner Worte. Die Ursachen waren längst da. Pause. Der Fundamentalismus ist nicht neu. Was also sollten wir aktualisieren?

Entweder, man ist aktuell, lautet das Striensche Ultimatum, oder es ist sowieso zu spät. Strien lässt keinen Zweifel, auf welche Seite sein Verlag gehört. Offensichtlich meint er eine Art struktureller Aktualität. Er nimmt ein Buch vom Tisch. "Feinde des Friedens", lesen wir, "Der endlose Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern". Gerade erschienen. Ob mit oder ohne 11. September, sagt Strien. Er klingt genau wie die Frau vom Suhrkamp Verlag, die auf die Frage, ob sich nun irgendetwas ändere im Suhrkamp-Verlagsprogramm, antwortete: Was? Ändern? Bei uns? Nein, bei uns ändert sich gar nichts. Und vibrierend vor Zuversicht: Bei uns bleibt alles, wie es immer war. Die Suhrkamp-Stimme versicherte, dass in Frankfurt auch weiter "in Ruhe nachgedacht" werde. Und im Übrigen sei "das alles nichts Neues" gewesen. Jedenfalls nicht für einen Verlag, der Suhrkamp heißt.

Ein Fax von Suhrkamp

Offensichtlich befindet sich die Zeitwahrnehmung der Denk-Verlage und der Öffentlichkeit in einem Dissens. Die Welt nach dem 11. September wird nie mehr dieselbe sein, stellt Letztere nun schon seit drei Wochen fest. Alles ist, wie es war, behaupten sinngemäß die Aufklärer unter den Büchermachern. Suhrkamp versandte ein Fax mit dem Titel "Besser verstehen - die Welt nach dem 11. September". Es beginnt: "Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren, reden, kommentieren, diskutieren - und das alles schnell, gleich heute, so, als hätten wir uns schon seit langem gründlich in die Materie eingearbeitet. Das wird verlangt und ganz besonders von Ihnen erwartet." Was heißt hier "von Ihnen"? Gewiss schreibt der Suhrkamp-Verlag an eine Zielgruppe, von der sich kein Mensch ausschließen möchte - an die "Spitzen in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik".

Eine ganze Handbibliothek offeriert Suhrkamp dem interessierten Laien. 23 Titel, sofort lieferbar. Die Bücher heißen "Der Islam und das Problem des kulturellen Wandels", "Mörderische Identitäten" oder "Islam und Kapitalismus". Kein Osama-bin-Laden-Buch. Wahrscheinlich denkt Suhrkamp genau wie René Strien vom Aufbau-Verlag: Bin Laden ist ein Indiz. Er ist nicht die Ursache.

Nur Rowohlt ("Islamismus haben wir ja nicht so konkret!") schert aus dem aufklärerischen Aktualiätsverständnis aus und veröffentlicht einen Sonderband zur Buchmesse. Er heißt "Dienstag 11. September 2001" und enthält Reaktionen von Paul Auster, Irene Dische und anderen.

Strien wirkt noch immer völlig unbeeindruckt, dabei hat er nicht mal wie Suhrkamp 23 einschlägige Sachbuchtitel zur Kompensation. Und Ullstein bringt schon bald die zweite Osama-bin-Laden-Biografie heraus. Der Verlagslenker hebt die Schultern, um sie in imaginäre Abgründe fallen zu lassen. Soll der Autor des französischen bin-Laden-Buches nicht so rechts sein, dass französische Zeitungen "Im Namen Osama bin Ladens" nicht einmal rezensieren? Nun muss das Buch noch übersetzt werden, Mitte November erscheint es. Das erste hat Ullstein schon bis zur Buchmesse geschafft, dabei war es erst für Dezember geplant. Bin Laden wäre ein Kapitel in der Darstellung des internationalen Terrorismus gewesen. Jetzt wurde bin Laden etwas nach vorn und der internationale Terrorismus etwas nach hinten geschrieben. "Osama bin Laden und der internationale Terrorismus" heißt die Analyse von Michael Pohly und Khalid Durán.

Ist Ullstein ein Islam-Spezialist? Aber nein, wir sind ein Publikumsverlag, lacht "Ullstein" ins Telefon, wir machen genauso gern eine Angela-Merkel-Biografie wie jetzt eben diese "Islamgeschichten". Publikumsverlag. Ist das schon antiaufklärerisch?

"Ein Verlag kann die Welt nicht verändern, aber er hat die Pflicht, es zu versuchen", beschließt Strien unwiderruflich. Auch muss man gar nicht immer das eigene Volk aufklären. Warum nicht mal die arabische Welt? Das wäre eine Aufgabe für René Strien. Er hat es schon versucht. Früher trug der Büchermacher Leichen von den Schlachtfeldern des Nahen Ostens - als Freiwilliger im Zivildienst -, jetzt wollte er den islamischen Ländern als Zivildienstleistender der besonderen Art ein Buch verkaufen. Das Aufbau-Buch über die "Protokolle der Weisen von Zion". Neben Hitlers "Mein Kampf" sind die antisemitischen "Protokolle der Weisen von Zion" ein Bestseller in der arabischen Welt. Das Aufbau-Buch entlarvt sie als Fälschung. Niemand im Nahen Osten wollte Striens Enthüllungsbuch kaufen.

Man möchte sich fürchten vor der islamischen Bestseller-Liste. Können wir diese Länder wirklich verstehen? Durch Geschichten, durch Romane - ja, sagt Strien. Geschichten erzählen, das heißt, Geschichte von unten begreifen. Wie ein Junge aus der Kasbah von Algier zum Killer bei den Bewaffneten Islamischen Gruppen wird, erfahren wir in Yasmina Khadras "Wovon die Wölfe träumen". Yasmina Khadra ist keine Frau. Yasmina Khadra ist das Pseudonym eines ranghohen algerischen Offiziers. Sein Roman erscheint im Februar. Wir werden ihn nicht vorziehen, sagt Strien. Und einen Aufkleber "Das Buch zur Katastrophe" bekommt es auch nicht.

In zwei Tagen vergriffen

Ullsteins "Der fünfte Reiter" war in zwei Tagen vergriffen: Attentat auf New York, Unbekannte geben ein Bekennerschreiben am Weißen Haus ab. Absender ist nicht bin Laden, sondern Gaddafi. Ullstein druckt schon die nächste Auflage. Thriller ist nicht gleich Thriller. René Strien glaubt sogar an die Existenz des aufklärerischen Thrillers. Das wäre dann eine Geschichte wie Marek Hallers "Die Geheimnisse von Jerusalem". Ein Aufgebot aller Jahrhunderte, Religionen, Geheimdienste, am Ende - Lessings Ringparabel.

Der aufklärerischste Aufbau-Bestseller wurde bis jetzt 2,5 Millionen mal verkauft. Es ist "Die Päpstin". Ein Buch zur Zeit, sagt Strien. Sicher, es ist noch im letzten Jahrtausend erschienen und handelt von einer Frau aus dem neunten Jahrhundert. Aber geht es aktueller?

Donna W. Cross hat am 11. September abends auf Long Island aus der "Päpstin" gelesen. Vielleicht war es die einzige literarische Veranstaltung, zu der jeder sein Handy mitbrachte und niemand es ausschaltete. Die jüdischen Frauen auf Long Island warteten noch auf ihre Männer. Viele arbeiteten in Manhattan, auch im World Trade Center. Die Frauen sprachen mit Donna W. Cross über christlichen Fundamentalismus. Zwischendurch klingelten ihre Handys. Der Erlös des Abends ging an die afghanischen Frauen. Wie immer.

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