Zeitung Heute : Frankfurter Buchmesse: Wenn das Buch am Schirm erscheint

Peter Zschunke

Bei der Frankfurter Buchmesse geht es in diesem Jahr mehr denn je um den "E-Content": Elektronische Inhalte lassen sich nicht länger in einer einzigen Halle unterbringen, sondern ziehen sich wie ein roter Faden durch das Angebot aller Messehallen. Von den rund 7000 Ausstellern aus 106 Ländern bringen rund ein Drittel in irgendeiner Form ein elektronisches Angebot mit - das ist mehr als jeder dritte Verlag.

Wenn es in den Messehallen vom 18. bis 23. Oktober noch ein Refugium ohne Elektronik gibt, dann noch am ehesten in der Welt der Belletristik. Hier tastet sich das "elektronische Buch", das eBook, nur zögernd vor. Dabei ist das Interesse des Publikums in Europa ebenso begrenzt wie in den USA, wo die ersten elektronischen Lesegeräte bereits 1998 eingeführt wurden. Allenfalls die großen Konzerne wie Bertelsmann geben dem eBook eine Chance und bieten Romane für das "Rocket eBook" des US-Herstellers NuvoMedia an. Das bequem in der Hand liegende Gerät zum Preis von 675 Mark hat aus Sicht der Bücherfreunde einen entscheidenden Nachteil: Es lässt sich weder kopieren, noch ausdrucken und schon gar nicht an Freunde verleihen. Aber zumindest das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein, denn wer keine Bücher verleiht, muss auch niemandem nachlaufen, damit er es wieder zurückbekommt.

Vor allem die Sache mit dem Ausdrucken, Verleihen und Kopieren ist aber aus Sicht der Verlage eine zentrale Bedingung für die Beteiligung am elektronischen Buchprojekt: Auf keinen Fall soll es der Buchbranche so ergehen wie der Musikindustrie, wo das frei kopierbare MP3-Format zu massenhaften Verletzungen von Urheberrechten im Internet geführt hat. Um das neue Medium mehr in den Blickpunkt zu rücken, wird auf der Messe erstmals ein mit 100.000 Dollar dotierter "Frankfurt eBook Award" verliehen - mit tat- und finanzkräftiger Unterstützung aller führenden Softwarefirmen wie Microsoft.

Der von den Lesegeräten unterstützte OEB-Standard (Open eBook) ermöglicht eine ausgefeilte Digitale Rechteverwaltung (Digital Rights Management, DRM) - der elektronische Text lässt sich nur auf einem einzigen Lesegerät anzeigen, dessen Seriennummer dazu abgefragt wird. Auf diesem Prinzip baut auch der "eBookman" der Firma Franklin auf, der auf der Buchmesse erstmals vorgestellt wird. Dieses unter 500 Mark kostende Gerät mit einem Speicher von acht MB wirbt mit zusätzlichen Funktionen um Käufer: Es dient nicht nur als eBook, sondern auch als Sprachrecorder, Notizbuch und MP3-Player. In dieser Ausbaustufe gibt es aber vor allem einen Nachteil: Der interne Speicher von acht oder wahlweise auch 16 Megabyte dürfte dabei schnell erschöpft sein.

Ohne große Begeisterung wird das eBook derzeit von den Fachverlagen beäugt. Er könne dafür im Moment noch keinen Markt erkennen, sagt etwa der Geschäftsführer des Berliner Verlags DirectMedia, Ralf Szymanski. Somit bleibt die CD-ROM zunächst wohl weiterhin die erste Wahl als Datenträger für Buchtexte. Bei besonders großen Datenmengen wird die Scheibe durch die DVD ergänzt. Und dann kommt schon das Internet.

Rechtzeitig zur Buchmesse hat der Mannheimer Brockhaus-Verlag sein neues elektronisches Lexikon vorgestellt, das erstmals Erkenntnisse der Computerlinguistik für ein maschinell erstelltes "Wissensnetz" nutzt. Bei mehr als 172 000 Stichwörtern bietet der "Brockhaus multimedial 2001" jetzt 60 Prozent mehr Text als zuvor (siehe auch den ausführlichen Text zu CD-Lexika auf dieser Seite). Und wo der Text mit seinem Latein am Ende ist, springen Bilder und Töne ein: Fotos, Tondokumente mit einer Dauer von elfeinhalb Stunden, historische Karten und Nachrichtenfilme mit einem Umfang von zwei Stunden füllen zusammen mit dem Text in der "Premium"-Ausgabe fünf CD-ROM-Scheiben. Oder man wählt die DVD-Alternative - denn dann kann man sich das ebenso lästige wie mühsame Wechseln der CD-Roms sparen.

Messen erfüllen immer mehr die Aufgabe einer Job-Börse, und das ist auch in Frankfurt der Fall. Für Berufsein- oder -umsteiger gibt es erstmals auf der Buchmesse ein Electronic Media Center (EMC), wo neue Techniken und Arbeitsplätze in den Medienberufen gezeigt werden. Hier präsentieren Internet-Buchhandlungen, Verlage oder Multimedia-Dienstleister ihre Publishing-Arbeitsplätze. In der für Multimedia reservierten Halle stellen diesmal rund 300 Firmen aus. Allen gemeinsam ist nach Darstellung der Messeleitung: "Sie suchen Personal, das den neuen Herausforderungen gewachsen ist."

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