Frankreich : Der Napoleon-Komplex

Ganz Frankreich rennt ins Disneyland. Ganz Frankreich? Nein! Ein kleiner Ort bei Paris plant den ganz großen Gegenentwurf: die Geschichte des legendären Kaisers als Fun-Park

Martina Meister

Yves Jégo empfängt in einem schmucklosen Büro der Pariser Nationalversammlung. Nichts in diesem Raum, das etwas über ihn preisgeben würde, kein Buch, kein Foto, kein Objekt. Ein typischer Hinterbänkler ist er, aber à la française, seit bald zehn Jahren Abgeordneter der Nationalversammlung, seit mehr als 17 Bürgermeister eines Städtchens, dessen Namen kaum ein Franzose kennt. Aber Jégo, 51, hat etwas Unerhörtes vor: Er will an ein Tabu rühren.
Es geht um Napoleon. Den Feldherren, Kaiser, Tyrannen. Um die wohl schillerndste, faszinierendste und zugleich umstrittenste Figur der französischen Geschichte. Jégo träumt von einem Napoleon-Park vor den Toren von Paris, von einem historischen Themenpark nach dem Vorbild von Disney und Co. Er will das wirtschaftliche Potenzial der Marke Napoleon ausschöpfen und aus dem kleinen Korsen ein großes Instrument des „territorialen Marketings“ machen.
Ein Freizeitspaß schwebt ihm vor, ein Park, der nicht einer amerikanischen Maus gewidmet ist, auch keinem gallischen Comic-Helden, sondern einer historischen Figur. In seinem Kopf ist alles bereit für eine Fahrt auf der Achterbahn der Geschichte, eine Reise auf den Spuren Napoleons über Italien, zu den Pyramiden Ägyptens und dann hinaus auf die Schlachtfelder Russlands. Napoleons Leben und Wirken ist zu inszenieren als multimedial ausstaffiertes Ausflugsziel, ein pädagogisch wertvolles Unternehmen mit Fun-Faktor. Harry Potter oder Obelix könnten blass dagegen aussehen. Oder spinnt Jégo nur?
„Le Bivouac de Montereau“ ist sein Arbeitstitel für den Park: „Das Feldlager von Montereau“. „Napoleonland“ wurde das leicht größenwahnsinnig wirkende Projekt sofort von der britischen Presse getauft. Immerhin geht es um rund 100 Hektar Fläche und ein Investitionsvolumen von mindestens 200, wenn nicht 250 Millionen Euro. „Das Empire schlägt zurück“, titelten die Amerikaner. Jégo ist ein bisschen erstaunt über das Medienecho, das seine Pläne ausgelöst haben. „Muss wohl am Thema liegen.“
80 000 Bücher sind über den Korsen verfasst worden, 136 Filme gedreht. „Napoleon ist eine Weltmarke“, sagt Jégo, mehr noch: „ein Mittel gegen die Krise“. Natürlich, fügt er hinzu, sollen im Park auch Napoleons Schattenseiten thematisiert werden, sollen die 3,5 Millionen Menschen nicht ausgespart bleiben, die bei seinen Feldzügen starben. Das Leiden der Soldaten, die Unterwerfung von Völkern, die Wiedereinführung der Sklaverei, all das wird Thema sein. Eine internationale Expertenkommission soll für historische Wahrheit sorgen – aber vermutlich auch dafür, dass diese Wahrheit erträglich und heiter konsumierbar bleibt.
Jégo weiß um die Probleme, er sagt selbst, es gehe darum, „ausreichend ernsthaft zu sein, um glaubwürdig zu bleiben, aber auch ausreichend Spaß zu versprechen, um attraktiv zu sein“. Er träumt von einem Magneten für Touristen aus aller Welt, einem lokalen Arbeitgeber, von einem spektakulären, aber kulturell korrekten Themenpark, angesiedelt irgendwo zwischen Harry-Potter-Welt, Tropical Islands und Parc d’Astérix. Mehr noch – Jégo denkt an so etwas wie eine späte Versöhnung der Nation mit Napoleon. Denn wie so viele andere Kapitel der französischen Geschichte, die sich nicht zur reinen Glorifizierung eignen, ist auch dieses tendenziell verdrängt worden. Zu vielschichtig, zu kompliziert war Napoleon, um ihn nur zu feiern oder einfach nur vom Sockel zu stoßen.
Entstehen soll der Park dort, wo Jégo Bürgermeister ist: bei Monterau-Fault- Yonne, eine gute Autostunde südöstlich von Paris. Unterstützer gibt es viele für das Projekt. Die französische Tourismusbehörde steht dahinter und die „Fondation Napoléon“, die über das Erbe des alten Kaisers wacht. Auch Charles Napoléon Bonaparte, ein ferner Nachfahr von Napoleons jüngerem Bruder Jérôme, gehört zu den Fürsprechern: „Napoleon ist ein Produkt, das funktioniert.“
Wer aus Paris kommt, entdeckt das 16 000 Einwohner zählende Montereau-Fault-Yonne in die Landschaft gewürfelt wie ein Miniaturbild. Von einem Hochplateau windet sich die Straße steil hinunter in das Tal, das Seine und Yonne hier bilden. Dort, wo die Yonne in die Seine mündet, sitzt Napoleon hoch zu Ross auf einer Brücke, den rechten Zeigefinger in die Ferne gerichtet. Der Kaiser starb 1821, das Denkmal wurde gut 40 Jahre später errichtet.
Aus der Nähe wirkt die Stadt weniger idyllisch. Kaum ein Tourist, der sich hierher verirrt. Wen es dennoch nach Montereau verschlägt, der spürt sofort, dass es das 20. Jahrhundert mit diesem Ort nicht gut gemeint hat. In den 70er Jahren hatten Lokalpolitiker den schönen Plan, aus Montereau eine Industriestadt zu machen. Reihenweise wurden Sozialbauten aus dem Boden gezogen, in der Hoffnung, eine 45 000-Einwohner-Stadt zu schaffen. Alles war perfekt am Reißbrett geplant und hätte klappen können, wenn nicht die große Industrialisierung ausgeblieben und die Keramikindustrie der Gegend niedergegangen wäre. Die Reißbretter wurden eingepackt, die Pläne verworfen, ganze Viertel wieder abgerissen.
Heute stehen in der Altstadt viele Gewerberäume leer. Die „Arbeitsagenturen“ fallen auf. Vermitteln tun sie selten jemanden: Die Arbeitslosenquote liegt bei über 20 Prozent. Im Bistro „L’Eden“, das nichts von einem paradiesischen Garten hat, sitzt sonntagmittags kein einziger Gast, der Wirt isst allein mit seiner Frau und der Schwiegermutter. Napoleon? „Warum nicht“, sagt er mürrisch, „wenn er Kundschaft bringt.“
Montereau hat einen letzten Trumpf, eine Karte namens Napoleon. Und Montereau hat diesen Bürgermeister, der sie ausspielen will: Jégo, seit 17 Jahren Chef eines Kaffs, das nichts mehr zu verlieren hat, will seine Zukunft jetzt aus der Vergangenheit zimmern. „Unser Kulturerbe ist unser Trumpf für die Zukunft.“ In Montereau hat Napoleon im Februar 1814 die letzte siegreiche Schlacht vor seiner Absetzung als Kaiser geschlagen, hier sagte er, bevor er die Österreicher besiegte, den berühmten Satz: „Freunde, macht euch keine Sorgen, die Kugel, die mich töten soll, ist noch nicht gegossen worden.“
Napoleon in Montereau, sagt Jégo, sei der Feldherr, der nicht nachgibt. „Ein Mann mit außerordentlicher Kraft, kurz vor dem Ende unnachgiebig an den Sieg glaubend.“ Ein bisschen so wie er, könnte man meinen, wie der Bürgermeister, der das Schicksal seines Städtchens, das alle abgeschrieben haben, nun doch noch in die Hand nehmen will. Im Februar 2014, pünktlich zum 200. Jahrestag der Schlacht von Montereau, soll der Grundstein für den Park gelegt werden. Drei Jahre später könnte Napoleonland Wirklichkeit sein.
Eine Inszenierung, die nach Aussage seines Schöpfers „das Beste von überall“ vereinen soll. Von den Themenparks in Florida will sich Jégo inspirieren lassen, von der Technik des Futuroscopes in Poitiers, von Frankreichs erfolgreichem Historienpark Puy-du-Fou. Jégo versichert, dass er das Vulgäre vermeiden will. Aber Karussells der Napoleonischen Epoche? Achterbahnen in Form des Napoleonischen Zweispitzes? Wasserbecken, in denen man sich die Schlacht von Trafalgar von unten ansehen kann? Alles sei vorstellbar, sagt Jégo. Auch eine Guillotine für die neuerliche Enthauptung Ludwigs XVI. wird nicht fehlen, genauso wenig wie das Innere der Kathedrale von Notre-Dame, wo sich Napoleon am 2. Dezember 1804 selbst zum Kaiser krönte.
Dann, regelmäßig am 14. Februar, wenn in Montereau Napoleons Sieg in historischer Montur nachgestellt wird, schlüpft auch Jégo in seine Stiefel und sein Bürgermeisterkostüm und schreitet mit blau-weiß-roter Schärpe um den Bauch und Federn auf dem Hut an der Seite eines Napoleon-Darstellers das Regiment ab. Vielleicht spinnt er wirklich?
Im wahren Leben ist Jégo so unscheinbar wie das Büro, in dem er empfängt. Seit einem guten Jahrzehnt Abgeordneter des dritten Wahlbezirks im Départment Seine-et-Marne, Platznummer 184 in der Nationalversammlung, Mitte-Rechts. Einst ein Protegé Nicolas Sarkozys, gehört er inzwischen zu den Enttäuschten des „System Sarko“. Nur für kurze Zeit stand Jégo einmal im Rampenlicht. Es war 2009, Sarkozy berief ihn zum Staatssekretär für die Überseegebiete. Ein kleines Ministerium für einen Mann, der sich vermutlich längst mit dem Schicksal des Hinterbänklers abgefunden hatte, ein unverhoffter Aufstieg, auf den der unmittelbare Absturz folgte. Bereits ein Jahr später kosteten ihn Unruhen auf Guadeloupe das Amt, er fühlte sich als Sündenbock, aber er musste abtreten von der nationalen Bühne.
Napoleon brachte ihn zurück. Die Weltmedien, die Kameras, die vielen Fragen: Was Napoleon für ihn bedeute? Ob er ein Napoleon-Fanatiker sei? Nein, ganz und gar nicht, sagt Jégo. Er interessiere sich für Geschichte, sicher. Natürlich sei da auch dieses kleine Buch, „1807“, sein historischer Roman über Napoleons Einzug in Venedig, den Spötter als Mantel- und Degen-Schinken abtaten, aber den Autor kümmert das nicht. „Napoleon“, sagt er, „hat wie keine andere historische Figur die Menschheitsgeschichte geprägt.“ Täglich erscheine ein Buch zum Thema, und doch gibt es laut Jégo kaum eine Straße in Frankreich, die Napoleons Namen trägt, kein Museum, das ihm gewidmet ist. Frankreich, man spürt es, hat ein Problem mit dem Korsen. Nur die Touristen, sagt Jégo, die kämen nach Paris und fragten, wo denn das Napoleon-Museum sei.
„Mein Ehrgeiz ist es, ein ausgeglichenes Konzept zu entwickeln, das die historische Wahrheit abbildet, aber mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts“, sagt Jégo. Die Sache soll Spaß machen, aber auch zum Nachdenken anregen. „Ich bin mir darüber im Klaren, dass das kompliziert ist. Aber Napoleon hätte gesagt: Weil es unmöglich ist, werden wir es machen.“
Es gibt Gründe, an den Erfolg zu glauben. Mit 27 Millionen Touristen jährlich ist Paris weiterhin das attraktivste Reiseziel weltweit. Wenn der Park in Montereau reizvoll genug wird, dürfte es nicht unmöglich sein, einen Teil davon in die Provinz nahe der Hauptstadt umzuleiten. Eine Million Besucher, sagt Jégo, würden schon genügen.
Er schaut nach Disneyland, dessen Pariser Ableger gerade mit einem Riesenfeuerwerk seinen 20. Geburtstag gefeiert hat: Der einst so umstrittene Park östlich der Hauptstadt hat sich mit 15 Millionen Besuchern jährlich zum größten Freizeitpark Europas entwickelt, zum größten Steuerzahler und einem der größten Arbeitgeber des Départements: 10 000 direkte, 20 000 indirekte Arbeitsplätze. Dass Disney voraussichtlich noch bis 2024 brauchen wird, um seine Schulden von zuletzt 1,8 Milliarden Euro abzubauen, erwähnt Jégo nicht. Er ist Abgeordneter, er ist Lokalpolitiker: „Mir geht es vor allem darum, Investoren anzulocken, Arbeitsplätze zu schaffen.“ Er träumt von Hotels, Restaurants, einem Kongresszentrum vielleicht, einer Anbindung ans Schnellzugnetz TGV, dann wäre Montereau fast eine Vorstadt von Paris.
Vielleicht spinnt Jégo. Vieles, was er sagt, klingt unmöglich, undurchführbar, größenwahnsinnig. Aber genau das haben die Leute auch über Napoleon gesagt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!