Zeitung Heute : Frankreich gegen Frankreich

Und Nigeria ist eins der besten Teams. Wenn Fußballturniere auf Videospielkonsolen stattfinden, gelten andere Regeln

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Von Gregor Wildermann

Schon bei der Nennung der Summen kann einem schwindlig werden. Zinedine Zidane verdiente in der letzten Saison bei Real Madrid 13,6 Millionen. Luis Figo bewegt seine Beine für 8,5 Millionen Euro. Als teuerster Transfer in der am Freitag beginnenden Bundesligasaison wechselte Zé Roberto für 9,5 Millionen Euro von Bayer Leverkusen zu Bayern München. Für Benjamin Kreanz sind am vergangenen Sonntag keine Millionenbeträge geflossen, denn sein Transfer aus der Ortschaft Picher (776 Einwohner) in eine Sports Bar direkt unterhalb der S-Bahn Station Jannowitzbrücke hat lediglich die deutsche Bundesbahn etwas reicher gemacht.

Kreanz ist einer von 32 Teilnehmern der Städtequalifikation im diesjährigen Fußballturnier der Firma Konami. Dabei ist die japanische Company kein neuer Trikotsponsor oder Mediengigant á la Kirch. Konami ist der Hersteller des PlayStation 2-Spiels „Pro Evolution Soccer“ (PES), das unter den Fans von Fußballsimulationen als das realistischste Game eingestuft wird. Spielbar sind 53 Nationalteams, 35 Vereinsmannschaften diverser Nationen und neun internationale Stadien, die nach ihren realen Vorbildern berechnet wurden.

Benjamin stört es als Bundesliga-Fan nicht, dass viele namhafte Mannschaften oder deren Originaln fehlen. Lediglich Bayer Leverkusen und Bayern München kommen vor, auch sein Lieblingsverein Borussia Dortmund. Für so genannte „E-Sportler“ wie den 16-jährigen Benjamin sind andere Faktoren entscheidend. „Die Spieltiefe ist bei PES größer als bei anderen Fußballspielen. Bei der Fifa-Serie passiert immer das gleiche. Taktik spielt da gar keine Rolle. Da reicht ein Außenpass, ein schneller Kopfball. Schon ist der Ball drin. Das ist bei PES anders. Da fällt kein Tor zweimal.“

Das merkt man auch an den acht grünen Tischen im hinteren Raum von „Kruse’s Sportsbar“, in der zur besten Mittagszeit die virtuellen Partien frei wählbarer Nationalmannschaften gespielt werden. Moderator Stephan Hammer gibt die Namen der Spieler bekannt, während drei Assistentinnen in Fußballtrikots als stille Schiedsrichter die Ergebnisse kontrollieren. Bei Raumtemperaturen von an die 30 Grad geben sich die Kontrahenten vor jedem Spiel einen Handschlag. Wie bei der echten Weltmeisterschaft im Juni auch hier das gleiche Phänomen: Vor jedem Bildschirm Freunde und Mitspieler, Flüche bei vergebener Torchance, noch mehr Schwitzen bei Verlängerung, größerer Jubel bei gut ausgespielten Netztreffern oder verwandeltem Elf-Meter-Schuss. Der verbissene Ausdruck mancher Spielergesichter zeugt von einer guten Portion Kampfeslust, doch im Vergleich zu mancher LAN-Party mit Spielen wie „Counterstrike“ schwingt hier wesentlich mehr Sportsgeist mit.

Alle Turnierteilnehmer dürfen sich ihre Mannschaft frei auswählen und haben dann noch zwei Minuten Zeit, in den Optionseinstellungen Änderungen vorzunehmen. Dazu gehören eigene Taktiken, Tastenbelegung des Controllers und die eigentliche Mannschaftsaufstellung.

Während im realen Fußballleben Benjamin früher selbst im Verein gespielt hat und während der Fußball–WM einfach nur für das bessere Nationalteam war, spielt er in diesem Turnier mit der Mannschaft von Frankreich. „Im Konsolenspiel habe ich mir mehrere Mannschaften angeschaut. Frankreich hat viele große, schnelle Spieler. Die Stürmer verwandeln ihre Torchancen. Dabei ist die Wahl des Teams gar nicht mal so entscheidend, viel mehr sind die Fähigkeiten des menschlichen Spielers gefragt.“

An Tisch C hat der junge Türke Muharrem mit seinem argentinischen Team und einem 8:0 gegen Deutschland den bisher höchsten Sieg erzielt. An Tisch A schwört der etwas ältere Sascha auf die Mannschaft von Nigeria, muss sich dann aber doch mit 2:0 gegen Deutschland geschlagen geben. „Ich spiele schon seit Jahren mit Nigeria. Mir ist es egal, ob die anderen immer nur Brasilien, Holland oder mit Deutschland spielen. Das ist mir zu langweilig. Nigeria ist eine der besten Mannschaften in PES. Nur wenn sie weit zurückliegen, hat man es schwer aufzuholen!“ In Japan ist bereits der Nachfolger von „Pro Evolution Soccer“ unter dem Titel „Winning Eleven 6“ erschienen. Dessen Verbesserungen sind während des Turniers Gesprächsstoff.

Kurz nach 17 Uhr endlich der Anpfiff für das Finale. Benjamin muss nun gegen Hamit spielen, der im Halbfinale seinen Landsmann Muharrem mit 2:1 besiegt hat. Da gleiche Partien erlaubt sind, wählen beide die Mannschaft von Frankreich und auf dem Großbildfernseher beginnen die 90 Spielminuten, die auf dem Bildschirm in vierfacher Geschwindigkeit ablaufen. Relativ schnell geht Benjamin mit 3:0 in Führung. Sein Gegenspieler kassiert die rote Karte. Kurz danach der Ausgleich. Hamit kann danach noch auf 3:2 aufschließen. Während man Benjamin seine Anspannung anmerkt, erhöht er in der 59. Bildschirmminute auf 4:2. Der erneute Gegentreffer kann seinen Sieg nicht mehr aufhalten. Das Finale mit den zwei besten Kontrahenten der sieben Städteturniere findet Ende August auf der „Games Convention“ in Leipzig statt. Dies ist die erste Großmesse für Videospiele in Deutschland, zugleich ein Indikator dafür, wie erfolgreich der Videospielmarkt ist. Auch mit Zidane und Figo.

Im Internet:

www.pro-evolution-soccer.de

www.gc-germany.com

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