Frankreich hat wirtschaftliche Probleme : Abstieg einer Nation

Frankreich löst das 110. Infanterieregiment auf, das zur deutsch-französischen Brigade in Donaueschingen gehört. Es ist eine Nachricht, die den Sparkurs Frankreichs in Zeiten der Euro-Krise illustriert - und die wirtschaftlichen Probleme des Landes, die sich bereits seit zwei Jahrzehnten beobachten lassen.

Die Deutsch-Französische Brigade in Donaueschingen.
Die Deutsch-Französische Brigade in Donaueschingen.Foto: dpa

Es gibt Nachrichten, die haben Symbolwert. Die Auflösung der letzten noch in Deutschland stationierten französischen Kampfeinheit in Donaueschingen gehört dazu. Der Abzug der Soldaten war zwar erwartet worden, denn Frankreichs Staatschef François Hollande muss sparen. Und doch verschwindet mit diesen Soldaten auch wieder ein sichtbares Bindeglied zwischen Berlin und Paris. Die deutsch-französische Brigade, der die Soldaten angehören, stammt noch aus der Zeit von Helmut Kohl und François Mitterrand – eine Ära, die angesichts der Turbulenzen um den Euro heute weit entfernt scheint.

Man könnte angesichts des bevorstehenden Abzugs hunderter französischer Soldaten aus Deutschland achselzuckend zur Tagesordnung übergehen. Schließlich hat es ja eine gewisse Logik, wenn Frankreichs Präsident Hollande dem Kampf gegen Islamisten in Mali eine höhere Priorität beimisst als einem Symbol, das noch aus der Zeit der deutsch-französischen Aussöhnung am Ende der Nachkriegszeit stammt. Ist nicht die Aussöhnung zwischen beiden Ländern längst gelungen, werden sichtbare Zeichen der bilateralen Kooperation wie eben die deutsch-französische Brigade überhaupt noch gebraucht?

Tatsächlich wäre die jüngste Entscheidung des französischen Verteidigungsministeriums, die Soldaten abzuziehen, weniger beunruhigend, wenn die Nachricht nicht auch noch in anderer Hinsicht Symbolcharakter hätte: Ob es um den Umzug des „Maison de France“ in Berlin oder nun um die Auflösung eines traditionsreichen Infanterieregiments in Baden-Württemberg geht – stets ist es der Rotstift, der in Paris regiert. Seit Hollande im Mai 2012 sein Amt übernommen hat, steht er unter dem Druck der Haushaltskonsolidierung. Der allgegenwärtige Sparzwang und die zunehmend erratisch wirkende Suche des französischen Präsidenten nach neuen Steuerquellen versinnbildlichen den Abstieg einer Nation, der sich seit der deutschen Wiedervereinigung spiegelverkehrt zur Entwicklung im Nachbarland vollzogen hat: Während Deutschland nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch an Gewicht gewonnen hat, kommt Frankreich zunehmend seine Rolle als gleichberechtigter Partner Berlins abhanden.

Für Europa ist es aber nicht gut, wenn Deutschland und Frankreich nicht auf Augenhöhe agieren. Dass Bundeskanzlerin Angela Merkel und Hollande jüngst in dem unfassbaren Ausmaß der Bespitzelung durch den US-Geheimdienst NSA ein gemeinsames Thema gefunden haben, kann nicht über eine fatale Schieflage in Europa hinwegtäuschen. In den zurückliegenden knapp vier Jahren der Euro-Krise konnte der Verdacht, dass die Kanzlerin allen anderen Euro-Staaten einen Reformkurs nach deutscher Façon aufzwingen wolle, nur wegen des fehlenden französischen Widerparts aufkommen. Die gegenwärtige Agenda Merkels und Hollandes spricht Bände über das ungleiche Paar: Während die Kanzlerin jenseits der Koalitionsgespräche gedanklich schon mit den nächsten Reformbaustellen in Europa beschäftigt ist, muss sich Hollande mit protestierenden Bauern in der Bretagne herumschlagen.

Dabei wäre es gerade jetzt wichtiger denn je, dass an der Spitze der Euro-Zone ein Duo steht, das den Namen auch verdient hat. Die Krise ist noch nicht vorbei. Die Aufgabe, die Euro-Staaten wirtschaftspolitisch enger zu verzahnen, bleibt eine große Herausforderung für die nächsten Jahre. Merkel allein kann sie nicht meistern.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!