Zeitung Heute : Frankreichs dunkelrote Heilige

Der Tagesspiegel

Von Pascale Hugues

Sie hat nicht eine Falte bekommen. Und immer noch die Ausstrahlung einer Ordensschwester in Zivil: die Frisur ist kurz und praktisch, die Haltung wirkt freimütig und jungenhaft, das Lächeln leuchtend, ja fast erleuchtet. Ihre Ansprachen beginnt sie bis heute: „Arbeiterinnen, Arbeiter“. Seit Jahrzehnten klagt sie an: „Frankreich, die Ex-Kolonialmacht, die dazu beiträgt, der Welt an allen vier Ecken das Gesetz des Imperialismus aufzuzwingen.“ Und „die Unternehmerklasse,die die Arbeiter manchmal bis zum Tode ausbeutet“. Beharrlich verlangt sie die Aufhebung des Bankgeheimnisses, „um die Konten der Drahtzieher der Großunternehmen öffentlich zu machen“, und fordert ein Verbot von Massenentlassungen.

Arlette Laguiller, trotzkistische Galionsfigur der Partei „Lutte Ouvrière“, ist unermüdlich. Zum fünften Mal tritt sie nun bei den französischen Präsidentschaftswahlen an, angefangen im Jahr 1974: ein absoluter Rekord. Was wäre das denn für eine Wahl – ohne sie?

Weder der Fall der Berliner Mauer, noch der radikale Absturz der kommunistischen Regime in Osteuropa, nicht einmal die hässlichen Enthüllungen der Presse, dass ein großer Pharmaziekonzern „Lutte Ouvrière“ finanziert, vermochten das Vertrauen in „Arlette“ – wie sie ganz Frankreich nennt, denn so familiär ist sie für alle geworden – zu erschüttern.

Der Sänger Alain Souchon hat ihr sogar einen Schlager gewidmet. Die 61-jährige Arlette, inzwischen Rentnerin des Crédit Lyonnais, ist unsere Sahra Wagenknecht (nur weniger sexy) und unsere Jutta Dittfurth (in der Prolo-Version).

Anachronistisches Maskottchen

Arlette ist eine museale Gestalt. Ein unerschütterbarer Eckstein in der ansonsten so beweglichen politischen Landschaft in Frankreich. Ein Fossil des öffentlichen Lebens, die den Eindruck vermittelt, die Erde habe sich seit Jahren nicht weiter gedreht. Mit ihr erwachen die 70er Jahre wieder zum Leben. Und die ideologischen Schmähschriften der 20er Jahre. Mehr noch: das Frankreich des Emile Zola scheint unsterblich zu sein.

Doch, Achtung: Die Jahre über hat man sie belächelt. Arlette war das anachronistische Maskottchen des modernen Frankreich. Eine „heilige“ Tochter mit soliden Überzeugungen, die sie bis zum Ende ihres Lebens nicht ändern wird – sie am allerwenigsten. Man hat sie zu schnell in das verstaubte Regal der Retro-Requisiten gesteckt.

Arlette erlebt seit einigen Jahren ein erstaunliches Comeback. Früher hatte sie nie mehr als die symbolischen zwei Prozent geholt, 1995 waren es plötzlich 5,3. Jetzt liegt sie in den Umfragen bei zehn Prozent. Ironischerweise ist das die Größenordnung, die auch Jean-Marie Le Pen von der rechtsextremen Front National erreicht. Noch links von der Linken träumt Arlette davon, dem Kommunistenführer Robert Hue den Platz streitig zu machen. Ist die trotzkistische Nostalgie also mehr als eine anekdotische Schimäre? „Das sind doch nur Proteststimmen“, machen sich die sozialistische PS und die kommunistische PC Mut.

Wäre das in Deutschland vorstellbar: Sahra Wagenknecht überspringt die 5-Prozent-Hürde und überholt die FDP? Oder: Jutta Dittfurth wird zur ernsten Gefahr für Joschka Fischers Realos?

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point“.

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