Zeitung Heute : Französisch lernen

Lars von Törne

Wie ein West-Berliner die Stadt erleben kann

Merkwürdige Dinge passieren rund ums Brandenburger Tor. Gigantische, rote Statuen stapfen durch die Straßen Berlins. Die Menschen sind grau und krank, weil es nicht genug Arbeit für sie gibt. Und dann wird eines Nachts die Mauer wieder aufgebaut. In dieser Situation kommen Pancho und Diaz in die Stadt, eine Stechmücke und eine Fliege aus Spanien, die hier ihren Urlaub verbringen wollen, dabei in ein hochpolitisches Abenteuer verstrickt werden und uns zeigen werden, dass der Flügelschlag einer Mücke ein ökonomisches Erdbeben auslösen kann.

Oder so ähnlich. Denn was mit Pancho und Diaz wirklich los ist, versuche ich gerade erst zu ergründen. Die beiden sind die Hauptfiguren in der französischen Fabel „Le Moustiquaire de Berlin“, einer Comic-Geschichte, die ich in der französischen Buchhandlung Zadig entdeckte, nachdem ich zuvor beschlossen hatte, das eingerostete Schulfranzösisch wiederzubeleben. Pancho und Diaz sind dafür ideale Gefährten. Die Handlung des Buches ist, soweit ich das nach der mühsamen, Wörterbuch-gestützten Lektüre der ersten Hälfte sagen kann, ziemlich irrwitzig, aber auch für Menschen mit 20-jähriger Französischabstinenz relativ leicht zu verstehen. Vor allem gibt es eine fantasievolle Berlin-Geschichte zu erleben. Darin taucht, mit spitzem Strich gezeichnet, ein Dutzend weiterer Insekten auf, die gleich mehreren großen Verschwörungen zwischen Potsdamer Platz und Unter den Linden auf die Spur kommen. Es geht um herzlose Industriebosse, einen hundertjährigen Bösewicht und Blutreserven, die unter den kleinen Saugern mörderische Verteilungskämpfe provozieren. Nebenbei lernt man ein paar nützlich Redewendungen, die bei der nächsten Urlaubsreise bestimmt gut zu gebrauchen sind. „Den Wert eines Menschen erkennt man an der Zahl seiner Mückenstiche“, zum Beispiel. Auf Französisch klingt das natürlich viel eleganter.

Philippe Lacoeuille und Paul Drouin: „Le Moustiquaire de Berlin“, 50 bunte Seiten, Glénat-Verlag, 15 Euro, erhältlich in der französischen Buchhandlung Zadig, Linienstr. 11, Mitte.

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