Zeitung Heute : Frau für Wind und Wetter

Das Damenprogramm schaffte sie ab, manchmal wirkte sie sogar ein wenig draufgängerisch – Christina Raus Abschied von Bellevue

Elisabeth Binder

Auf dem Rückflug von Leipzig fiel plötzlich der Motor aus, dann der Strom. Es wurde ganz dunkel und still in der Kabine der Präsidentenmaschine. Dann machte plötzlich das Notaggregat einen Höllenlärm. Christina Rau blieb völlig ruhig. „Wird schon gut gehen“, dachte sie. „Ich komme auch so auf die Erde.“ Gelassenheit ist eines ihrer Markenzeichen, die Art Gelassenheit, die von tief drinnen kommt. Sie kann sie nicht erklären. „Vielleicht ist es Gottvertrauen?“

Sie liebt Skifahren und zwar richtig schnell. Und das Tiefseetauchen hat sie in ihrer Zeit als Bundespräsidentengattin auch nicht aufgegeben. Vor Jahren ließ sie sich noch aus dem Himmel fallen, war eine begeisterte Fallschirmspringerin. Ihr Mann wurde kreidebleich, wenn er nur dran dachte. Sicher reden die Leute da manchmal von Mut. „Da kann man aber niemanden für bewundern. Manche Menschen haben halt andere Schwellen.“ Richard von Weizsäcker gab letztens in der Sendung „Maischberger“ zu, dass er sich nur deshalb auf dem Surfbrett in die raue Nordsee gestürzt habe, weil sie ihn herausgefordert hatte und er sich nicht blamieren wollte.

Aber natürlich tritt sie nicht wie eine Draufgängerin auf. Als Christina Rau vor fünf Jahren ins Schloss Bellevue zog, wirkte sie sehr zurückhaltend. Große Worte waren nicht ihre Sache. Das hat sich nicht geändert.

Glanzvolle Staatsbankette in Märchenbuchschlössern liegen jetzt hinter ihr, Gespräche mit den interessantesten Menschen der Welt, sie hatte die Macht, Menschen in Not wirksam und in großem Umfang helfen zu können. Aber um eine so tief in sich ruhende Westfälin zu verändern, braucht es wahrscheinlich mehr. Sie spürt immer noch „Beklemmung“, wenn sie öffentlich reden soll, und gibt das gern vor Publikum auch zu. Beim Kaffee in ihrem kleinen Büro im Bundespräsidialamt wirkt sie so unkompliziert wie vor fünf Jahren. Sie ist gewachsen, aber unaufdringlich.

Wenn über sie gesprochen wird auf abendlichen Gesellschaften, dann eher nicht rückblickend sondern mit der Intonation „Was wird aus Christina Rau?“. Die Enkelin von Gustav Heinemann, studierte Politologin, die mit Prinz Andrew aufs Internat gegangen ist, hat sich in jungen Jahren für die Familie und gegen eine eigene Karriere entschieden. Heute ist sie erst 47 Jahre alt und hat drei Kinder großgezogen. In zwei Jahren macht die jüngste Tochter Laura Abitur. Dann könnte Christina Rau neu durchstarten.

Sie hat gegen manche Bedenken Modegalas durchgeboxt, die jede Menge Geld einbrachten für notleidende Kinder und Jugendliche. Aber nicht die Glanzlichter fallen ihr spontan ein, wenn man sie nach den eindrucksvollsten Erlebnissen der letzten fünf Jahre fragt, sondern zum Beispiel eine Pressekonferenz zum Thema Kinderprostitution an der deutsch-tschechischen Grenze und der Besuch bei einem Straßenkinderprojekt in Halle, bei dem sie Teenager-Müttern helfen konnte, mal für eine kurze Erholung ans Meer zu fahren. Die Kindernothilfe, bei der man Patenschaften für Kinder übernehmen kann, liegt ihr nach wie vor sehr am Herzen. Bei aller hochfliegenden Furchtlosigkeit, bleibt Beständigkeit ein weiteres Markenzeichen.

Sie hat die Schirmherrschaften nicht gezählt und nicht die Summen addiert, die sie über die Jahre zusammengebracht hat. Dazu ist sie wohl zu uneitel. Aber sie hat gezeigt, dass sie motivieren kann wie eine Top-Managerin, auch dies ohne viel Gerede. Am Anfang formulierte sie den Ehrgeiz, neue Kunst ins Schloss zu bringen. „Die Frau an seiner Seite ist ein echtes Risiko“, sagt sie. „Sie kann machen, was sie will. Und man kann ihr nicht den Mund verbieten.“ Sie gestattet sich mehr Übermut als vor fünf Jahren. Hat die hochhonorige Atmosphäre im Schloss Bellevue schließlich einer kräftigen Verjüngungskur unterzogen. Manche fanden den frischen Wind, den die auf den ersten Blick so zurückhaltend wirkende Frau um sich verbreitete, dann doch unerwartet stürmisch. Das „Damenprogramm“ funktionierte sie zum „Sonderprogramm“ um, das gern ein bisschen abenteuerlich sein durfte. In Australien kletterte sie im Wolkenbruch bei hohen Windgeschwindigkeiten über eine gefährlich hohe Brücke. In Madrid hängte sie kurzfristig noch einen Spontanbesuch im Prado an das offizielle Programm an. Vor ihrer Zeit veranschlagte das Protokoll etwa zwei Stunden für die Frau des Präsidenten, wenn sie sich für ein Staatsbankett fertig machen musste: mit Friseur, mit Anprobe des Abendkleides, mit allem Drum und Dran. Da brauchte sie deutlich weniger und trat doch glanzvoll auf in ihren Abendkleidern.Wie lange sie für einen normalen Termin braucht, um sich fertig zu machen? „Wenn’s sein muss, drei Minuten“, lacht sie. Bei Wind und Wetter kommt ihre Natürlichkeit vielleicht am besten zur Geltung.

Die Äußerlichkeiten des Protokolls waren nicht ihre wichtigste Änderung. Sie hat das Klischee, dass das Soziale als Frauensache so nebenher mitläuft, während der Bundespräsident sich der hehren Politik widmet, über Bord geworfen. An ihrem Vorsatz, sich nicht politisch zu äußern, hat sie festgehalten. Öffentlich. „Wir haben bei uns nicht die Aufgabenteilung, dass der Mann nur fürs Politische, die Frau nur fürs Soziale zuständig ist.“ Das sagte sie einmal vor Diplomatenfrauen. Das hat sie gemeinsam mit ihrem Mann vorgelebt. Der Bundespräsident zeigte immer soziales Engagement, hatte deutlich sichtbar an ihren Projekten teil, half, Geld für Straßenkinder zu sammeln und engagierte Jugendliche zu ermutigen.

„Dass es so viel ehrenamtliches Engagement in diesem Lande gibt, das war mir nicht klar. Wie viel das zusammenhält auch nicht.“ Je mehr sie sah, desto wichtiger wurde es ihr, selbstlos arbeitende Menschen zu fördern und zu ermutigen. Schon am Anfang der Amtszeit von Johannes Rau hat sie freimütig zugegeben, dass sie es als Privileg empfindet, „nicht für Geld arbeiten zu müssen“. Für sie ist ehrenamtliche Arbeit nicht zweitrangig, sondern zutiefst erfüllend.

Dass die Eltern auf dem Teppich geblieben sind, das haben die drei Kinder Anna, Laura und Philipp mal öffentlich gelobt. Immer wieder hat Johannes Rau ihr bei glanzvollen Galas und Staatsbanketten öffentlich Liebeserklärungen gemacht. „Das ist sein übersprudelndes Temperament“, sagt sie lächelnd. Ohne seine Frau könne er das nicht machen, was er mache, hat Johannes Rau am Anfang seiner Amtszeit mal gesagt. Ihre unerschütterliche, ruhige Eleganz hat seine präsidiale Aura mitgeprägt.

Dabei gelingt es ihr gleichzeitig, ganz rasch eine familiäre Atmosphäre zu schaffen. Kürzlich musste sie nach Düsseldorf, um bei einer Bank 45000 Euro einzusammeln, mit denen Kinder in Krankenhäusern mit Computern versorgt werden sollen. Auch der Bundespräsident hatte an dem Tag in der Gegend zu tun. Abends lud sie in ihr Wuppertaler Haus sechs Freunde zum Essen ein. Die einen brachten den geschälten Spargel mit, die anderen die Erdbeeren: „Und ich habe gekocht.“ Da ist sie nach wie vor sehr unkompliziert.

Was wird aus Christina Rau? An Anfragen und Angeboten mangelt es offenbar nicht. Sie wird es ruhig angehen lassen, will sich nicht verzetteln. Aber auf welches Ziel sie hinarbeitet, will sie nicht verraten. Das erinnert an den Anfang ihrer Zeit in Schloss Bellevue, da hielt sie sich auch äußerst bedeckt, was ihre Pläne betraf. Und irgendwann legte sie dann richtig los.

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