Zeitung Heute : Frau im Spiegel

In Styling-Clubs kann man sich von Profis für die Nacht zurechtmachen lassen. Ein Selbstversuch zeigt, was dabei herauskommt

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Mit absoluter Sicherheit kann ich das nicht beurteilen, ich bin kein Profi, und doch glaube ich, dass ich das mit dem Schminken ganz gut hinbekomme. Ich male mir keine Balken ins Gesicht, experimentiere nicht mit gefährlichen Farben und scheue mich auch sonst davor, die mir von der Natur mitgegebenen Voraussetzungen optisch allzu stark zu verändern. Bislang hat mich jedenfalls noch niemand zum Kritikgespräch gebeten.

Ist das mit dem professionellen Schminken also überhaupt was für mich? Oder ist das doch eher für Menschen, die nicht klarkommen mit Puderpinsel, Eyeliner und Kajalstift? Miyabi Kawai lächelt und antwortet diplomatisch: „Das ist sowohl etwas für Kunden, die sich zusätzliche Tipps holen wollen, als auch für die, die kaum Erfahrung im Styling haben.“ Kawai kennt sich mit beiden Kundentypen aus, sie ist Leiterin des Style Clubs, einem Laden in der Grolmanstraße in Charlottenburg. Hier, in dem neonlichtdurchfluteten Raum, kann man sich freitag- und samstagabends ab 18 Uhr von ausgebildeten Visagistinnen für die Nacht zurechtmachen lassen.

In Berlin entstehen immer mehr solcher Läden, in denen sich Profis um das Aussehen und Wohlbefinden von Männern und Frauen kümmern. Ein nachlässiges Erscheinungsbild kann sich heutzutage höchstens noch Bill Gates leisten, und selbst der besitzt inzwischen einen Kamm. Weil Models wie Kate Moss oder Schauspielerinnen wie Scarlett Johansson mit ihrem makellosen Äußeren vielen als Vorbilder dienen, hat das Geschäft mit der Schönheit Hochkonjunktur. Deshalb gibt es kaum noch Wohnviertel ohne Sonnen- oder Nagelstudios.

Sich im Style Club zurechtmachen zu lassen, ein ordentliches Make-up und die darauf abgestimmte Frisur zu bekommen, ist gar nicht teuer, es kostet gerade mal 20 Euro. Doch um den Preis geht es hier nicht. Das Gefühl des Im-Mittelpunkt-Stehens ist unbezahlbar. Das beginnt schon beim Betreten. Constanze Wendt, eine von fünf festen Mitarbeiterinnen, reicht mir zur Begrüßung ein Glas Prosecco. Es ist kurz vor zehn, gerade hat sie mit einer Assistentin zwei Frauen zurechtgemacht, die ins Restaurant und anschließend tanzen gehen wollen. Wendt erklärt, dass die Kundinnen idealerweise gleich in ihren Party-Outfits erscheinen. Dadurch könne man Make-up und Frisur besser abstimmen.

Wendt platziert mich vor einen großen Spiegel, betrachtet mich und schlägt dann ein Make-up vor, bei dem meine Augen betont werden sollen. „Smoky eyes“ nennt sie das vielversprechend. Ich bleibe vorerst lieber skeptisch, denn die Person im Spiegel sieht ziemlich abgespannt aus. Die Bestimmtheit, mit der Wendt zu Gesichtswasser und Creme greift, weckt in mir einen Verdacht: Es gibt viel zu tun. Nachdem sie meine Haut „vorbereitet“ hat, trägt sie mit einem Pinsel eine flüssige Grundierung auf. Anschließend kaschiert sie unter meinen Augen eine zu kurze Nacht, deckt Rötungen ab und pudert mich. So weit, so gut.

Dann kommen die Augenbrauen dran. „Die sind wichtig, weil sie dem Gesicht viel Ausdruck verleihen“, sagt Constanze Wendt. Sie betont meine Brauen mit einem dunklen Puder. Als ich die Augen wieder öffne, sitzt mir Theo Waigel gegenü ber. Aber Wendt beruhigt: Vieles, was im Neonlicht übertrieben aussieht, fällt bei normalem Licht nicht weiter auf. Als Nächstes greift sie zu türkisfarbenem Lidschatten, der passt zu meinem Oberteil. Sie verteilt ihn großzü gig und lässt ihn mit hellem Puder „auslaufen“. Danach rahmt sie meine Augen schwarz, tuscht die Wimpern kräftig, setzt mir orangefarbenes Rouge auf die Wangen und glänzenden Gloss auf die Lippen – et voilà: Fertig ist die Verwandlung.

Die Person im Spiegel hat zwar mit mir nicht mehr viel zu tun, aber sie gefällt mir. Zudem hab ich in den zwei Stunden sogar noch was gelernt. Zum Beispiel, dass ich bei meinen Lippen keinen kühlen Rot-Ton verwenden darf, das verträgt sich nicht mit meinem Teint.

Der Praxistest mit meinem neuen Gesicht verläuft gut, weitestgehend. Nur ein Freund scheint von „Smoky eyes“ noch nichts gehört zu haben und befindet, ich würde aussehen wie ein Pandabär. Ob er das nun gut finden soll oder nicht, da sei er sich noch nicht ganz sicher. Beurteilen kann er das ohnehin nicht, er ist kein Profi.

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