Zeitung Heute : Frau M.

UNSERE KLEINE FAMILIE

Tanja Stelzer

UNSERE KLEINE FAMILIE

Es war seltsam, als Noah zum ersten Mal nach einer fremden Frau roch. Er war sieben Monate alt. Ich nahm mein Kind auf den Arm und schnupperte an ihm, wie ich es noch heute mache, wenn ich Noah ein paar Stunden nicht gesehen habe. Ich stutzte: Irgendetwas war anders als sonst. Das war nicht der Baby-Duft, den er normalerweise verströmte, das war ihr Parfüm, ganz dezent, aber nicht zu leugnen. Für einen sehr kurzen Moment schoss mir die Frage durch den Kopf, ob ich meinen Sohn wirklich mit einer anderen Frau teilen wollte.

Die Suche nach der richtigen Kinderbetreuung war nicht einfach gewesen. Auf unsere Anzeige hatte sich eine Frau gemeldet, die auf ihren Vierjährigen und auf Noah gemeinsam aufpassen wollte. Prima, dachte ich, dann hat er gleich einen großen Bruder. Doofe Idee, dachte ich, als die Mutter beim Kennenlerntreffen einen Geruch verströmte, als sei sie gerade aus dem RTL II-Dschungelcamp geflohen. Sie wolle eine Ich-AG gründen, erzählte sie, Geschäftsfeld: Selbsterfahrung für Frauen. Der Businessplan sah noch eine weitere Erwerbsquelle vor. Die Erwerbsquelle, die sie im Auge hatte, war Noah. Er lag auf einem Schaffell, und guckte ins Leere, während ihm der Vierjährige seine von braunem Schlamm verkrusteten Füße in den Mund stecken wollte. Wir versuchten es darauf bei zwei Tagesmüttern, die eine Art private Kita gegründet hatten. Als ich die Frage stellte, was sie denn dort mit einem Halbjährigen den ganzen Tag lang machen, bekam ich zur Antwort: Ach, die Kleinen schlafen ja zum Großteil, die liegen im Gitterbett, und da drüben haben wir noch einen Laufstall.

Dann trat Frau M. in unser Leben, unsere Tagesmutter. Frau M. ist meine Heldin. Ihr Wissen und ihre Geduld sind unermesslich. Sie kennt alle Tricks, wie man ein Kind, das sich nicht wickeln lassen will, ablenkt. Wenn Noah ein paar Pickel am Kinn hat, weiß sie, dass es sich um eine Schnullerdermatitis handelt, und sie schafft es sogar, ihn ohne Schnuller durch den Tag zu bringen. Sie weiß, welche homöopathischen Kügelchen gegen Beulen wirken. Sie hat das neueste Öko-Test-Heftchen studiert und ist unermüdlich im Bauklötzchen-Auftürmen. Sie ist viel gelassener als wir Eltern und gleichzeitig viel vorsichtiger. Wenn mein Mann Noah morgens bei ihr vorbeibringt, hat unser Kind oft irgendeinen neuen Kratzer, und meist wissen wir gar nicht so genau, von welchem Sturz. Bei Frau M. fällt Noah nie hin, er landet stets in ihren Armen, die wie zufällig stets genau da sind, wo sie gebraucht werden.

Frau M. hat immer die schrecklichsten Gefahrenszenarien vor Augen: Der Schlüssel, der in der Kommode steckt, könnte sich in Noahs Auge rammen, Noah könnte sich den Finger in der Tür quetschen, sich mit der Schnur des Rollos erdrosseln, sich den Arm auskugeln, wenn man ihn falsch hochhebt… Man könnte es mit der Angst zu tun bekommen, wenn man die Welt mit Frau M.s Augen betrachtet. Aber das Gegenteil ist der Fall: Die Welt ist bunt und schön, wenn ich mir am Abend überlege, welche Katastrophen an diesem Tag mal wieder ausgeblieben sind.

Und Noah? Vielleicht ist irgendeine geheime Substanz in Frau M.s Parfüm. Bei ihr ist er zum ersten Mal gekrabbelt, während er bei uns zu Hause noch Wochen später nur robben konnte. Bei ihr läuft er schon fünf Schritte, bei uns nur drei. Ich bin mir nicht sicher, ob all das stimmt, denn in meiner Anwesenheit lassen sich diese Erfolge nicht reproduzieren. Aber: Wie könnte ich eifersüchtig sein auf jemanden, der mein Kind fast so sehr verklärt wie ich?

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