Zeitung Heute : Frau Murkes gestammeltes Schweigen

„Möchten Sie mal etwas ganz Ausgefallenes probieren?“, flötete die Dame am Obststand. „Die Tamarillo ist ganz neu in unserem Sortiment!“

Brigitte Grahl

Frau Murke war ein höflicher Mensch, sie sagte nicht gerne Nein. Als sie ihren Einkaufswagen an den Obststand lenkte, trat ihr eine sehr farbenfroh gekleidete Dame in den Weg. „Möchten Sie mal etwas ganz Ausgefallenes probieren?“ flötete sie und hielt ihr ein Tablett entgegen, auf dem gelbfarbene Fruchtspalten mit orangeroter Schale auf bunten Plastikspießen steckten. „Die Tamarillo ist ganz neu in unserem Sortiment, sie kommt aus Südamerika, hat einen hohen Vitamin C-Gehalt und lässt sich süß oder pikant zubereiten."

Frau Murke ging den Weg des geringsten Widerstandes, nahm brav einen Spieß in den Mund und saugte das Obstteil herunter. Kauend schob sie ihren Einkaufswagen weiter und vor ihrem geistigen Auge tauchten Palmen, Strand und ein unglaublich gut aussehender Mann auf, der ihr tief in die Augen schaute und ein zuckersüßes Stück Obst in ihren Mund schob. Die Vision zerplatzte in dem Moment, als die Tamarillo ihren Geschmack entfaltete. Frau Murkes Kaumuskeln stellten ihre Tätigkeit abrupt ein, ihre Nüstern blähten sich. Das schmeckte überhaupt nicht süß, sondern – ihre Lippen kräuselten sich – bitter! Bitter mit einem Hauch süß-sauer.

Frau Murkes dringlichster Wunsch war es, den Brei sofort auszuspucken. Allein der Gedanke, das Zeug herunterzuschlucken, verursachte einen Würgreflex. Sobald sie außer Sichtweite der Propagandistin war, würde sie die Pampe diskret in ein Taschentuch befördern. Frau Murke griff in ihre Jackentasche – nichts! Vielleicht hatte sie ja zufällig Taschentücher in die Handtasche gesteckt! Aber auch diese Hoffnung zerschlug sich. Frau Murke schob den Brei mit der Zunge in die Backentasche. Sollte sie jemanden um ein Taschentuch bitten? Unmöglich mit vollem Mund, in dem sich immer mehr Speichel sammelte. Oder sollte sie auf taubstumm machen, mit einer Geste um ein Taschentuch bitten? Aber mit welcher Geste drückt man „Taschentuch“ aus? Frau Murkes Gehirn suchte fieberhaft nach Alternativen. Hier musste es doch irgendwo eine Toilette geben, wenigstens für die Angestellten! Aber sie konnte keinen Hinweis entdecken. Fragen ging nicht, mit vollem Mund. Und den Brei heimlich in eine Ecke spucken? Das kam ja nun überhaupt nicht in Frage, sowas gehörte sich nicht!

Im Eiltempo hastete Frau Murke durch die Gänge und schmiss Milch, Brot und Tiefkühlkost im Laufschritt in den Wagen, getrieben von dem penetranten Geschmack im Mund. Die Kassen kamen schon in Sichtweite, als sie Frau Scholz sah. Oh nein, die Quasselstrippe! Frau Murke wollte gerade im nächsten Gang in Deckung gehen, als Frau Scholz sie erkannte und mit einem „Juhuu!“ winkend auf sie zusteuerte. Frau Murke nickte ihr mit einem gequälten Lächeln entgegen. „Hallo Frau Murke! Wie geht es Ihnen?“ Frau Murke gab ein mehrdeutiges „Hmm“ von sich. Frau Scholz plauderte munter weiter: „Mein Mann hat für morgen die Kollegen zum Essen eingeladen. Ich hab schon was als Vorspeise und Hauptgang, nur der Nachtisch fehlt mir noch. Haben Sie vielleicht eine Idee?"

Frau Murke zuckte kopfschüttelnd die Schultern, gab ein bedauerndes „Öö“ von sich und verschluckte dabei einen Schwall Spucke mit Tamarillogeschmack. „Schade“, meinte Frau Scholz. „Aber da fällt mir ein, vorne beim Obst gab es so eine Werbung, irgendwas ganz Neues. Das ist die Idee! Ich mache einen Obstsalat mit exotischen Früchten! Ich fahr Sie gleich nach Hause, dann brauchen Sie nicht so schwer schleppen."

Am Obststand griff sich Frau Scholz verschiedene tropische Früchte und die bunt gewandete Dame vom Werbestand lud sie ein, ein Häppchen von den Tamarillos zu kosten. „Mmm, das schmeckt ja wirklich gut!" rief sie aus und hielt Frau Murke ein Spießchen hin: „Wollen Sie auch noch eins?“ „Ää, hob fon“, nuschelte Frau Murke, wobei ihr ein bisschen Brei in die Kehle rutschte, den sie mit verzerrtem Gesicht herunterschluckte. Frau Scholz musterte Frau Murke. „Sie haben ja eine ganz dicke Backe, das seh ich jetzt erst! Was Schlimmes?“ „Schanschmerschen", erwiderte Frau Murke. Frau Scholz packte noch drei Tamarillos in ihren Einkaufswagen und dann – endlich! – gingen sie zur Kasse und bezahlten.

Auf der Heimfahrt schluckte Frau Murke dann noch den letzten Rest Tamarillopampe herunter, während Frau Scholz detailliert die Speisenfolge samt Zubereitung aufzählte. Mit einem klar verständlichen „Danke!“ verabschiedete sich Frau Murke und ging schnurstracks ins Badezimmer, um sich den Tamarillo-Restgeschmack aus dem Mund zu spülen. Am nächsten Abend brachte ihr Frau Scholz eine Portion Obstsalat vorbei. Frau Murke bedankte sich lächelnd. Sie war ein höflicher Mensch, sie sagte nicht gerne Nein.

BRIGITTE GRAHL

(46) hat Germanistik studiert und arbeitet als freie Journalistin. Schon als Kind hat sie sich gerne Geschichten ausgedacht – und schreibt in letzter Zeit vermehrt Fiktion.

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