Zeitung Heute : Frau Schilling, die Flut und die Folgen

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Helga Schilling ist keine zimperliche Frau. Die 59Jährige ist es gewohnt, zu organisieren, leitete zuletzt das Referat Kultur und Bildung im Meißener Landratsamt. In ihrem Leben war sie meist diejenige, die anderen half, sagt sie. Dann kam die Flut. Am 12. August 2003 verwandelte sich die nahe Triebisch, ein harmloser Nebenfluss der Elbe, zum Strom. Der seit Jahrzehnten trockene Mühlengraben hinter ihrem Fachwerkhaus erwachte zu unerwartetem Leben und spülte das Wasser 80 Zentimeter hoch ins Erdgeschoss.

Die ersten Tage nach dem Schock verbrachte sie wie in einer Wolke; nichts drang wirklich zu ihr durch. Sie sah die Bilder der zerstörten Häuser und Straßen, doch sie konnte die Tragweite des Geschehenen nicht fassen. Sie half anderen Flutopfern, und freute sich, als ihre Tochter aus Berlin mit zehn Freunden anrückte, um die schlimmsten Schäden zu beseitigen. Es gab immer genug zu tun, um sich abzulenken. Im November war das Haus trocken genug, um mit dem Wiederaufbau zu beginnen. Die Handwerker schafften es zwar nicht ganz bis Weihnachten, aber im Januar war das Haus fertig: schöner als vor der Flut. Helga Schilling konnte nach Hause.

Doch sie kam nicht an, fand im eigenen Heim keine Ruhe. Die Bilder des hereinbrechenden Wassers gingen ihr nicht aus dem Kopf. Sie konnte nicht mehr still sitzen, musste immer etwas zu tun haben. Ein schreckliches Gefühl bedrängte sie: die Hilflosigkeit angesichts der Flut. Helga Schilling hatte in ihrem Leben gelernt, dass man mit dem nötigen Einsatz fast immer erreichen kann, was man will. Das Gefühl, sich nicht wehren zu können, der Verlust der Sicherheit belastete sie jeden Tag. Der Körper reagierte mit einer schweren Ischias-Attacke. Mit ihren physischen Schmerzen ging sie zum Arzt, doch mit ihrer psychischen Last wusste sie zunächst nicht umzugehen. Bekannten sagte sie, sie brauche Zeit für sich, zog sich zurück und ging nur noch ans Telefon, wenn sie wusste, dass eine ihrer beiden Töchter anrief.

Die Empfindlichkeit gegenüber allem, was an die Flut erinnerte, wuchs. Besonders schlimm war es nachts, wenn der Regen gegen die Scheiben klopfte. Auch das Geräusch von Hubschraubern oder Feuerwehrsirenen löste Panikattacken aus: Sie zitterte innerlich, ihr Herz flatterte. Sie reagierte zunehmend gereizt auf ihre Umgebung, aß kaum noch. Irgendwann fühlte sie sich nur noch niedergeschlagen, nahm nicht mehr am Leben teil. Musste etwas erledigt werden, schob es die sonst zupackende Frau 14 Tage vor sich her. Ihre Tochter riet ihr, einen Therapeuten aufzusuchen.

In der Zeitung las Helga Schilling über das Dresdener Flutopfer-Beratungstelefon und rang sich zu einem Anruf durch. Schon bald kam eine Psychologin zu Besuch. Eine Gesprächstherapie, befand sie, wird nicht ausreichen. Um ihre posttraumatische Belastungsstörung zu behandeln, besucht Helga Schilling seit April eine so genannte EMDR-Therapie (siehe Kasten „Behandlung“). Die Sitzungen fordern viel, danach ist sie für Stunden wie gerädert. Doch die Meißenerin hat das Gefühl, dass es wieder aufwärts geht, kann offen über ihren Zustand reden. Sie braucht wohl noch ein Jahr, schätzt ihre Therapeutin. Dann, so hofft Helga Schilling, hat sie ihre Ängste überwunden. Und hat vielleicht das Gefühl: Die Krise hat mich auch weitergebracht. avi

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