Zeitung Heute : Frauen in der Wissenschaft: Die sechs-Prozent-Hürde

Anke Assig

Im Herbst 1919 habilitierte sich an der Alma mater berolinensis die erste Frau. Die Zoologin Paula Hertwig war damals die bestaunte Ausnahme. Sie wäre es heute noch immer. Die Statistik spricht eine deutliche Sprache: Weniger als sechs Prozent der C4-Professuren in Deutschland werden von Frauen besetzt. Änderung in Sicht?

Einmal im Monat treffen sich Nachwuchswissenschaftlerinnen der Naturwissenschaften zum Erfahrungsaustausch am Stammtisch. Die promovierten Biologinnen und Chemikerinnen gehören zu den wenigen Frauen, die sich für eine wissenschaftliche Laufbahn entschieden haben. Eine Stelle als Professorin hatten dabei die wenigsten im Visier. Barbara Tzschentke beispielsweise arbeitete lange als Agrarökonomin, bevor sie nach Aspirantur und Mutterurlaub wieder in die Forschung einstieg. Jetzt habilitiert sie über die Entstehung der Thermoregulation bei Vögeln. Auch Annegret Wilde wollte ursprünglich nicht habilitieren. Als wissenschaftliche Assistentin der Biochemie forscht sie, wie Cyanobakterien auf Licht verschiedener Wellenlänge reagieren.

Doch den Wissenschaftlerinnen wurde bald klar, dass die Habilitation notwendig ist, um ihre Berufswünsche zu verwirklichen. "Ein langfristiger Job in der Wissenschaft ist mit der Erfahrung, die wir haben, eben der einer Professorin", stellt Wilde fest. Das Wort "Karriere" hat für sie indes einen merkwürdigen Beigeschmack. Grammatisch zwar weiblich, haftet diesem Begriff aus ihrer Sicht ein eher männliches Streben an: "Ich kenne wenige Frauen, die ganz intensiv an ihrer Karriere arbeiten. Für Männer ist das wichtiger", meint sie und verweist auf aktuelle Neubesetzungen naturwissenschaftlicher Lehrstühle mit jungen Kollegen. Bescheidenheit sollte dafür nicht der Grund sein, schließlich beweisen sie und ihre Kolleginnen ihr Engagement täglich.

Die jüngst eingeführten Juniorprofessuren betrachten die Frauen zurückhaltend, stellen sie doch den Wert der klassischen Habilitation in Frage. Auch gehören die meisten von ihnen nicht mehr zu den "heiß begehrten" Junioren gehören. Zudem unterscheiden sich oft genug die Lebenswege der Frauen von denen der Männer durch den Stellenwert der Familie. Auch wenn die Humboldt-Universität Frauenförderrichtlinien erlassen hat, damit Erziehungszeiten nicht zum Nachteil gereichen, ist die Skepsis groß: "Wir sind genau die Leute, für die es kein Auffangbecken gibt", befürchten die Habilitandinnen.

Darüber, ob Frauen auf dem Weg an die Spitze der Wissenschaftslandschaft tatsächlich mehr Unterstützung brauchen als Männer, sind sich die Wissenschaftlerinnen dennoch uneinig. Sabine Müller hat zwar persönlich keine negativen Erfahrungen gemacht. Trotzdem räumt die Chemikerin, die Grundlagenforschung zur Gentherapie betreibt, ein: "Als Frau steht einem der männliche Karriereweg heute offen, während die echte weibliche Karriere nach wie vor schwierig ist." Ute Hansen, Habilitandin in der Biologie, ergänzt: "Frauen an sich brauchen nicht mehr Hilfe. Aber im Moment ist einfach Fakt, dass Männer bei gleicher Leistung für kompetenter gehalten, also stärker gefördert werden. Diese Benachteiligung sollte die Frauenförderung ausgleichen."

Doch sind es weniger geschlechtsspezifische Unterschiede, die den Stammtisch-Frauen Sorgen bereiten - vielmehr die Bedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs in Deutschland. Förderungen etwa unterliegen oft Altersbeschränkungen. Dazu kommt die ungewisse finanzielle Absicherung.

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