Zeitung Heute : Frauen kennen lernen

Till Hein

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Unser Journalistenbüro ist Mitglied bei „Leserkreis daheim“. Das bedeutet nicht, dass wir uns abends am Kamin Märchen vorlesen. Der „Leserkreis“ ist eine tolle Möglichkeit, die bunten Erzeugnisse der modernen Magazinwelt leicht verspätet, dafür billiger zu genießen.

Normalerweise bleiben die Kunden, wie der Name schon sagt, gemütlich zu Hause, und die Mitarbeiter von „Leserkreis daheim“ flitzen mit dem Lieferwagen vorbei. Wir sind Selbstabholer und bekommen Sonderkonditionen.

„Sie kriegen noch Spiegelfocus, wa?“, sagt die freundliche Dame, wenn ich montags unseren Plastiksack in Empfang nehme. „Spiegel“ und „Focus“ darf ich immer selbst in den Zeitschriftensack wursteln. Ein schönes Ritual.

In unserem Sack ist für alle was dabei: Von Frauenzeitschriften übers Fernsehheft und Spiegelfocus bis hin zu Schweiniglmagazinen.

Meine Kollegin A. kriegt allerdings immer Zustände, wenn sie so ein Schweiniglmagazin findet. Grundsätzlich lässt sich gegen nackte Frauen ja nichts sagen, muss selbst A. zugeben. Aber sie hat mir die Problematik erklärt: Die Frauen werden da „auf ihren Status als Sexobjekt reduziert“. Und – ungünstig – gerade junge Frauen glauben dann, dass sie genauso aussehen müssten wie diese Fotomodelle: Sie verweigern die Nahrungsaufnahme und lassen sich die Brüste aufblasen, sagt A. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass manche Frauen zu viele Frauenzeitschriften lesen?

Frauen sind nicht leicht zu verstehen. Weil ich diese interessanten Wesen besser kennen lernen möchte, dachte ich neulich: Gehste mal nackte Frauen gucken.

Selbstverständlich nur im Museum. Die Fotos hat Helmut Newton gemacht; der sehr berühmt ist. Doch, was ich nicht wusste, Herr Newton hat keineswegs ausschließlich nackte Frauen fotografiert. Manchmal auch Häuserfassaden. Oder sich selbst mit grotesken medizinischen Apparaten, die wie Rastazöpfe an seiner Kopfhaut befestigt sind.

Dass Helmut Newton ausgerechnet auf einem Parkplatz bei einem Autounfall verschied, passt irgendwie zu ihm. Er hatte Sinn für abgründigen Humor. Aber seine Frauenbilder fand ich ziemlich frauenfeindlich. Da gab es schon extrem schmale Taillen.

Helmut Newton Stiftung, Jebenstr. 2, Di - So: 10 - 18 Uhr, www.leserkreis.de, Telefon 6179913.

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