Zeitung Heute : Frauen müssen nicht mehr gehorchen

Der König hat das Familienrecht reformiert – und damit viel Unterstützung gewonnen

Dagmar Dehmer

Zhor al Horr hat gar keinen Zweifel daran, dass das neue Familienrecht in Marokko allen Frauen, Männern und Kindern im Land nützt. Die Präsidentin der Kammer für Familienrecht am Obersten Gericht des Landes gehörte schließlich auch zur königlichen Kommission zur Revision des Familienrechts, das König Mohammed VI. im Oktober 2003 verkündet hat. Seit 2004 gilt das neue Recht.

Seither sind Frauen und Männer gleichberechtigt. Die Pflicht der Frau, dem Mann zu gehorchen, wurde abgeschafft. Zudem können Frauen und Männer nun aus freien Stücken eine Ehe schließen, und Frauen brauchen keinen Vormund mehr. Die Polygamie, also die Möglichkeit für Männer, bis zu vier Frauen zu heiraten, wurde eingeschränkt. Ganz verboten sind seither Ehen mit Minderjährigen. Frauen und Männer dürfen vom 18. Lebensjahr an heiraten. Die Ehe darf nicht mehr von einem Imam in einer Moschee geschlossen werden, beziehungsweise eine solche Ehe wird nicht mehr anerkannt. Rechtlich gültig ist sie nur dann, wenn ein Gericht die Eheleute traut. Und zudem dürfen sich Frauen seit 2004 vor Gericht scheiden lassen. Zhor al Horr sagt: „Es gab Frauen, die jahrzehntelang gelitten haben, ohne eine Chance, sich von ihren Männern zu trennen.“

Al Horr und drei weitere marokkanische Politikerinnen sind auf Einladung der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung nach Berlin gereist, um ein paar schräge Vorstellungen über muslimische Frauen gerade zu rücken. Für Malika Benradi, Rechtsprofessorin an der Universität Rabat Agdal, ist die Verbesserung der Stellung der Frau ein wichtiger „Indikator für die Demokratisierung des Landes“. Sie sieht eine „spürbare Veränderung zum Besseren“. Frauen seien stärker öffentlich präsent, 25 Prozent gehen einer Erwerbstätigkeit nach, das sei der höchste Prozentsatz in der arabischen Welt. Von 3000 Richtern im Land seien immerhin 600 Frauen. Seit kurzem gibt es sogar im hohen Rat der Religionsgelehrten eine Frau – zum ersten Mal in der Geschichte.

Fattoum Koudama, Rechtsanwältin und Parlamentsabgeordnete, betont die Erfolge der marokkanischen Frauenbewegung, die es seit rund 30 Jahren gebe. Derzeit gehören dem Parlament zehn Prozent Frauen an, die in allen Ausschüssen mitarbeiten, wie Gajmoula Bent Abbi betont. Sie ist ebenfalls Abgeordnete aus der Sahara. Bei den Wahlen 2007 „wollen wir natürlich mehr“, sagt sie selbstbewusst.

Seit das neue Familienrecht gilt, haben es die Gerichte nach Angaben al Horrs vor allem mit Unterhaltsklagen zu tun. Denn nicht nur die Stellung der Frauen, auch die der Kinder ist verbessert worden. Väter unehelicher Kinder, die sich weigern, für deren Unterhalt aufzukommen, können seither zum Vaterschaftstest gezwungen werden. Es ist für die Männer schwieriger geworden, sich vor der Verantwortung für ihren Nachwuchs zu drücken, sagt sie. Und natürlich gibt es Scheidungsanträge von Frauen. Da aber Scheidungen für Männer erschwert worden sind – die Verstoßungsformel des Korans genügt nicht mehr, auch Männer müssen sich vor Gericht scheiden lassen – ist die Zahl der Trennungen sogar zurückgegangen.

Alle vier Frauen haben in zwei wichtigen innenpolitischen Fragen auch Wünsche und Forderungen an die Europäische Union. Da ist zum einen die Frage der Flüchtlinge aus Afrika südlich der Sahara. Seit Jahren ist Marokko zumindest Durchgangsland für all die Afrikaner, die hoffen in Europa eine bessere Zukunft zu finden. Bevor sie beispielsweise über die Zäune der spanischen Exklaven Melilla oder Ceuta zu klettern versuchen, leben die Flüchtlinge oft monate-, wenn nicht jahrelang in Marokko. Malika Benradi kritisiert die Europäer: „Die Europäische Union hat ihre Tore verschlossen und verlangt von uns, den Polizisten für Europa zu spielen.“ Koudama sieht Marokko in einer widersprüchlichen Situation. Denn einerseits wandern auch viele Marokkaner aus – vor allem nach Europa. Gleichzeitig ist das Land für Afrikaner südlich der Sahara zu einem Ziel geworden, wo sie zum Teil, weil sie es nicht mehr bis Europa schaffen können, sogar sesshaft werden. Selbst aus Asien sind viele Flüchtlinge in Marokko gestrandet, denen von Menschenschleppern ein Weg nach Europa versprochen worden war. Das Geschäft mit der Schlepperei sei inzwischen lukrativer als der Drogenhandel, sagt Koudama. Sie kritisiert, dass die EU Marokko keinerlei Hilfe angeboten habe. Die 200 000 Dollar, die das Land bekommen habe, seien nur dafür bestimmt gewesen, Beobachtungsgeräte zu installieren. Selbst „die ganze Last der Rückführung“ liege bei ihrem Land. Koudama verlangt von der EU eine partnerschaftliche Politik mit den Ländern des Südens, „um den Wohlstand in den Süden zu bringen“. Anders lasse sich das Migrationsproblem nicht lösen.

Absolute Einigkeit herrscht bei den Politikerinnen in einem anderen politischen Streitpunkt: dem Konflikt um die Westsahara. 1973 begann die Polisario, eine linke Bewegung der Saharabewohner, mit ihrem Unabhängigkeitskampf zunächst gegen Spanien, später gegen Marokko und Mauretanien. Zwischen Marokko und der Polisario herrschte bis 1991 Krieg. Nach einem von den Vereinten Nationen vermittelten Waffenstillstand hätte eigentlich eine Volksabstimmung über eine Abspaltung der Westsahara von Marokko stattfinden sollen. Das hat das Land aber stets verweigert. Nun macht Marokko einen „letzten Versuch“, wie Gajmoula Bent Abbi sagt, über ein umfassendes Autonomiestatut für die Sahauris unter der Autorität Marokkos zu verhandeln. Allerdings hat die Polisario bereits ihre Ablehnung signalisiert. Doch für die vier Marokkanerinnen und offenbar die Mehrheit der Bevölkerung im Land ist „das Autonomiestatut das äußerste, was wir anbieten können“.

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