Zeitung Heute : Frauen und Beruf: Die professionelle Dosis Vitamin B

Regina Köthe

Als hätte es nicht schon Jede gewusst: "Frauen müssen sich im Berufsleben selbstbewusst darstellen, ihre Stärken präsentieren und Lobbyarbeit in eigener Sache betreiben." Bettina Schleicher, Juristin und Vorstand des Berliner Clubs der "Business and Professional Women" (BPW) wiederholt es trotzdem. Ihrer Erfahrung nach kann es nicht oft genug gesagt werden. Die 42-jährige promovierte Anwältin hat sich auf die Themen Banken- und Bankaufsichtsrecht spezialisiert - eine Männerdomäne. Und sie hat es verstanden, sowohl beruflich Karriere zu machen als auch eine Familie zu gründen und Kinder zu haben. Damit ist Bettina Schleicher eines der in Deutschland noch raren weiblichen Karrierevorbilder.

Im Privatleben sind Frauen meist hervorragende Netzwerkerinnen, die sich austauschen, wer den Computer schnell repariert und wo der beste Kinderarzt zu finden ist. Im Berufsleben dagegen sind viele zurückhaltend, weil "Klüngeln" oder "Vitamin B" für sie negativ besetzt ist. "Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis unter Frauen, dass sie nur mit Leistung Karriere machen wollen", sagt Anni Hausladen, Karriereberaterin und Autorin des Buches "Die Kunst des Klüngeln." Hausladen sagt: "Während Männer eher personenorientiert bei der Karriere vorgehen, verhalten sich Frauen im Berufsleben leistungsorientiert". Dabei haben Untersuchungen ergeben, dass bei Beförderungen nur zehn Prozent Leistung, dafür aber 30 Prozent Image und 60 Prozent Kontakte im Spiel sind.

"Kontakten" hat für Frauen oft einen schlechten Beigeschmack. "Ich will mit Leistung überzeugen". Diesen Satz hören Karriereberater wie Anni Hausladen immer wieder. Dabei bedeutet Netzwerken vor allem, die Qualitäten und Kontakte von anderen kennen und nutzen. Erfolgreiche Männer setzen ihr Beziehungsnetz mit Perfektion ein, inzwischen gibt es auch immer mehr berufsspezifische Netzwerke, die vor allem jüngeren Frauen helfen sollen, sich im Berufsleben zu orientieren, von den Erfahrungen älterer Frauen zu profitieren - und strategische Fehler zu vermeiden. Dies meint auch die Biologin Annegret Wilde. "Ich hätte am Ende meines Studiums und während meiner Promotion dringend den Erfahrungsaustausch oder ein Mentoring gebraucht". Sie hatte bereits mit Mitte Zwanzig erfolgreich ihre Promotion abgeschlossen, ging dann aber nicht für einige Jahre in die USA, sondern nahm eine Stelle an einer deutschen Universität an. "Heute weiß ich", sagt Wilde, "das war ein Fehler. Mir fehlte schlicht das Wissen über akademische Karrierewege".

Netzwerker profitieren von Insiderwissen, das in keinem Hochschulführer oder Bewerbungsratgeber zu finden ist. Seit gut zwei Jahren organisiert Annegret Wilde nun einen Stammtisch für promovierte Naturwissenschaftlerinnen an der Humboldt-Universität. Hier tauschen sich die Frauen über Stipendien, Forschungsanträge und fachspezifische Probleme aus. "Durch den Stammtisch habe ich viel erfahren", sagt die heute 35-Jährige, "manches leider einige Jahre zu spät". Und Anni Hausladen fügt hinzu: "Bereits während des Studiums sollten junge Frauen beginnen, sich ihre Netzwerke und Kontakte aufzubauen".

Die Einsicht kommt für die meisten zu spät. Networking-Know-how wird während des Studiums wenig vermittelt, die Studierenden werden eher auf Leistung und Inhalte gedrillt. Wenn nach dem Examen dann die Suche nach dem ersten Arbeitsplatz beginnt, müssten die entsprechenden Kontakte zu Berufsverbänden, Professoren oder Kommilitonen bereits entstanden sein. Die Betonung liegt auf "müsste", üblicherweise stehen die Absolventen und Absolventinnen ohne jeden Kontakt da. Ursula Matthiessen-Kreuder vom Deutschen Juristinnenbund weiß das aus hunderten Gesprächen, dabei ist sie sicher: "Frauen brauchen Netzwerke und Mentoren, besonders in männerdominierten Unternehmen oder Großkanzleien". Matthiessen-Kreuder leitet beim djd den Bereich Karriereplanung und Berufsorientierung, um junge Frauen beim Berufseinstieg und erfahrene Juristinnen bei der Weiterentwicklung zu unterstützen. Als Verfechterin einer bewussten Karriereplanung meint Matthiessen-Kreuder: "Junge Frauen sollten frühzeitig beginnen, konkret über ihre Wünsche und Lebensvorstellungen nachzudenken". Sie plädiert für einen offenen Dialog zwischen Frauen: "Klischees sind die größten Killer für Karrieren".

Berufsverbände oder informelle Netzwerke können als Ratgeber und Informationsquelle dienen. Zusätzlich bedarf es jedoch der Unterstützung durch so genannte "Türöffner", die Berufseinsteiger aktiv fördern können. Dabei ist es egal, ob das Männer oder Frauen sind. Hier entscheidet sich, wer einem weiter hilft, vor allem bei der wichtigen Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Bettina Schleicher will sie besonders jüngere Frauen als Mitglieder für den BPW gewinnen. Der Verband steht berufstätigen Frauen aller Branchen offen und bietet ein abwechslungsreiches Programm an Vorträgen und jede Menge Möglichkeiten zum Austausch und Vernetzen. "Unsere Mitglieder verbindet, dass wir Verantwortung im Berufsleben tragen und erfolgreich sein wollen". Und für junge Frauen gibt es ein spezielles Mentorinnenprogramm.

Neben allgemeinen Netzwerken wie dem BPW oder dem EWMD sind heute besonders die branchen- und berufsspezifischen Netzwerke im Kommen. Denn eine junge Geisteswissenschaftlerin hat andere Probleme als eine Naturwissenschaftlerin - und die Arbeitsfelder von Juristinnen kreuzen sich relativ wenig mit denen von Informatikerinnen oder Webdesignerinnen. Anni Hausladen drückt es bildlich aus: "Viele Frauen erkennen die Wichtigkeit von Netzwerken erst, wenn sie an die gläserne Decke stoßen". Das heißt, die Frauen sind gut, aber sie kommen beruflich nicht weiter.

Damit es nicht so weit kommt, "sollte jede Frau ihr persönliches Netzwerk aufbauen", meint Klüngelexpertin Anni Hausladen und setzt nach: "Sie müssen über Ihre guten Leistungen, persönliche Erfolge und Pläne sprechen. Nur wenn man etwas über Sie weiß, kann man Sie weiter empfehlen".

Unterm Strich sagen alle Berater das Selbe: Gute Beziehungen und Netzwerke leben von persönlichen Kontakten. Und die entwickeln sich meist beim inoffiziellen Teil einer Veranstaltung. Das Erfolgsgeheimnis jedes guten Netzwerkes: Jede offizielle Begegnung erhält einen "human touch" - und die tägliche Dosis "Vitamin B" hilft garantiert.

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