Frauen und Männer : Das ist ja noch schöner!

Sie ist als Psychotherapeutin eine Koryphäe – und sie erlebt täglich: Die Menschen von heute finden sich hässlich. Susie Orbach über Körper und Wahn

Interview: Björn Rosen
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Susie Orbach.Foto: Mauritius Images

Susie Orbach, 62, wurde Ende der 70er Jahre bekannt mit ihrem "Anti-Diätbuch" - und später als Psychotherapeutin von Prinzessin Diana, die bei Orbach wegen ihrer Bulimie in Behandlung war. Gerade ist Susie Orbachs neues Buch "Bodies - Schlachtfelder der Schönheit" auf Deutsch erschienen (Arche Verlag, 200 Seiten, 17,90 Euro).

Mrs. Orbach, in Ihrem neuen Buch „Bodies“ kritisieren Sie den Körperkult unserer Zeit. Nur: Ist der denn etwas Neues? Schon im alten Rom waren die Leute umgeben von Statuen makelloser Körper. Von Seneca wissen wir, dass man damals Bodybuilding betrieb und sich das Körperhaar entfernen ließ.

Das stimmt natürlich. Aber diesen Schönheitskult gab es nur für sehr begrenzte Zeit, in einer bestimmten Region und nur in einem kleinen Teil der Bevölkerung. Heute haben wir es dagegen mit einem demokratisierten, weltumspannenden Phänomen zu tun. Es betrifft schon Sechsjährige und macht nicht mal halt vor Leuten im Altersheim, die so besorgt um ihr Erscheinungsbild sind, dass sie Appetitzügler einnehmen.

Sie arbeiten seit über 30 Jahren als Psychotherapeutin. Kommen heute mehr Menschen als früher zu Ihnen, weil sie unglücklich mit ihrem Körper sind?

Probleme wie Essstörungen oder selbstverletzendes Verhalten sind in psychotherapeutischen Praxen neuerdings allgegenwärtig. Aber davon mal abgesehen fällt mir auf, dass praktisch alle meine Patienten seit etwa zehn, 15 Jahren immer negativer über ihren Körper sprechen – und zwar so, als wäre es das Normalste der Welt: Man wohnt in einem Haus, man muss ab und zu zur Toilette, man hasst seinen Körper.

Der Einzelne gelte heute als haftbar und verantwortlich für seinen Körper, schreiben Sie. Wer dick ist, hat versagt.

Sehr, sehr viele glauben, ihren Körper verändern, bearbeiten, verbessern zu müssen – mit Sport, einer Diät oder einer Schönheitsoperation. Das muss gar kein bewusster Prozess sein. Da ist zum Beispiel die Frau, die zu mir kommt, weil sie Probleme mit ihrem Chef hat. Und worüber spricht sie? Darüber, dass sie auf der Arbeit schon morgens müde ist, weil sie davor immer ins Fitnessstudio rennt. Sie sagt auch, dass sie sich Sorgen macht, nicht das richtige Essen zu sich nehmen zu können, wenn sie auf Dienstreise geht. Ihr Körper ist nicht einfach nur da, sie denkt ständig über ihn nach, er erscheint als etwas, das dauernd gemaßregelt und kontrolliert werden muss. Es ist eine Form von Besessenheit.

Wer ist von diesem Körperfetischismus vor allem betroffen?

Meist sind es Frauen, zunehmend aber auch Männer. Menschen aus allen sozialen Schichten: Der Kurator, der sich jeden Tag mit Ästhetik beschäftigt, ebenso wie der Händler vom Laden um die Ecke. Menschen, die glücklich in ihrer Beziehung sind oder unglücklich.

Sie glauben, wegen des technischen Fortschritts hätte ein fundamentaler Wandel stattgefunden: Früher arbeitete man mit dem Körper, heute arbeitet man an ihm. Wir erleben ihn mehr und mehr als Objekt, losgelöst von unserem Geist.

Ein weiterer Grund für das, was ich Körperinstabilität nenne, ist die Kommerzialisierung des Körpers. In den vergangenen Jahrzehnten sind sehr profitable und einflussreiche Industrien entstanden, die von der Behauptung leben, mit unseren Körpern sei etwas grundsätzlich nicht in Ordnung: die Kosmetikindustrie, die Diätindustrie, die Modeindustrie, die Glamourindustrie, die kosmetische Chirurgie ... Sie sorgen dafür, unbewusst oder mit Absicht, dass sich die meisten Leute furchtbar fühlen.

Da machen Sie es sich aber sehr einfach. Die Industrie gibt den Leuten doch nur, was sie wollen. Und jeder will eben schön sein – das war schon immer so.

Aber warum denken die Leute denn, Schönheit existiere nur in einer bestimmten Ausfertigung? Ich habe doch nichts gegen Schönheit. Was ich kritisiere, ist die Monokultur der Körperdarstellung – in der Werbung, in den Medien.

Schönheitsforscher haben herausgefunden, dass sich die meisten Leute tatsächlich ziemlich einig sind in dem, was sie schön finden: etwa glatte, reine Haut, wohl auch symmetrische Gesichtszüge.

So etwas wie objektive Schönheit existiert trotzdem nicht! Schauen Sie nur mal in die Vergangenheit und auf andere Kulturen, da gab und gibt es ganz andere Vorstellungen von Schönheit. Dass etwas nicht stimmt, merken Sie spätestens, wenn Sie einen Blick auf internationale Studien werfen. Laut einer finden sich gerade mal acht Prozent der Frauen schön – wie verrückt ist das denn? Ich sehe 13-, 14-jährige Mädchen, die bildhübsch sind, die eine größer, die andere kleiner, die eine dicker, die andere dünner. Aber keine von denen wird sich je schön fühlen – weil keine sich selbst sieht, sondern nur lauter makellose, unrealistisch perfekte Körper.

Sie meinen die oft digital bearbeiteten Fotos von Models und gut aussehenden Stars. Überschätzen Sie nicht deren Wirkung?

Jeder von uns ist täglich mit Hunderten davon konfrontiert. Diese Bilder sind ein mächtiger Teil unserer Kultur. Aber es gibt tatsächlich noch einen anderen wichtigen Punkt: Die Leute, die heute Kinder erziehen, seien es Eltern oder Lehrer, haben selbst schon ein sehr instabiles Körperbild, das sie wiederum an die Jüngeren weitergeben.

Was kann etwa eine Mutter dagegen tun?

Das Körpergefühl wird in den ersten Lebensjahren geformt. Kinder lernen durch Beobachten und Nachahmen. Wenn eine Mutter erkennt, dass Essen, der eigene Körper und die Kritik am eigenen Körper eine übermäßig große Rolle für sie spielen, sollte sie sich bemühen, diesen Einfluss vom Kind fernzuhalten, sich also nicht im Beisein des Babys zehnmal am Tag vor den Spiegel stellen und erklären: Oh, ich sehe ja furchtbar fett aus! Sie sollte versuchen, sich selbst zu akzeptieren.

Was muss sich in der Gesellschaft insgesamt verändern?

Man muss mit den Leuten in der Schönheitsindustrie reden und sie dazu bringen, andere Bilder zu produzieren. So, wie es jetzt die deutsche Zeitschrift „Brigitte“ gemacht hat ...

... für die keine Models, sondern nur noch durchschnittliche Frauen fotografiert werden – eine clevere Werbeaktion, die der „Brigitte“-Auflage gutgetan hat.

Ja, natürlich, wir leben in einer kommerziellen Welt. Trotzdem finde ich die Idee richtig. Als ich 2004 die „Dove“-Kampagne mit „normalen“ Frauen mitentwickelt habe, warfen mir viele das Gleiche vor, und ihre Kritik war durchaus berechtigt. Trotzdem hat die Kampagne Anstoß für Debatten gegeben. Ich möchte digital bearbeitete Fotos auch nicht verbieten, ich halte sie für eine Form von Kunst. Aber es müsste darauf hingewiesen werden, dass die Menschen auf diesen Bildern in der Realität anders aussehen.

Am liebsten wollen Sie auch die Diätindustrie verklagen. Dabei gibt es immer mehr fettleibige Menschen.

Das Ganze ist ein kompliziertes Thema. Ich glaube, dass Fettleibigkeit nur Teil eines größeren Problems ist – so wie Bulimie oder Magersucht. Auch die meisten Menschen mit durchschnittlicher Kleidergröße haben heute kein normales Essverhalten mehr, sind aufs Essen fixiert, verkneifen sich alles Mögliche.

Wo beginnt denn Körperhass? Ist es schon bedenklich, wenn einem Kind die Segelohren angelegt werden oder jemand sich eine Warze entfernen lässt?

Ich sehe mich nicht als Moralistin. Mein Buch ist eine kritische Analyse unserer Gesellschaft, ich will einzelnen Leuten nicht vorschreiben, was sie zu tun oder zu lassen haben.

Dann können Schönheitsoperationen auch etwas Gutes sein?

Natürlich, sie können dem Einzelnen helfen. Aber man sollte bedenken, dass sie die Menschen in vielen Fällen nicht glücklicher machen.

Sie wollen, dass sich die Leute in ihrem Körper wohlfühlen und ihn als etwas Natürliches betrachten ...

Als natürlich – nein, das nicht. Als selbstverständlich, würde ich sagen. So etwas wie ein natürlicher Körper existiert nicht. Denn ein Körper wird immer auch durch die Kultur, in der jemand aufwächst, geformt. Denken Sie an die Gesten, die wir unbewusst machen, an die Beschneidung von Babys, an Stammesnarben. Das Problem ist, dass der Körper in unserer Zeit zu einem Produkt geworden ist, das wir kreieren und fabrizieren. Und dieser Prozess wird wohl weitergehen und verfeinert werden, etwa durch die Stammzellenforschung.

Wenn man sich in seinem eigenen Körper nicht wohlfühlt – wie beeinflusst das die Sexualität?

Wenn ich mit Jugendlichen rede, vor allem mit Mädchen, dann habe ich den Eindruck, dass Sex eine Möglichkeit geworden ist, Beachtung zu bekommen, zu zeigen, dass man erwachsen und erfahren ist. Um Spaß und Genuss geht es dabei nicht unbedingt.

Sondern um Performance und Leistung.

Richtig – Sexualität nicht als integraler Teil und als Ausdruck des eigenen Selbst, sondern als Mittel zum Zweck. Viele Jugendliche glauben, bestimmte sexuelle Dinge tun zu müssen. Auch hier spielt die Bilderwelt der Konsumgesellschaft, der wir täglich ausgesetzt sind, eine sehr große Rolle.

In Brasilien galt es früher als sexy, wenn eine Frau einen großen Po und einen kleinen Busen hatte. Viele gingen zum Chirurgen, um sich die Brüste verkleinern zu lassen. Dann kamen US-Soap-Operas – und das Schönheitsideal kehrte sich um.

Körperhass ist ein westlicher Exportschlager. Überall auf der Welt richten sich Menschen nach unserem Schönheitsideal. Das ist einfach eine Folge politischer und kultureller Macht. Ein großer Teil der Koreanerinnen lässt sich die Augen so verändern, dass sie westlicher aussehen, Frauen in Nigeria wollen heute dünn sein, obwohl das traditionelle Schönheitsideal dort anders aussah. Die Definition von Schönheit wird enger.

Der italienische Schriftsteller Umberto Eco behauptet in seiner „Geschichte der Schönheit“ genau das Gegenteil. Entschieden früher wenige Aristokraten darüber, was schön ist, so gebe es heute mehr Vielfalt, einen „Polytheismus der Schönheit“.

Das Buch ist ja schon ein paar Jahre alt. Damals sah es vielleicht noch so aus, als wäre eine solche Vielfalt möglich. Ich glaube, genauso, wie ständig lokale Sprachen aussterben, verlieren wir international auch an Körpervielfalt.

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