Frauen und Männer : Der Goldgräber

Ein Studententraum wurde wahr: Reif Larsen schrieb als Abschlussarbeit einen Roman. Der war einem Verlag eine Million Dollar wert – und machte den jungen New Yorker zu einem Weltstar der Literaturszene. Eine Begegnung in Berlin.

Susanne Kippenberger
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Allround-Künstler. Reif Larsen in Berlin. -Foto: Thilo Rückeis

Als er klein war, hat Reif Larsen seinen noch viel kleineren Bruder einmal gefragt, was er machen wolle, wenn er groß sei. Auf keinen Fall Kunst!, erklärte der Knirps. Medizin wollte der vierjährige Sohn zweier Künstler studieren. Und eine Klofabrik eröffnen. „Klos braucht jeder.“ Bruder Reif war sich seiner Sache genauso sicher: Er wollte Künstler werden. Bildender und schreibender. Kaum dass er buchstabieren konnte, hatte er schließlich schon angefangen, sich Kurzgeschichten auszudenken.

Heute, knapp 20 Jahre später, studiert der kleine Bruder Wirtschaft mit unsicheren Aussichten – und der große ist Millionär. Dank seiner Kunst. Für seinen ersten Roman „Die Karte meiner Träume“ (Fischer-Verlag, 22,95 Euro) hat Reif Larsen eine knappe Million Dollar Vorschuss gekriegt. Und das für einen kleinen Spatz.

Sparrow, das ist der Name, der sich hinter dem S. in T. S. Spivet verbirgt, wie die Hauptfigur des Romans heißt (das T. steht für Tecumseh). Amüsiert lässt Larsen sich beim Gespräch im Berliner Hotel erzählen, dass Spatz in Deutschland auch ein Kosename sein kann. „Meine Freundin wäre ziemlich sauer.“ Aber für ihn ist es ein faszinierender Vogel, „Farmer hassen ihn, für sie ist er die Pest“.

T. S. Spivet ist das jüngste Mitglied einer ziemlich verkorksten Familie auf einer Ranch in Montana. Der Vater: Cowboy, verkriecht sich in sein Zimmer, den Mythos des Westens und den Alkohol. Die Mutter: Wissenschaftlerin ohne Amt und Erfolg, als Hausfrau eine Niete. Die Schwester: hoffnungslos pubertär. Der Bruder Layton: tot, umgekommen bei einem Unfall in der Scheune mit einem Schießgewehr, in den der kleine Ich-Erzähler irgendwie involviert war. Was passiert ist, erfährt man erst allmählich im Laufe des berührenden, witzigen Romans, der aus 435 Seiten und ziemlich vielen Randnotizen besteht, geschriebenen und gemalten. Denn der zwölfjährige T. S. ist ein genialer Zeichner, vor allem von Karten, weshalb er vom ehrwürdigen Smithsonian Institute nach Washington eingeladen wird.

In seinen Karten und Diagrammen versucht T. S. Spivet, das Chaos des Lebens und der Gefühle in eine fassbare Ordnung zu bringen. Die Zeichnungen, die aus dem 19. Jahrhundert zu stammen scheinen, hat der Autor Reif Larsen alle selber gemacht – am Computer. Den sein technophober kleiner Held nie anrühren würde.

Im smarten Outfit eines Ostküsten-Collegestudenten, Jeans, Hemd, Jackett, im roten Ohrensessel des Hotelsalons sitzend, könnte auch Larsen aus einem früheren Jahrhundert stammen. Und wenn er nicht so nett wäre, könnte er einen ziemlich fertigmachen. 29 Jahre alt und schon ein Weltbestsellerautor. Malt und schreibt und dreht mit seinen Freunden Dokumentarfilme, eine Erfahrung, die sein eigenes Schreiben stark beeinflusst hat: „Ich denke immer: Wo ist die Kamera?“ Weiter: sportlich, schlank und gut aussehend. Höflich, schnell und klug. Sensibel, bescheiden, lebendig. Sonst noch was? Hat an der Columbia University unterrichtet, in Südafrika als Lehrer gearbeitet und anschließend in Botswana, hat eine Tour der dortigen Marimba-Schulband durch die USA organisiert. Hat selber mal in einer Band Gitarre gespielt und ein Jahr lang an einem pädagogisch-linguistischen Forschungsprojekt in Nordengland mitgemacht, wo er in den Klassen saß, das Tonband mitlaufen ließ, zuhörte.

Das, sagt er, ist etwas, was er gut kann: zuhören. Es ist eine der ersten Lektionen, die er seinen Studenten erteilt: genau zuhören! Dann würden sie zum Beispiel entdecken, dass die meisten ihrer Dialoge unrealistisch sind. Weil Leute, wenn sie sich unterhalten, fast nie in kompletten Sätzen sprechen, merkwürdige Worte gebrauchen und selten auf das, was der andere sagt, eingehen.

Larsen lauscht nicht nur, er imitiert andere auch. Wenn er in Südafrika ist, spricht er wie ein Südafrikaner, im englischen Northumbria macht er den harten Dialekt nach. Denn schauspielerisches Talent hat er auch. In der Highschool und am College hat er oft als Stegreif-Comedian auf der Bühne gestanden. Der Schriftsteller fuchtelt mit den Händen, als er erzählt, wie sehr ihm das Improvisieren liegt. „So funktioniert mein Hirn, auch beim Schreiben.“ Das Spielen hatte etwas sehr Befreiendes für ihn. „Bei der Improvisation gibt es keine falschen Antworten.“

Man glaubt ihm, wenn er sagt, dass er so gern wieder unterrichten würde. „Ich mag Schüler sehr. Sie können noch staunen.“ Nicht umsonst hat er am College Pädagogik studiert. Am Ende seines Romans dankt er Lois Hetland, „meine Lehrerin der siebten Klasse, die mir (fast) alles beigebracht hat, was ich weiß“. Sie hat, so sagt er, „meine Art des Denkens und Sehens geschätzt und gefördert, sie hat mir die richtigen Wege gezeigt“. Die beiden sind heute befreundet.

Als „Million Dollar Baby“ hat der „New York Observer“ den Schriftsteller betitelt. Eine knackige Schlagzeile. Nur hat Reif Larsen weder was von Baby noch von reichem Mann. Mit dem Geldsegen hat er sich ein Bauernhaus in den Catskills in Upstate New York gekauft, zehn Minuten von Woodstock entfernt. Dorthin, an den Fuß der Berge, will er mit seiner Freundin ziehen. Sie werden Hühner halten und einen Gemüsegarten anlegen und eine eigene Ziege haben, „ich liebe Ziegen, sie essen alles, sind nicht so schlau“, und in der Scheune wollen sie Literaturfestivals veranstalten und – Larsen bremst sich selber: „Wir wollen uns nicht übernehmen.“ Also: peu à peu.

Erst mal wieder richtig zu Hause sein. Seit einem halben Jahr ist er mit dem Buch unterwegs, das im Mai auf Englisch erschien und nun in ein paar Dutzend anderen Ländern herauskommt, macht Lesungen, gibt Interviews. In Berlin bleibt er, mit kurzem Abstecher zu einer Lesung in Wuppertal, immerhin ein paar Tage am Stück, hat am Wochenende frei, um mit einer Freundin in Galerien zu gehen, sich das Museum für Kommunikation und das Technikmuseum anzusehen. Aber sonst – „der Alltag ist Wahnsinn. Es ist eine ziemliche Herausforderung, ein öffentliches Leben zu führen und immer noch der private, verletzliche Mensch zu sein“. Was ihm dabei hilft: das Meditieren. Jeden Morgen eine halbe Stunde.

Angefangen hat er damit, als er vor sechs Jahren nach New York zog, um an der Columbia University Creative Writing zu studieren. Was er mit Erfolg getan hat: „The Selected Works of T. S. Spivet“, wie der Roman im Original heißt, war seine Abschlussarbeit, an der er vier Jahre lang gesessen hat. Noch lebt Larsen dort, wo ungefähr 97 Prozent aller amerikanischen Schriftsteller leben: in Brooklyn. In derselben Straße wie Paul Auster und Jonathan Safran Froer. Aber wohlgefühlt hat er sich nie in New York. „Ich mag es nicht, wie ich hier bin.“ Dass er gestresst ist, mit Scheuklappen durch die Straßen läuft, um die anstrengende Stadt zu ertragen. Und das als Schriftsteller.

Dabei ist er zur Offenheit erzogen worden. Die Eltern haben ihm ein Gefühl von Freiheit mitgegeben. „Es war okay, unordentlich zu sein.“ Als er bei einem Freund übernachtete, war er geschockt, als dessen Vater am Morgen mit der Aktentasche aus dem Haus ging. „Ich dachte, der kommt nicht wieder.“ Auch wenn sein eigener Vater in Harvard unterrichtete, so einen regelmäßigen Tagesablauf gab es im Hause Larsen nicht.

Anders als heute. Jeden Tag – wenn er nicht unterrichtet oder um die Welt reist –, arbeitet Reif Larsen von neun Uhr früh bis zwei, drei Uhr, bis er sein Ziel erreicht hat: drei Seiten am Tag. Am Nachmittag um vier geht er ausgedehnt joggen. „Wenn ich keinen Sport mache, kann ich am nächsten Tag nicht schreiben.“

Ohne Disziplin kein langer Atem. Schreiben heißt Umschreiben, sagt Larsen. Kommas hin und her schieben, alles über den Haufen werfen. In der ersten Fassung des Romans war T. S.Spivet kein kleiner Junge, sondern ein 50-jähriger Trinker. „Ein fürchterliches Buch“, meint Larsen und fügt nüchtern hinzu: „Wenn man anfängt zu schreiben, muss man flexibel sein.“ Was ihm an der Form des Romans besonders gefällt, im Unterschied zur Kurzgeschichte, die ganz dicht sein muss: „dass man auch ein paar ausgebeulte Teile drin haben kann“. Er mag es, dass der Roman im Allgemeinen und „Die Karte meiner Träume“ im Besonderen nicht perfekt ist, holprige Passagen hat. Das Ganze Jahre später noch mal umzuschreiben, zu verbessern, käme ihm nicht in den Sinn. „Bücher sind ein Produkt dessen, was du zu einer bestimmten Zeit bist.“ Und menschlich ist der Makel – so wie Larsens kleine Zahnlücke. Die meisten Amerikaner hätten sie längst korrigiert.

Larsen ist nicht der kleine Spatz. Aber wie seine Figur liebt er Landkarten und findet es schade, dass die meisten Leute verlernt haben, sie zu lesen. „Wir wissen nicht mehr, wo wir sind, wo wir hingehen.“ Ein besonderes Faible hat er für die selbst gemachten Skizzen, die man auf einen Zettel, eine Serviette kritzelt, um jemandem zu erklären, wie er zu einem Café, einem Museum kommt. „Dieser Zusammenstoß zwischen Persönlichem und Geografie gefällt mir.“

Zum Buch gibt es eine ungewöhnliche Website: www.tsspivet.com

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