Frauen und Männer : Die aktuelle Kamera

Elke Schöps porträtierte Sportstars und Parteibonzen der DDR – später auch die Köpfe der Wende. Heute ist sie wieder da, wo sie anfing: im Fotoladen

Andreas Stirn
In den 80er Jahren fotografierte Elke Schöps Katarina Witt für deren Autogrammkarten. Hier leuchtet sie die Eiskunstläuferin gerade aus.
In den 80er Jahren fotografierte Elke Schöps Katarina Witt für deren Autogrammkarten. Hier leuchtet sie die Eiskunstläuferin...Foto: privat

Die Greifswalder Straße ist die glanzlose Schwester der schönen Prenzlauer Allee. Dort, wo die Greifswalder die Danziger kreuzt, gibt es ein kleines Fotogeschäft. Nichts Besonderes. Eine blau-weiß gestreifte Markise aus Kunststoff über dem Schaufenster, in dem Familien, Paare, Babys in sepiagetöntem Großformat hängen.

Hier fotografiert die 61-jährige Elke Schöps alte und junge Paare, Teenager und Menschen, die Arbeit suchen. Keine große Kunst, wer den kleinen, verwinkelten Laden betritt, will sich nicht an der Schauspielschule oder als Unternehmensberater bewerben. Und dennoch gehören etliche Bilder von Elke Schöps zum visuellen Gedächtnis Deutschlands. Nicht jene, die sie seit mehr als zehn Jahren an der Greifswalder Straße aufnimmt. Sondern die, welche sie bis 1990 für die DDR-Nachrichtenagentur ADN schoss.

Millionen Negative aus dem Bestand des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes gelangten nach der Wiedervereinigung ins Bundesarchiv nach Koblenz. Darunter auch mehr als 200 Aufnahmen von Elke Schöps. Wer bei Wikipedia nach DDR-Politikern der späten achtziger Jahre sucht, findet oft eines dieser Fotos.

Patent würde man die Frau mit den kurzen blondierten Haaren wohl nennen, wie sie da in ihrem Laden steht, mit munterer Stimme ein sehr junges Ehepaar bei der Auswahl der Hochzeitsbilder berät, zwischendurch in Sekundenschnelle einen Kunden mit biometrischen Passbildern versorgt und dabei erzählt, wie sie sich damals, 1966 in einer Kleinstadt bei Magdeburg, entschied, ein bisschen anders zu werden als die meisten ihrer Klassenkameraden. Nicht die Landwirtschaft, sondern das kleine, privat geführte Fotogeschäft reizte die 16-Jährige. Also sei sie einfach rein und habe gesagt, sie wolle Fotografin werden.

„Nach einem Vierteljahr war ich perfekt in allem“, erzählt sie. Neugeborene, Konfirmanden, Jugendweihlinge, Verliebte und Langverheiratete – „man muss sofort ein Vertrauensverhältnis aufbauen. Das kann ich.“ An Selbstbewusstsein hat es Elke Schöps nicht gemangelt.

Es folgen Jahre als Betriebsfotografin beim Institut für Rübenforschung in Klein Wanzleben. Mit einer sowjetischen Mittelformatkamera, Modell Kiew, porträtiert sie Rüben und Rübenforscher. Hoch hinaus will sie nicht, weiter als bis Klein Wanzleben allerdings schon.

Anfang der 80er folgt sie ihrem damaligen Ehemann nach Berlin. Sie ist Anfang 30, als sie bei ADN anklopft. Als sei die Nachrichtenagentur mit ihren mehr als 1000 Mitarbeitern nichts anderes als ein kleinstädtischer Fotosalon. Dabei ist ADN das Sprachrohr der Partei, direkt gesteuert von der ZK-Abteilung Agitation.

„Ich habe mir gedacht, die brauchen sicher Fotografen – und so war es.“ Ein bisschen kokettiert Elke Schöps mit ihrer eigenen Chuzpe. Warum auch sollte sie eine Haltung verleugnen, die sie durchs Leben getragen hat? Statt der Kiew bedient sie nun eine schwedische Hasselblad und das Studio ist „wunderbar groß“. Noch heute gerät sie ins Schwärmen, wenn sie von ADN erzählt. Statt Rüben und Rübenforscher fotografiert Elke Schöps nun Prominente.

Katarina Witt, das Eiswunder aus Karl-Marx-Stadt, lässt sich von ihr im Carmen-Kostüm abbilden, mit dem sie Olympiagold in Calgary gewonnen hat. Die Schwimmerin Kristin Otto und andere Medaillengewinner der Sommerspiele von Seoul lachen bei ihr im Fotostudio an der Mollstraße in die Kamera.

Auch Parteifunktionäre lassen sich von ihr fotografieren. Nicht die ganz großen, aber mächtig sind die, die da vor ihr auf dem Fotohocker Platz nehmen, doch. Werner Eberlein etwa, der 1983 zu ihr kam. Mit 63 Jahren war der Honecker-Freund zum SED-Chef im Bezirk Magdeburg ernannt worden. Nun brauchte er ein offizielles Porträt. Elke Schöps fotografierte ihn im Wollsakko, das SED-Parteiabzeichen am Revers, ein Mundwinkel zu einem skeptischen Grinsen verzogen. Kein Foto, das ihn in ein günstiges Licht setzt.

Merkwürdig starr muten die meisten der Funktionärsbilder an, die Elke Schöps für ADN aufgenommen hat. Glattrasierte Gesichter in Schwarz-Weiß gestanzt. Schablonenbilder, die keinen Blick hinter die Oberfläche zulassen. Unpersönliche Porträts – ein Widerspruch, den Elke Schöps mit ihrer Hasselblad für alle Zeit konserviert hat. Ein Widerspruch auch, der einiges erzählt über die DDR in ihren letzten Jahren. Keinen Personenkult, sondern einen Kult der Austauschbarkeit, des Funktionierens im Dienste der scheinbar richtigen Idee bezeugen diese Bilder.

Auch von Margot Honecker fertigt Elke Schöps ein Porträt an. „Die war so eine nette Frau“, erinnert sich Schöps. „So zurückhaltend, so freundlich.“ Elke Schöps schätzt gute Manieren. Dass die Volksbildungsministerin im Sommer 1989 die Jugend der DDR aufforderte, den Sozialismus notfalls mit der Waffe in der Hand zu verteidigen, hat Elke Schöps vergessen oder nie gehört. Sie war Mitglied der SED, ein politischer Mensch ist sie nie gewesen.

Elke Schöps achtet auf korrektes Licht, korrekte Schärfe, korrekten Sitz der Krawatte. Sie plaudert ein wenig mit den Mächtigen, erkundigt sich vorher, wer welches Getränk bevorzugt („Frau Honecker beispielsweise hat Tee getrunken“), versucht eine gelöste Atmosphäre zu schaffen. Und bleibt dennoch auf Abstand bedacht. Macht kontrollierte Aufnahmen von Menschen, die ungern die Kontrolle abgeben.

Sie hat gern in der DDR gelebt, erzählt sie. Probleme im Alltag nahm sie sportlich. Kein Grund zu genereller Kritik am System, sondern Herausforderungen, die es zu meistern galt. Gab es etwas nicht zu kaufen, habe sie „einfach umdisponiert“. Elke Schöps hat die DDR als ein Land erlebt, in dem sie ihr Auskommen hatte und gebraucht wurde. Ein kleines Land, das groß genug für ihre Träume war. „Ich habe mich sehr wohl gefühlt, auch ohne Auto und Reisen. Wichtiger waren Freunde und Familie.“ Mit ihrer Plattenbauwohnung in Marzahn war sie zufrieden.

Im frühen Herbst 1989 ziehen die ersten Demonstrationszüge vor dem ADN-Gebäude entlang. Rufe nach Pressefreiheit erschallen. Elke Schöps bleibt auf Distanz. „Ich war nicht eine derjenigen, die von vornherein auf der Straße war. Gerade wenn man in Berlin gelebt hat und einen schönen Job hatte.“ Irgendwann geht sie dann doch mit ihren Kollegen auf die Straße, um die Demonstrationen zu beobachten. Und manchmal läuft sie ein Stück mit.

Das Fotografieren überlässt sie anderen. „Ich bin ja kein Bildreporter, ich bin Studiofotograf.“ Im Studio hat sie alles unter Kontrolle, das Licht, die Schärfe. Sie mag es, wenn die Leute sich von ihr dirigieren lassen. „Ich wollte die Menschen immer sehr schön darstellen. Ohne dass der Mund verzogen ist und die Haare nicht sitzen.“

Die Revolution macht auch vor dem Fotostudio von ADN nicht halt. Neue Gesichter nehmen Platz vor Elke Schöps. Erst kommen die Funktionäre aus der zweiten Reihe, die nun auf die Posten der Entmachteten aufrücken. So wie Wolfgang Schwanitz, den Elke Schöps am 19. November 1989 fotografierte, nachdem er Erich Mielke abgelöst hatte. Auch der Dresdner SED-Chef Hans Modrow, der im November zum neuen Ministerpräsidenten der DDR gewählt wurde, kommt zu ihr ins Studio. Und ein bis dahin unbekannter Jurist lässt sich von ihr fotografieren – Lothar de Maizière, der im November 1989 als Minister für Kirchenfragen in die Modrow-Regierung eintritt.

Dann kommen jene Menschen, die für das Ende der Honecker-Führung gesorgt haben. Oppositionelle sitzen nun im Studio an der Mollstraße. Unter ihnen ist Walter Romberg (SPD), der kurz darauf Finanzminister werden sollte. Auch Markus Meckel, Mitbegründer der ostdeutschen Sozialdemokraten und später Außenminister der DDR.

Mancher der Porträtierten hat Karriere in der gesamtdeutschen Politik gemacht. Wolfgang Thierse, Joachim Gauck, Matthias Platzeck, Lothar Bisky – sie alle saßen im Frühjahr und Sommer 1990 vor der Kamera von Elke Schöps. Ebenso etliche der 400 Abgeordneten der neuen Volkskammer von 1990.

Elke Schöps richtet für jeden das Licht aus, solide und zuverlässig. So, wie sie jahrelang für die Spitzensportler und SED-Funktionäre gearbeitet hat. Nur die Jacken, die einige der Porträtierten über dem Anzug tragen, zeugen von der Eile, mit der Schöps fotografieren musste.

Mancher Revolutionär sieht auf den Fotos von Elke Schöps denen, die er gestürzt hat, nicht unähnlich. Und doch mutet manche Mimik gelöster an. Man ist versucht, im kleinsten Lächeln ein Zeichen der neuen Zeit zu sehen, in jedem ungezähmten Bart einen Sieg der Demokratie.

Drei Wochen nach der Wiedervereinigung porträtiert sie den Präsidenten des Thüringer Landtages. Es ist das letzte Bild, das Elke Schöps für ADN aufnimmt. Dann kommt die Kündigung. Das neue Leben findet nicht mehr im Studio statt. „Man brauchte den Porträtfotografen nicht mehr. Man brauchte nur noch die Reporter, die rausgehen“, erinnert sie sich. Sie arbeitet erst bei Karstadt, dann bei Urbschat am Kudamm. „Bei Urbschat habe ich das lockere Fotografieren gelernt. Ich habe gelernt, viel mehr mit den Menschen zu sprechen.“

Ende der 90er Jahre ergab sich die Gelegenheit, den Laden an der Greifswalder Straße zu übernehmen. „Das war mein Baby, obwohl ich schon 50 Jahre alt war.“

Dass es noch eine andere DDR gab, eine, die Karrieren und Menschen zerstörte, das zu akzeptieren hat Elke Schöps erst langsam gelernt. Nicht immer passen ihre eigene Erinnerung und das, was sie im Fernsehen sieht oder in der Zeitung liest, zueinander. 1989 hat sie sich über die DDR-Flüchtlinge in der bundesdeutschen Botschaft in Prag empört: „Wie konnten die das ihren Kindern antun. Furchtbar, wie die da wochenlang gehaust haben. Das konnte ich damals nicht verstehen. Wenn ich heute die Filme und die Schicksale sehe, kann ich es.“

Loslassen, was sich nicht halten lässt. Vielleicht ist es das, was ihr ein Stück Lebensglück gegeben hat. Heute ist sie wieder da, wo sie angefangen hat. Geburten, Jugendweihen, Hochzeiten – vor der Kamera von Elke Schöps nimmt das Leben Platz, austauschbar und einzigartig, wie damals in der Kleinstadt bei Magdeburg.

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