Frauen & Männer : Die Allmächtige

Sie kann Präsidenten ins Weiße Haus reden. Ihre abgelegten Blusen sind Devotionalien. Macht sie Diät, bewegt das die Nation. Oprah Winfrey wird in in den USA verehrt wie eine Göttin.

Michaela Haas
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Oprah WinfreyFoto: dpa

Am Montag hat sie ein halb verhungertes, behindertes Mädchen aus den Händen seiner überforderten Mutter befreit. Am Dienstag hat ihr Innenarchitekt die verschimmelte Küche einer Soldatenfamilie in einen stahlglänzenden Gourmet-Schrein verwandelt. Am Mittwoch gestand ihr der Schauspieler Dennis Quaid exklusiv, woran seine neugeborenen Zwillinge beinahe kurz nach der Geburt gestorben wären. Am Donnerstag las sie einigen prügelnden Ehemännern die Leviten. Am Freitag stellte sie 24 Millionen Fernsehzuschauern ihr neuestes Familienmitglied vor: den obersüßen blonden Cockerspaniel-Welpen Sadie, und es sollte doch bitteschön jeder so ein niedliches Hündchen aus einem überfüllten Tierheim adoptieren. Am Sonntag wäre dann eigentlich ihre Heiligsprechung fällig gewesen, aber am Wochenende ist sie leider nicht auf Sendung.

Oprah Gail Winfrey: Ihr Status kommt in Amerika dem einer Gottheit ziemlich nahe. Sie ist allgegenwärtig, unantastbar, und ihr Wort wird Religion. Obama mag der neue Messias der Amerikaner sein, aber Oprah ist die Obama-Mama, die Gottesmutter. Barack Obama nannte sie „die einflussreichste Frau des Landes“, und er weiß, wovon er spricht: Im Vorwahlkampf lag der Außenseiter aus Illinois so lange hinter Hillary Clinton, bis Oprah sich öffentlich für ihn aussprach. Eine Universitätsstudie hat errechnet, dass die Talkshow-Diva ihm mit ihrer Fangemeinde mindestens ein bis zwei Millionen Extrastimmen verschafft hat. Ohne Oprah wäre jetzt Hillary die Präsidentin.

Obama hätte ihr dafür einen Sitz im Senat verschafft, Oprah winkte ab, für so etwas ist sie zu beschäftigt. Sie vertritt Obama aber gerne mal, etwa in der Sitzung des Olympischen Kommitees, um ihrer beider Heimat Chicago auf der Rangliste der Kandidaten-Städte nach oben zu pushen.

Oprah kann Präsidenten ins Weiße Haus reden, Gesetze in Kraft talken und Bücher zu Bestsellern quatschen. Wie Plato, Herkules und Madonna ist sie längst in den Olymp jener Unsterblichen aufgestiegen, die keinen Nachnamen mehr brauchen. „Vanity Fair“ schrieb, sie hätte mehr Einfluss als jeder Universitätspräsident, Politiker oder Religionsführer, „mit Ausnahme des Papstes“. Dabei wirkt die übergewichtige Schwarze in ihren hochhackigen Kroko-Stiefeln vor der Kamera so entspannt, zugewandt und gelöst wie sonst nur die beste Freundin in intimsten Stunden.

In den weitläufigen Studios an der Carpenter Street in Chicago moderiert Oprah seit 22 Jahren die meistgesehene Talkshow der Fernsehgeschichte. Zwar sinkt die Quote in Amerika seit einigen Jahren, aber die Show wird in 144 Länder übertragen, vor allem in arabischen Staaten wird sie immer populärer. Dabei ist die Show nur das Sahnestückchen in ihrem Medienimperium. Die Multimilliardärin hat zusätzlich zu ihrer Talkshow, ihrer Produktionsfirma Harpo (Oprah rückwärts gelesen), ihrem Radiosender und ihren erfolgreichen Printmedien in diesem Jahr auch noch einen Fernsehsender übernommen, das Oprah Winfrey Network (OWN). „Own“ heißt auf Deutsch „besitzen“, und wenn er Anfang 2010 auf Sendung geht, gehört Oprah endgültig die ganze Nation. Das ist in Deutschland ohne Beispiel: Selbst wenn wir die Meinungsmacht von Angela Merkel, Anne Burda und Anne Will hoch drei rechnen würden, ergäbe das noch keine Oprah.

Wenn Oprah auf Diät geht, hungert halb Amerika. Wenn sie öffentlich ankündigt, keine Burger mehr zu essen, bricht der Umsatz der Rindfleischindustrie um zehn Prozent ein. Selbst ihr Fitnesstrainer, ihr Psychotherapeut und ihre beste Freundin sind nun Stars mit eigenen Sendungen, denn alle wollen wissen, wie man schöner, netter, erfolgreicher, kurz: wie Oprah wird.

In der Boutique schräg gegenüber dem gigantischen Fernsehstudio ist so manches Schnäppchen zu machen. Glitzernde Gianfranco-Ferré-Blusen in Übergröße mit tiefem Dekolleté und strassbesetzte Prada Pumps, Größe 40, gibt es hier zum halben Preis. Wer so was tragen kann, hat Glück gehabt. Hier verkauft Oprah Devotionalien aus ihrem Kleiderschrank. Während ansonsten eher bleistiftdürre, blasse Mittdreißigerinnen die Bildschirme regieren, betont die 55 Jahre alte Oprah ihre Kurven und 40 Kilo Übergewicht noch extra mit sexy Designer-Hüllen. Barbara Hoy, eine pensionierte schwarze Putzfrau aus dem Westen Chicagos, hat gerade eine cremefarbene Bluse für 40 Dollar gesichtet. Ein Schildchen weist sie als original Oprah-Bluse aus. Die grauhaarige Rentnerin ist begeistert, als sie Flecken unter den Achseln entdeckt, womöglich Beweis dafür, dass Oprahs Arme die Bluse tatsächlich berührt haben. Bis auf den Schweiß kommen Gläubige an diese Heilige heran, aber weiter eben nicht.

Die reichste farbige Frau Amerikas ist geschätzte 2,8 Milliarden Dollar wert und wurde von CNN, Forbes und Time als „mächtigste Frau der Welt“ bezeichnet. Sie gewann den Titel „Idol Amerikas“ noch vor Superman und Elvis. Was auch immer Oprah in den letzten 20 Jahren angefasst hat, wurde zu einem amerikaweiten Erfolg: Selbst auf dem hart umkämpften Frauenzeitschriftenmarkt konnte sich ihr pfiffiges „O“-Magazin durchsetzen. Die Auflage pendelte sich bei zweieinhalb Millionen ein, die etablierte „Vogue“ kommt auf die Hälfte. Inhalt: Wie wir schöner, fitter, gesünder und sozialer werden. Auf dem Titelbild: immer und ausschließlich Oprah. Nur im März teilte sie es – nach 105 Solo-Titeln – ausnahmsweise mit der anderen First Lady Amerikas, Michelle Obama.

Man weiß alles über Oprah und gleichzeitig nichts. Sie gibt keine Interviews zu ihrer Person – sie offenbart ja ohnehin jeden Tag alles über sich, wenn auch nur das, was sie will. Alle ihre Mitarbeiter unterschreiben strikte Verträge, auch nach ihrer Tätigkeit kein Quentchen Auskunft über Oprah zu geben. So raunen eine ehemalige Redakteurin und eine Produzentin nur hinter vorgehaltener Hand von den zickigen Wutanfällen und dem chaotischen Führungsstil ihrer Ex-Chefin, aber natürlich will es sich mit der mächtigsten Frau der Welt keiner öffentlich und endgültig verderben.

Die Fernsehserie Futurama hat den Oprahismus als neue Religion des dritten Jahrtausends prophezeit. Über ihre eigenen religiösen Vorbilder schweigt Winfrey sich aus. Lange Jahre war sie wie Obama Mitglied in der Trinity Church des Hasspredigers Jeremiah Wright, aber als ihr seine Reden zu aggressiv wurden, ging sie. Freunden gegenüber sagte sie, sie wünsche sich eine aufgeschlossenere Gemeinde, und sie fand auch eine: „Es gibt jetzt Oprahs Gemeinde“, sagt ein langjähriger Freund, der anonym bleiben möchte, „sie hat ihre eigenen Anhänger.“

Denn Oprah predigt eine handgestrickte Mission der Selbstverbesserung und Eigenverantwortung, die sie von allen anderen Talkshow-Ikonen abhebt: „Heilen!“ Und zwar sich selbst und andere. Fast jede ihrer Sendungen ist einem einzigen, ehrgeizigen Ziel gewidmet: die Welt zu verbessern. Nimm-Dein-Leben-in-die-Hand-Fernsehen machen andere auch, aber nur Oprah nimmt man es ab, nicht zuletzt, weil sie den Aufstieg aus den Slums von Milwaukee komplett aus eigener Kraft geschafft hat. Als uneheliche Tochter einer minderjährigen Putzfrau und eines Kohlebergwerkers wuchs sie auf der Schweinefarm ihrer Großmutter auf. Als sie neun war, begann ein älterer Cousin sie zu vergewaltigen, zwei Jahre danach ein Familienfreund und ein Onkel. Mit 14 Jahren bekam Oprah einen Sohn, der kurz nach der Geburt starb.

Erst als sie danach zu ihrem Vater zog, wurden ihre Talente gefördert: schon damals vorlaut, neunmalklug und auffallend sexy, gewann sie mit 17 Jahren einen Schönheitswettbewerb in Tennessee, wurde als Nachrichtensprecherin entdeckt und setzte von da an ihre Hartnäckigkeit, ihre laute Unbefangenheit und ihre sinnliche Ausstrahlung auf dem Bildschirm ein. Beinahe wäre gleich alles wieder zu Ende gewesen: Der Chef der Nachrichtensendung hatte kein Verständnis dafür, dass sie bei traurigen Interviews immer mitweinte, und als ihr nach einer missglückten Dauerwelle die krausen Haare ausfielen, wäre sie wegen ihrer Halbglatze fast gefeuert worden. Er legte ihr auch nahe, diesen unmöglichen Vornamen gegen einen geländegängigeren einzutauschen, und schlug Susie vor.

In dieser Medienwelt der stromlinienförmigen Moderationspuppen hat Oprah von Anfang an alles falsch gemacht, und damit alles richtig. Sie ist laut, ungebremst und wirkt hundertprozentig authentisch. Sie stellt nach 30 Jahren Fernsehkarriere noch unmögliche Fragen, und fast jede ihrer Sendungen gleicht eher einer öffentlichen Gruppentherapie-Sitzung. Sie scheut sich nicht, unvorteilhaft geschwollene Augenringe in die Kamera zu halten und minutenlang um Fassung zu ringen, wenn sie vor einem Millionenpublikum ihres geliebten Cockerspaniels gedenkt: „Gracie war wirklich ein echtes Familienmitglied. Sie ist 13 Jahre lang jeden Tag mit mir zur Arbeit gegangen und hat jede Nacht in meinem Bett geschlafen.“ Oprah ist die große Schwester, die beste Freundin, die Seelsorgerin und Heilsbringerin, und sie möchte wirklich, dass es allen bald besser geht, ehrlich.

Die Amerikaner rechnen es Oprah hoch an, dass sie Worten Taten folgen lässt: Kein anderer Entertainment-Star spendet so viel wie sie, etwa 300 Millionen Dollar im Jahr. Zwar besitzt sie rund ein Dutzend Luxus-Villen an schönen Flecken von Hawaii bis Montecito, aber sie baut auch „Oprah-Häuser“ für bedürftige Familien. Nach einer Sendung über ein vergewaltigtes und ermordetes Mädchen gab sie so lange keine Ruhe, bis das „Oprah-Gesetz“ in Kraft trat: Seither sammelt eine nationale Datenbank die Namen verurteilter Sexualtäter, um Arbeitgeber und Vermieter zu warnen. Ihr „Engelnetzwerk“ mit zahllosen O-Botschaftern hat das Ziel, junge, gefährdete Mädchen zu schützen. Weil sie selbst keine Kinder hat, hat Oprah für 40 Millionen Dollar eine Leadership-Akademie für Mädchen in Südafrika gegründet. „Nun habe ich 152 Töchter, und jedes Jahr werden es 75 mehr“, sagt sie stolz.

Bei so viel Fürsorge kann sie es sich leisten, erstaunlich unkonventionell und unbequem zu sein: Sie hat von Anfang an gegen den Irak-Krieg lobbyiert – dafür haben weniger mächtige Journalisten ihren Sendeplatz verloren. Sie ging schon in den achtziger Jahren zu Schwulenversammlungen und half Aids-Patienten, als diese für die Mehrheit der Amerikaner noch Aussätzige waren. Sie ist seit 23 Jahren mit einem gut aussehenden, schwarzen ehemaligen Baseballstar zusammen. Fragen, warum die Hochzeit mit Stedman Graham immer wieder abgeblasen wurde, beantwortet sie lächelnd mit einem Schulterzucken – und das, obwohl die wilde Ehe im prüden Amerika immer noch als gottloser Sündenfall gilt.

Selbst Oprahs ständig schwankendes Gewicht ist nur ein weiterer Einschaltgrund. Als Oprahs Waage kürzlich die 90-Kilo-Grenze überschritt, beraumte CNN eine einstündige Sondersendung mit ihrem Fitnesstrainer ein.

Dass die mächtigste Frau Amerikas es trotz einer Armada an Trainern, Psychologen und Leibköchen nicht schafft, ihr Gewicht zu halten, fasziniert die ganze Nation. Warum? Erstens, weil jede zweite Frau in Amerika selbst gerne schlanker wäre. Und zweitens, weil Oprah ihr Innerstes nach außen kehrt: Als sie sich vor ein paar Jahren kurzfristig mit einer Flüssigdiät rankgehungert hatte, zog sie die 40 Pfund, die sie abgenommen hatte, triumphierend in Form von Tierfett auf einem Karren ins Studio. Daran, dass sie die Kilos dann wieder auf die Hüften futterte, nahm zitternd die ganze Nation Anteil: „Der Grund, warum ich so viel zugenommen habe und warum ich so eine elende Geschichte von Beziehungen zu misshandelnden Männern hatte, ist, dass ich die Anerkennung so sehr brauchte“, erklärt sie. „Mein Gewicht war das perfekte Kissen, um mich vor der Abneigung der Welt zu schützen.“

Da können die Fernsehkritiker noch so sehr jaulen, ihre Show sei seicht, Millionen von O-Süchtigen sehen in ihr eine unbefleckte Nationalheilige, und wie in Lourdes und anderen Pilgerstätten scheinen tatsächlich in ihrer Sendung spontane Seelenheilungen von blessierten Opfern und unglaubliche Verwandlungen schüchterner Büromäuse in brüllende Salonlöwinnen stattzufinden. Fans, Buchautoren und Politiker haben sie öffentlich angefleht, endlich auch als Präsidentin Amerikas zu kandidieren. Sie hat bisher Nein gesagt. Vermutlich, weil absolut sicher ist, dass sie gewählt würde. Und das wäre ja kein Aufstieg. Präsidenten müssen ihre Regentschaft legitimieren lassen, Heilige regieren absolut.

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