Frauen und Männer : Die Entdeckung der Freiheit

Frauen hatten es nie leicht in Bolivien. Doch nun könnte sich vieles ändern. Das liegt an neuen Gesetzen und an Kämpferinnen wie Doña Roxana. Eine Reportage zum Internationalen Frauentag am 8. März

Susanne Stiefel
Welthungerhife Pressereise nach Bolivien im Februar 2010
Ihr eigener Chef: Doña Percida Poiquibiqui bei der Pflege ihrer Papayas. -Foto: Florian Kopp

Doña Roxana backt Brötchen. Wie goldbraune Taler reihen sich die Reisbrote auf dem Backblech. Ihr Duft zieht verführerisch durch den kleinen Innenhof in San Ignacio, lockt die Kinder an, lässt den Hahn krähen und den Magen der Besucher knurren. „Eigentlich müsste ich schlank sein, so viel, wie ich arbeite“, sagt die rundliche Frau am Ofen und lacht, „aber mir schmecken meine Backwaren zu sehr.“ Doña Roxana lacht gern und viel und um ihr Leben. Lacht gegen die Widerstände von Männern, die Frauen lieber am heimischen Herd als an fremden Öfen sehen. Und gegen die Verachtung der Reichen gegenüber der indigenen Bevölkerung. Maria Roxana Vaca ist Chiquitana und eine Frau. Ihr Lachen ist eine Kampfansage.
Vor drei Jahren beschloss die 33-Jährige, gemeinsam mit anderen Frauen eine Bäckerei zu gründen. Las Amistosas nennen sie sich, die Freundlichen. Das Geschäft läuft, der Kredit für den Ofen ist schon abbezahlt. Und auch die bolivianischen Kommunalwahlen helfen. Der schreiend bunte Wahlkampfbus des Bürgermeisterkandidaten Erwin Mendez rollt mit lauter Musik und krachenden Wahlparolen durch die Lehmstraßen von San Ignacio. Auf dem Dach tanzen die Wahlhelfer, und auch Doña Roxana ist zum Tanzen aufgelegt, wenn sie an den Großauftrag denkt: Bis zur Wahl Mitte April produzieren sie und ihre Frauen einmal pro Woche etwa 2500 Brötchen für den amtierenden Bürgermeister Mendez.
Noch backt sie nur. Doch die quirlige Frau wurde auch schon gefragt, ob sie nicht selbst Bürgermeisterin werden wolle. Sie hat abgelehnt. Vorerst. Denn Doña Roxana hat ihren eigenen Plan. Mit 30 wollte sie ein Geschäft aufziehen. Das hat sie getan. „Und mit 40 will ich Bürgermeisterin von San Ignacio werden“, verkündet sie und lacht. Sieben Jahre sind es noch bis dahin. Doña Roxanas Lachen muss man ernst nehmen.
Etwa 30 000 Menschen wohnen in San Ignacio, der Provinzhauptstadt von Velasco, hier in den bolivianischen Tropen an der Grenze zu Brasilien. Bürgermeister dieser Region zu sein, ist kein einfacher Job. Hier herrschen die Großgrundbesitzer und die Kirche. Das war schon immer so und ist auch durch den Regierungswechsel nicht so einfach zu ändern. Der Regierungssitz La Paz ist weit. Zwar hat Präsident Evo Morales ein Gesetz erlassen, das die Größe des Landbesitzes auf 5000 Hektar beschränkt. Doch die alten Besitzverhältnisse sind nicht davon betroffen. Noch gibt es Viehzüchter im Departamento Santa Cruz, die 100 000 Hektar Land ihr eigen nennen – und sich gegen alle stemmen, die öffentliches Land bewirtschaften wollen.
Vor zwei Jahren wurde die Menschenrechtsgruppe Fundacion Tierra hier in der kleinen Dschungelstadt bekriegt. Morddrohungen wurden ausgesprochen, in der Stadt kursierte ein Plakat mit den Köpfen der Mitarbeiter: „Verräter“ stand darauf. Das Büro der NGO wurde von Bewaffneten angegriffen – der Ort, an dem die Aktivisten Chiquitanos in ihrem Kampf um Land mit Informationen und rechtlichem Beistand unterstützen. Kurzzeitig musste die Organisation, die von der Deutschen Welthungerhilfe unterstützt wird, ihr Büro in San Ignacio schließen.
Es gibt zwei Bolivien: das der Anden mit dem Willen zur Veränderung. Und das der Tropen – hier klammern sich Großgrundbesitzer und Industrielle an ihre Macht. Estella Tomicha bekommt das täglich zu spüren. Die 27-Jährige arbeitet für Fundacion Tierra in der Gemeinde San Rafael, einem 3000-Einwohner-Weiler südlich von San Ignacio. Sie hilft beim Formulieren und Ausfüllen der Anträge, sie informiert über die bürokratischen Wege, öffentliches Land auf eine Gemeinschaft von Bauern eintragen zu lassen, sie organisiert Veranstaltungen. Die junge Frau weiß, dass es ein fein gesponnenes Netz aus Geld, Politik und Kirche ist, in dem Anträge hängen bleiben. Die Macht der Großgrundbesitzer spiegelt sich auch in der Verachtung, mit der sie den Chiquitanos begegnen. „Ihr seid nichts. Ihr habt nichts. Gebt endlich Ruhe!“ – Tomicha, die 56 Chiquitano-Familien in San Rafael vertritt, kennt die Sprüche auswendig.
Mit versteinertem Gesicht sitzt sie im Haus ihrer Schwester, der rosa Nagellack ist schon halb abgeblättert, an den Wänden hängen halbnackte Kalendermädchen und daneben Heiligenbilder. Die junge Frau kämpft gegen ihre Tränen an. „Ich will helfen, dass die Menschen hier ihr Recht bekommen“, sagt sie. „Und dass Frauen endlich Zugang zu Bildung und Informationen haben.“ Tomicha hat keine Schule besucht. Sie hat sich mithilfe von Fundacion Tierra selbst weitergebildet. Beharrlichkeit ist ihre Waffe.
Estella Tomicha kennt ihre Rechte. Sie weiß, was Evo Morales verfügt hat: dass öffentliches Land an bäuerliche Kleingemeinschaften vergeben wird. Dass Großgrundbesitzer ihr Land bewirtschaften müssen, weil sie es sonst los sind. Und dass sich auch die Reichen an Recht und Gesetz halten sollen. Die junge Frau klammert sich an die Hoffnung, dass sich ihr persönlicher Einsatz lohnt. Ihr Mann hat sie verlassen, weil sie zu viel unterwegs war. Als geschiedene Frau mit zwei Kindern hat sie es im Macholand Bolivien doppelt schwer. Sie wird schief angesehen in San Rafael und nur von ihrer Familie unterstützt. Doch sie macht weiter. Nicht nur im fernen La Paz soll sich mit dem prominenten Präsidenten jemand für die indigene Bevölkerung einsetzen, sondern auch hier in der Chiquitania in der Provinz Velasco.
Viele Frauen engagieren sich in dem Kampf der Chiquitanos, und es werden immer mehr. Auch Martha Soliz Aponte gehört dazu. Die Schriftführerin einer Campesinogruppe in Santa Rosa de Roca steckt mitten in einer Auseinandersetzung. „Hier ist unser Land“, sagt die 35-Jährige und öffnet ihren Ordner, zeigt auf den kleinen Flecken auf der Karte, „und das ist das Land der Großgrundbesitzer, die uns vertrieben haben.“ Munition wird ins Feuer geworfen, die Knaller signalisieren den anderen, dass es im Hof von Carmen ein Treffen gibt. Nach und nach füllt sich der Platz ums Feuer, wo bereits Steaks schmoren. Der Bürgermeister der kleinen Gemeinde kommt vorbei, und alle Frauen und Männer der Interessensgemeinschaft. Sie haben öffentliches Land in Besitz genommen und wurden von benachbarten Großgrundbesitzern vertrieben. Mit Waffengewalt. Ihr Antrag auf Landtitel versickerte irgendwo. Das war vor zwei Jahren. Nun ist es mit ihrer Geduld vorbei. Alle reden durcheinander. „Sie haben uns bedroht.“ – „Unser Antrag wird einfach nicht bearbeitet.“ – „Sie verzögern alles mit ihren Anwälten.“ – „Wir lassen uns nicht einschüchtern!“, sagen sie kämpferisch. Das Fleisch überm Feuer ist inzwischen gar, die Mienen der Männer und Frauen entschlossen. „Nächste Woche fahren wir nach La Paz“, sagt Martha. „Und wenn das Agrarministerium nicht hilft, gehen wir zum Präsidenten“, sagt ein anderer. Doña Martha will mit ihrer Familie endlich ein eigenes Stück Land bewirtschaften.
Dieser Traum ist für Doña Percida schon wahr geworden. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet die 43-Jährige in einer Kooperative, bewirtschaftet gemeinsam mit ihrer achtköpfigen Familie fünf Hektar Land in Santa Anita de la Frontera. Vorher hat sie als Köchin bei einem Großgrundbesitzer geschuftet, ihr Mann als Gaucho, sie erinnert sich nicht gerne an diese Zeit. „Wir lebten wie Sklaven“, sagt die Frau mit den strengen Gesichtszügen. Während sie durch ihre Kaffeeplantage führt, das Bewässerungssystem erklärt und ihre Geschichte erzählt, zupft sie mal da, mal dort einen dürren Ast ab, prüft, ob die Wassergräben tief genug sind. Heute bestimmt sie den Tagesplan, regelt, wer die Kühe melkt, sich um die Kaffeepflanzen kümmert, um den Mais und die Yuca-Pflanzen. Und so nebenbei legt sie noch Geld auf die Seite. Zwei ihrer Kinder studieren bereits.
Der Bischof von San Ignacio liegt offenbar falsch, wenn er behauptet, die Chiquitanos könnten nicht effektiv wirtschaften auf ihren kleinen Parzellen. Der Bischof und die Kirche, erzählen die Frauen, besitzen zehntausende, wahrscheinlich hunderttausende Hektar eigenes Land. Von ihm erwarten sie keine Hilfe.
Boliviens Frauen setzen auf ihren Präsidenten. Evo Morales unterstützt nicht nur zwei Bauernorganisationen, die sich besonders für Frauen einsetzen. Er hat auch die Elternzeit für Männer im Arbeitsrecht festgeschrieben. Die Diskussion über das Gesetz wird, so hoffen viele, auch die Rollenbilder in Bolivien ins Wanken bringen.
Noch backt Doña Roxana kleine Brötchen. Spart Bolivianos für ihre Kinder. Hofft, dass die einmal studieren können, vielleicht Anwalt werden. Ein Beruf, den sich die Bäckerin immer erträumte und nie wird ausüben können, weil sie als Mädchen nur vier Jahre lang in die Schule geschickt wurde. Doch auch Evo Morales hat klein angefangen, hat während seiner Schulzeit für eine Bäckerei gearbeitet und Süßigkeiten verkauft, um seine Familie zu unterstützen. „Wirklich?“, fragt Doña Roxana und lacht ihr kämpferisches Lachen. Schließlich braucht sie auch noch Pläne fürs fünfte Lebensjahrzehnt. „Wenn Gott mir hilft, werde ich noch Präsidentin.“

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