Frauen & Männer : Eine Frau fürs Leben

In der Jugend sind sie oft Konkurrentinnen, doch später können sie nicht ohne einander: Von Schwestern und ihrem speziellen Verhältnis

Ulrike Thiele Saskia Weneit
Hoheiten: Stephanie (links) und ihre Schwester Caroline von Monaco.Foto: G40/laif
Hoheiten: Stephanie (links) und ihre Schwester Caroline von Monaco.Foto: G40/laifFoto: picture-alliance/ dpa

Irene Konopka stand vor ihrem Kleiderschrank und hatte ein Problem: Sie hatte nichts Passendes zum Anziehen. Dabei war sie doch verabredet – mit einem Mann, den sie vor kurzem kennengelernt hatte.

Alles hatte sie schon probiert, nichts konnte sie zufriedenstellen, und so war sie kurz davor zu verzweifeln, als ihr Blick auf das Paket fiel. Die Cousine aus den USA hatte es ihrer Schwester geschickt. Was für schöne Sachen, dachte sie, als sie den Karton öffnete. Sorgsam lagen ein Hut und ein paar Schuhe darin verpackt. Irene Konopka überlegte nicht lange.

Umwerfend sah sie aus mit den Schuhen und dem Hut aus Amerika. Doch auf dem Weg zur U-Bahn kam ihr die drei Jahre ältere Schwester Gisela entgegen, und die erkannte ihre Sachen auf den ersten Blick. „Sie wollte, dass ich das sofort ausziehe, und ich dachte, um Gottes willen, jetzt kann ich ohne Schuhe zur Verabredung fahren“, erinnert sich Irene Konopka noch heute, 60 Jahre später, an diesen Moment und muss laut lachen. Denn ihre Schwester war gnädig und ließ sie ihr, zumindest für diesen Abend.

Das Rendezvous von damals ist fast vergessen, eine Episode im Leben der inzwischen 80 Jahre alten Irene Konopka. Schwester Gisela Friese, heute 83, blieb dagegen wichtig, ist es heute vielleicht mehr denn je. Die Berlinerinnen haben ihre Männer überlebt, wohnen Tür an Tür in einer Charlottenburger Seniorenresidenz. Sie essen zusammen, gehen zusammen spazieren und bummeln durch die Geschäfte. Nur manchmal können sie sich nicht über das Fernsehprogramm einigen. Dann ist es gut, dass beide doch ihre eigene Wohnung haben.

Schwestern haben ein ganz besonderes Verhältnis. Geschwisterforscher gehen so weit, es die prägendste und innigste Beziehung zu nennen, die eine Frau haben kann. „Schwestern kennen sich von klein an – das ist ein Intimraum wie in sonst kaum einer Beziehung“, sagt Jürg Frick, Psychologe und Geschwisterexperte aus Zürich. Eine Schwester kann Vorbild, Ersatzmutter, Rivalin, beste Freundin und noch mehr sein. Manchmal ist sie all das in einer Person. Und mehr als von einem Bruder müssen sich Mädchen im Laufe ihrer Jugend von einer Schwester abgrenzen, um ihre eigene Persönlichkeit zu finden.

„Meine Schwester wollte mich immer mit erziehen und mir vorschreiben, was ich zu tun habe“, sagt Heike Herzog. „Das hat mich extrem genervt.“ Die 33-Jährige und ihre drei Jahre ältere Schwester Daniela Grötzinger haben in ihrer Jugend wohl so ziemlich alle Höhen und Tiefen mitgemacht, die eine Schwesternbeziehung haben kann. Die Ältere war dabei die Vernünftige, die Jüngere der Rebell. „Wir haben eine komplett andere Jugend verbracht“, sagt Heike Herzog. Während sie oft ausging, Jungs mitbrachte, rauchte und sich jeden Fingernagel in einer anderen Farbe lackierte, blieb ihre Schwester lieber daheim. „Ich habe damals einfach nicht verstanden, warum sie so was macht“, sagt Daniela Grötzinger. Die Familie besaß einen Motorradladen im Schwäbischen, Daniela half dort oft aus, „ich war das Papakind“. Für Heike Herzog, die Jüngere, war es schwer, das mit anzusehen, denn auch sie wollte vom Vater anerkannt werden. „Papa fand nie gut, was ich mache“, erzählt sie.

Gefühle wie Neid und Konkurrenz entstünden bei Schwestern nicht zwangsläufig, sie seien Ergebnis des Verhaltens der Eltern, sagt Corinna Onnen-Isemann. Die Soziologieprofessorin der Universität Vechta hat jahrelang zu Schwesternbeziehungen geforscht, mehrere Bücher zum Thema veröffentlicht. Dass Heike Herzog und ihre ältere Schwester Daniela sich in ihrer Jugend so schlecht verstanden, kann an der Bevorzugung der Älteren durch den Vater gelegen haben. „Bewusst eifersüchtig war ich nicht, unbewusst gab es da schon einen Konkurrenzkampf“, erzählt Heike Herzog. Sie reagierte nach außen mit Trotz, innerlich litt sie darunter, als schwarzes Schaf der Familie zu gelten. Mit 17 zog sie von zu Hause aus, begann eine Ausbildung in einer anderen Stadt.

Schwestern können sich im Laufe ihres Lebens sogar ganz auseinanderleben. Ist zum Beispiel der Altersunterschied zwischen beiden sehr groß, befinden sie sich in unterschiedlichen Lebenssituationen und es kann passieren, dass die Jüngere sich verlassen fühlt, wenn die Ältere auszieht. Sind beide ähnlich alt, gibt es vielleicht Probleme wegen Jungs, im schlimmsten Fall gefällt beiden derselbe. Doch trotz vieler potenzieller Konflikte beobachten Wissenschaftler, dass Schwestern nur schwer voneinander lassen können.

Das liege zum einen daran, dass die Gesellschaft es nicht gerne sieht, wenn Schwestern sich streiten: „Schwesternbeziehungen werden idealisiert“, sagt die Soziologin Onnen-Isemann. So litten Frauen, die sich dauerhaft mit ihrer Schwester zerstritten haben, unter den Erwartungen ihrer Mitmenschen. Andererseits verbindet sie aber anscheinend tatsächlich ein engeres emotionales Band als Brüder. Onnen-Isemann hat beobachtet, dass Schwestern im Alter fast immer wieder zueinander zurückfinden, egal wie sehr sie sich distanziert haben. „Wenn die Kinder aus dem Haus sind, der Ehepartner verstorben ist, dann besinnen sich die meisten Frauen auf ihre Schwester.“ Konflikte, Wohnortwechsel und unterschiedliche Lebensentwürfe könne man so „in Ruhe aussitzen“, sagt die Soziologin. Bei Brüdern sei das seltener der Fall.

Wenn Schwestern im Alter wieder aufeinandertreffen, leben sie oft in den alten Rollen fort, die sie schon als Kinder und Jugendliche eingenommen haben. „Da kommt es vor, dass sich 80-Jährige benehmen wie Fünfjährige“, sagt Onnen-Isemann. Egal also, wie sehr sich eine Frau im Leben durchsetzt, egal wie erfolgreich und selbstständig sie im Beruf und in ihren Beziehungen ist – gegenüber ihrer großen Schwester wird sie immer „die Kleine“ bleiben.

Auch die 83-jährige Gisela Friese und ihre Schwester Irene Konopka haben in die alte Rollenverteilung zurückgefunden. „Sie war schon immer die Frechere“, sagt die Ältere der beiden. Ein durchaus typisches Verhältnis. „Oft ist die ältere Schwester die Vernünftige, die jüngere der Rowdy“, sagt Corinna Onnen-Isemann. Das kommt daher, dass sich jedes Kind im Lauf seiner Entwicklung einen unverwechselbaren Platz sucht, erklärt Geschwisterforscher Frick. „Kinder lernen abhängig von Geburtenfolge, persönlichen Eigenschaften oder Temperament ihre Rollen, um bei den Eltern Anerkennung und Liebe zu erhalten.“

Da Mädchen von den Eltern oft mehr Verantwortung übertragen werde als Jungen, sagt Onnen-Isemann, übernehmen ältere Schwestern gern die Führung unter den Geschwistern. Den jüngeren Mädchen in der Familie bleibt meist nichts anderes übrig, als das komplette Gegenteil zu werden – einerseits, um sich gegen die Autorität der Schwester zu wehren, andererseits, um als eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen zu werden.

So kommt es, dass sich Schwestern in ihrem Wesen sehr unterscheiden können, selbst wenn sie Zwillinge sind, wie Mürvet Lima und Dilek Knüpfer. „Wir waren der Engel und das Biest“, sagt Dilek Knüpfer, die etwa zehn Minuten vor ihrer Schwester auf die Welt kam. Sie sei als „Ältere“ schon immer die Besonnenere, die Jüngere die Impulsivere gewesen. Und während sie eine Banklehre machte und mit Mann und zwei Kindern in ein Reihenhaus in Lüneburg zog, studierte ihre jüngere Schwester Betriebswirtschaftslehre und arbeitet heute in einem großen Unternehmen in Hamburg. Sie ist verheiratet, hat aber keine Kinder. Dafür hat sie mit ihrer zehn Minuten älteren Schwester so etwas wie eine zweite Mutter. „Ich habe zum Beispiel immer ein Pflaster dabei, Mürvet würde an so etwas nie denken“, sagt Dilek Knüpfer. Mürvet Lima selbst beschreibt sich als eher chaotisch.

Die Eltern der beiden Zwillingsschwestern sorgten bewusst dafür, dass sich beide unabhängig voneinander entwickeln konnten. Mürvet wurde ein Jahr früher eingeschult als Dilek. Auch später gingen die Zwillinge auf verschiedene Schulen. „Die Abgrenzung von der Schwester ist schwierig und man schafft sie nicht allein“, sagt Schwesternforscherin Onnen-Isemann. Dieser schwierige Prozess passiert normalerweise in der Pubertät. Das war auch die Zeit, in der die Zwillingsschwestern die größten Probleme miteinander hatten. „Als wir 15 Jahre alt waren, gab es eine Zeit, in der wir auf keinen Fall etwas miteinander machen wollten“, erzählt Dilek Knüpfer. Damals hätten Freunde und Bekannte sie ständig miteinander verglichen: Welche ist die Hübschere, welche die Schlankere, welche hat mehr Pickel? Doch ein bestimmtes Maß an Rivalität oder Eifersucht gehört bei Schwesternbeziehungen zur normalen psychischen Entwicklung, sagt Geschwisterforscher Jürg Frick.

Das Verhältnis der beiden schwäbischen Schwestern Heike Herzog und Daniela Grötzinger änderte sich schlagartig, als die Jüngere mit 27 schwanger wurde und der Vater des Kindes sie allein ließ. „Ich dachte, meine Schwester würde mich dafür verurteilen“, sagt Heike Herzog. Doch ihre ältere Schwester Daniela hielt zu ihr. „Ich bin für dich da und wir schaffen das“, sagte sie. Alle Konkurrenz war vergessen. Heute sind beide wie gute Freundinnen, sie wohnen nur eine Dreiviertelstunde voneinander entfernt.

„Wenn Schwestern die andere in ihrer Andersartigkeit akzeptieren, können sie ein unschlagbares Team sein“, sagt die Soziologin Corinna Onnen-Isemann. Dann wird die Schwester zur Frau fürs Leben.

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