Frauen und Männer : Flippers Vermächtnis

Er war der Trainer des berühmten Fernsehdelfins. Und trug dazu bei, dass diese Tierart zur Show-Attraktion wurde. Heute bereut er das. Ric O’Barry kämpft für die Rettung der Delfine.

Sebastian Leber
306109_0_49f1a7d0.jpg
Delfinfänger in der Bucht von Taiji.Foto: AFP

Er findet die Toilette nicht. Dabei hat die Greta-Garbo-Suite im Berliner Hyatt doch bloß drei Türen. Ric O’Barry nimmt die falsche und landet auf dem Hotelflur. Der Mann vom Filmverleih muss kommen und helfen.

Nein, wie ein Macher wirkt O’Barry nicht gerade. Und wie ein Held schon gar nicht. Aber das ist er, das haben ihm alle bescheinigt: die Journalisten der „New York Times“, der Laudator beim „Sundance Film Festival“, die vielen Fremden, die ihm Dankesmails schicken. Doch heute steht Ric O’Barry im zweiten Stock des Hyatt und sucht die verdammte Toilette.

Er sieht müde aus. Seit Wochen ist er unterwegs, in Australien, England, Italien, auch in Japan natürlich. Wenn man so vor ihm steht und in dunkle Augen mit schlaff herunterhängenden Lidern blickt, möchte man ihm am liebsten raten: Ruhen Sie sich erst einmal zwei Wochen aus, Herr O’Barry, Sie sind doch schon 70. Aber der weißhaarige Mann will sich nicht ausruhen. Jetzt schon gar nicht, wo es gerade so gut läuft. „Gestoppt haben wir sie“, sagt er. „Wir müssen sicherstellen, dass sie nicht wieder anfangen.“

Er meint die japanischen Delfinschlächter. An Küstenorten wie Taiji, sieben Autostunden südwestlich von Tokio, fangen sie jedes Jahr 23000 Tiere, immer zwischen September und März. Zuerst treiben sie die Delfine in eine abgelegene Bucht, dann stechen sie mit Lanzen zu, mehrere Stunden pro Tag, am Ende hat sich das Meer rot verfärbt. Einem Filmteam um Ric O’Barry ist es gelungen, das Grauen aufzuzeichnen, die Szenen werden im Dokumentarstreifen „Die Bucht“ gezeigt, der am Donnerstag in die deutschen Kinos kommt. Elf Festivals haben ihn bereits prämiert, eine Oscarnominierung ist wahrscheinlich. Inzwischen berichten auch japanische Zeitungen über den Fall. Wegen des wachsenden Drucks hat die Stadt Taiji das Töten vorerst untersagt. Kurz vor dem Interview konnte O’Barry noch mit einem Bekannten vor Ort telefonieren. Der hat bestätigt: Ja, die Bucht ist immer noch leer, keine Fischerboote zu sehen.

WIRECENTER
Ric O'Barry im Berliner Hyatt am Potsdamer Platz.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ohne Hilfe von Profis wäre das Vorhaben nie geglückt. Ein Studio in Hollywood tarnte Kameras als Steine und Vogelnester, die wurden dann nachts in die Bucht geschmuggelt. Dabei war das ursprünglich gar nicht sein Plan, sagt Ric O’Barry. „Im Grunde hatte ich keinen.“ Wenn es in seinem Leben überhaupt eine Konstante gebe, dann wohl diese: „Ich habe keine Ahnung, wie ich vorgehen soll. Ich zeige einfach Präsenz.“ Das Prinzip habe sich bewährt. Just show up, dann ergibt sich schon etwas. Zum Beispiel, dass sich ein Filmteam meldet und verspricht: Wir zeigen der Welt, was in Taiji passiert, und dann ist endlich Schluss.

Sollte es recht behalten, würde sich O’Barry trotzdem nicht zur Ruhe setzen. Die Schuldgefühle sind zu groß. Vor 45 Jahren fing er als Tiertrainer bei „Flipper“ an, der Fernsehserie über den netten Delfin, der Menschen hilft, wo er kann. Er rettet Schiffbrüchige, holt Blutplasmakonserven vom Meeresgrund, warnt vor Unwettern. Er tötet auch Haie, aber nur, wenn sie Kinder angreifen. Ein Delfin, so klug wie ein Mensch und moralisch integer. Das habe in Millionen Zuschauern den Wunsch geweckt, echten Tümmlern bei Luftsprüngen und Ballspielen zuzusehen, sagt Ric O’Barry. Am liebsten gleich mit ihnen durch ein Becken zu schwimmen. Beim Serienstart gab es weltweit drei Delfinarien, heute sind es 200. „Ich habe fast zehn Jahre lang meinen Teil zu diesem Horror beigetragen.“ Die nächsten 38 Jahre tat er Buße. O’Barry protestierte vor Delfinshows, zerschnitt Netze, ließ sich dabei festnehmen und fotografieren. Just show up, der Rest kommt von selbst. So war es auch 1992 in Hamburg, einen ganzen Sommer lang stand O’Barry jedes Wochenende vor Hagenbecks Tierpark und forderte die Schließung des Delfinariums. Er sagte Sätze wie: „Wenn Tiere dazu da wären, bei Hagenbeck im Kreis zu schwimmen, wären sie doch wie ein Frisbee geformt.“ Die Show wurde eingestellt.

Am kommenden Mittwoch, einen Tag vor dem deutschen Kinostart, soll „Die Bucht“ auf dem „Tokio Film Festival“ gezeigt werden. Ein weiterer Durchbruch, glaubt O’Barry. Lange Zeit sah es so aus, als würde kein japanisches Kino den Film vorführen, doch dann schaltete sich Ben Stiller ein; der US-Schauspieler rief den Festival-Direktor an, machte Druck und hatte Erfolg. O’Barry möchte bei der Japan-Premiere dabei sein, noch ist nicht klar, ob er es schafft: Er hat eine Ladung vor ein US-Gericht bekommen. Der Betreiber eines Delfinariums verklagt ihn auf 300 Millionen Dollar, wegen angeblich geschäftsschädigendem Verhalten.

Die Delfinjäger von Taiji drohen Ric O’Barry nicht mit Klagen. Sie drohen, ihn umzubringen. Deshalb traut er sich nur noch in Begleitung in das Küstendorf, vor zwei Wochen war er zuletzt dort. Der Kreis seiner Feinde in Taiji sei überschaubar, „50 Leute sind direkt in das Geschäft involviert, eine winzige Minderheit“. Die Männer wollen ihn provozieren, einmal haben sie vor seinen Augen einem Delfinbaby den Kopf abgeschnitten. Er kennt ihre Namen nicht, aber die Gesichter. Einen nennt er Graf Dracula, weil er sich seinen Mantel vors Gesicht hält, sobald jemand eine Kamera zückt. Und dann ist da „Private Space“, der immer bloß genau diese zwei Worte brüllt, wenn sich O’Barry zu nah an die Bucht heranwagt. Die restlichen 3500 Bewohner Taijis sprechen zwar weiter kein Wort mit ihm, man hält ihn für den verrückten Tierschützer aus dem Ausland. Aber manchmal guckt einer von der anderen Straßenseite zu ihm rüber und lächelt. „Das ist ein Anfang, denke ich.“

Die Kommentatoren im japanischen Fernsehen ergreifen Partei für die Fischer, sprechen von jahrhundertealter Fangkultur. Im Internet hat sich eine Initiative gegründet, die vor „amerikanischem Imperialismus“ warnt. „Stoppt das Kuhmassaker“ heißt sie. O’Barry weiß, dass er mit Tierschutzargumenten allein die Japaner nicht überzeugen wird, dauerhaft auf die Delfinjagd zu verzichten. Aber er kennt ein japanisches Wort, Freunde haben es ihm beigebracht: „gaiatsu“ – „Druck von außen.“ Das wirkt. Außerdem konnten Chemiker nachweisen, dass Delfinfleisch in hohem Maß mit Quecksilber belastet ist. Davon erzählt O’Barry den wildfremden Menschen, wenn er sie in Tokio auf der Straße anspricht und ihnen seine Bilder zeigt.

„Sie können mir glauben, es liegt nicht in meiner Natur, auf Menschen einzureden“, sagt er. Lieber würde er zu Hause in Florida seiner Frau im Garten helfen. Die erste ist ihm weggerannt, sie hielt seine Delfingeschichten nicht mehr aus. Helene, seine jetzige Frau, ist Journalistin. „Die wusste Bescheid, bevor wir uns kennenlernten. Sie hatte meine Biografie gelesen!“

Sitzt man Ric O’Barry gegenüber, fällt einem das Delfintattoo an seiner linken Hand auf. Wann er sich das stechen ließ, will er nicht sagen. Die erste Frage wird überhört, die zweite gekontert: „Wollen Sie ein paar Weintrauben?“ Vielleicht ist das Cathy auf seiner Hand. Eines der fünf Delfinweibchen, die er für Flipper trainierte. Nach Abschluss der Serie 1967 wurde eins nach Europa verkauft, es starb als Attraktion auf dem Münchner Oktoberfest. Die anderen kamen ins Miami Seaquarium. Cathy wurde depressiv und verendete in Ric O’Barrys Armen. An diesem Tag wechselte der Ex-Trainer die Seiten. Keine 20 Stunden später nahm ihn die Polizei beim Versuch fest, auf den Bahamas einen Delfin zu befreien.

Er behauptet bis heute, Cathy habe damals Selbstmord begangen, ganz einfach aufgehört zu atmen, weil sie den Stress im engen Becken nicht aushielt. Kritiker nennen O’Barry deshalb einen Spinner, aber Biologen haben keinen Zweifel, dass Delfine zum Suizid fähig sind.

O’Barry glaubt auch, dass die Tiere sich selbst auf Fotos wiedererkennen und von Artgenossen unterscheiden können. In den 60ern hat er manchmal freitags um 19.30 Uhr einen Fernseher nach draußen gestellt. Dann konnte Cathy Flipper gucken. Sie hat sich nur für ihre eigenen Szenen interessiert. Die anderen Delfine hat sie sich nicht angesehen.

Das Abschlachten der Tiere in Taiji und die Shows in Delfinarien hängen unmittelbar zusammen, sagt der Aktivist. Denn bevor die Fischer das Schlachten beginnen, suchen sie erst die Prachtexemplare raus und verkaufen sie an Delfinarien in aller Welt. Das bringt ein Vielfaches ein, rund 150 000 Dollar pro Tier, für ein totes bekommen sie nur 600. Schlössen also weltweit die Delfinarien, hätten die Jäger in Taiji keine Geschäftsgrundlage mehr. Ric O’Barry weiß nicht, ob er das noch erleben wird. Sein Sohn ist 37 und Regisseur, er will die Mission fortführen.

„Die Bucht“ ist ein Segen für die O’Barrys. Aber vielleicht schadet er auch. Denn er vermittelt den Eindruck, dass der alte Mann ein großes Team hinter sich habe. Tatsächlich sind das die Filmleute, die längst an neuen Projekten arbeiten. Ric O’Barry ist wieder auf sich allein gestellt, bis auf zwei Freunde, die von Kalifornien aus seine Webseite betreuen, www.savejapandolphins.org. Er hat auch eine Tochter, sie ist erst vier und adoptiert. Gestern hatte er sie zuletzt am Telefon. „Wann kommst du nach Hause?“, hat sie ihn gefragt. Ganz bald, war die Antwort. Er hat ihr verschwiegen, dass er bloß neue Wäsche holen wird und dann wieder los will. Just show up, irgendwo.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar