Frauen und Männer : Für Frauen ist Tötung der letzte Ausweg

Er ist Kriminalkommissar, er hat seit Jahrzehnten mit Verbrechen zu tun. Axel Petermann erklärt, wann und wie Frauen und Männer morden

Interview: Kirsten Küppers
Axel Petermann
Axel PetermannFoto: Toma Babovic/laif

Herr Petermann, Sie arbeiten seit über 30 Jahren als Kriminalkommissar und Tatortanalytiker bei der Bremer Polizei. Gilt noch die These, dass Frauen mit Gift morden und Männer mit der Schusswaffe?

Zunächst einmal: Gewalt ist vor allem Männersache. Neun von zehn Taten werden von Männern verübt. Opfer sind in der Regel Männer, und zwar vornehmlich fremde Männer.

Und diese Männer benutzen welche Tatwerkzeuge?

Männer töten oft mit Schlägen, Würgen und Drosseln sowie Werkzeugen. Schusswaffen spielen in Deutschland keine große Rolle. In den USA ist das anders, aber das liegt an der dortigen Gesetzgebung. Waffen sind in Amerika akzeptiert und bei uns eben nicht.

Frauen töten jedoch mit Gift?

Sie sind aufgrund ihrer körperlichen Konstitution Männern oft unterlegen. Deswegen müssen sie sich andere Methoden überlegen, wenn sie ihre Partner oder Ex-Partner töten möchten. Dazu gehört zum Beispiel der Giftmord. Wir hatten vor einiger Zeit in Bremen den Fall einer Heiratsschwindlerin. Die hat sich bei alten, wohlhabenden Männern als Haushälterin angedient, sie dann geheiratet und die Männer dann mit einer Überdosis von Herzpräparaten umgebracht. Allerdings konnte das nie einwandfrei bewiesen werden. Der Giftmord kann ja verübt werden, ohne dass er zunächst auffällt.

Das ist das einzig Typische für Frauen?

Nein, auch der Auftragsmord zählt eher zu den weiblichen Methoden.

Sie behaupten, Männer werden von Fremden umgebracht und Frauen von ihnen nahe stehenden Personen.

Ja, von dem Partner oder Bekannten.

In Ihrem Buch schreiben Sie: „Allein der Umstand in einer Beziehung zu leben oder gelebt zu haben, birgt das größte Risiko für Frauen getötet zu werden.“

Wenn wir uns angucken, bei welchen Gelegenheiten Frauen getötet werden, dann gibt es den Raubüberfall, das sexuelle Motiv oder Gewalt in der Beziehung. Und die Tötung in der Beziehung tritt einfach am häufigsten auf.

Was ist die Konsequenz – sollen Frauen sich nicht mehr verlieben?

Natürlich nicht! Sie sollten sich nur überlegen, mit wem sie eine Beziehung eingehen. Allerdings gibt es auch die seltenen Fälle, bei denen die Gewalt erst mit der Trennung kommt – in Beziehungen, die vorher normal schienen.

Wie kann man sich davor überhaupt schützen?

Es ist ja nicht so, dass der Mord unter Eheleuten eine Alltagserscheinung ist. Er kommt zwar immer wieder vor, aber es wäre der falsche Schluss zu sagen: Frauen dürfen sich nicht mehr trennen. Zum Glück reagieren auch nicht alle Männer gleich. Wenn eine Frau befürchtet, dass ihr Mann sich mit der Trennung nicht abfinden will und eventuell gewaltsam reagiert, kann sie die Polizei informieren und eine Anzeige erstatten. Die Beamten werfen dann ein Auge auf den Mann und führen mit ihm ein Gespräch – zumindest bei uns in Bremen. Allerdings gibt es keinen hundertprozentigen Schutz. Wir hatten 2005 einen Fall, da hatte die Frau alles richtig gemacht. Sie hatte die Wohnung gewechselt und sich neue Telefonnummern besorgt. Die Polizei wusste, dass der Mann sie bedrohte. Verwandte und Freunde waren alarmiert. Aber es hat nichts genutzt. Der Mann hat sie umgebracht.

Beim Mord unter Paaren haben Sie zwei Muster erkannt. Erstens: Der Mann tötet seine Partnerin, um die Trennung zu verhindern.

Das hört sich unlogisch an: dass man jemanden tötet und ihn gleichzeitig nicht verlieren möchte. Aber das haben wir bei den Taten der Männer festgestellt. Sie töten, um die Frau bei sich zu behalten. Weil sie die sexuelle Kontrolle über die Frau nicht verlieren wollen. Passiert das, sind sie tief gekränkt. Es sind vor allem im Leben gescheiterte Männer, die dazu neigen.

Frauen hingegen töten, weil sie kein anderes Mittel zur Trennung sehen.

Für Frauen ist die Tötung der letzte Ausweg, um sich aus einer gewaltsamen Beziehung zu lösen. Weil sie sonst keine Möglichkeit sehen, den Partner zu verlassen. Es gehen meist viele Vorgeschichten voraus: Gewalt in der Beziehung, Anzeigen, die zurückgezogen werden, Versöhnungen. Dann kommt die Gewalt wieder. Und irgendwann tötet die Frau dann vielleicht.

Ist für eine Frau in einer solchen Situation Mord wirklich die beste Lösung?

Das kann er sein, aber das ist natürlich nicht zu akzeptieren – schließlich ist ein Mensch getötet worden. Gerade Frauen, die sich anderen Menschen gegenüber nicht öffnen, wählen manchmal diese Lösung. Gewalt in der Ehe ist ja wie Alkoholismus. Das wird nach außen hin negiert.

Einige Neuropsychologen glauben, dass der Tötungstrieb bei Männern genetisch veranlagt ist.

Weil er Männern früher einen Überlebensvorteil gesichert haben soll. Ich kann nur sagen, dass Gewalt eine Männerdomäne ist. Ob das genetisch bedingt ist, weiß ich nicht. Ich bin kein Biologe.

Sie haben bei Ihrer Arbeit als Chef der Bremer Mordkommission jedoch festgestellt, dass die Tötung der Partnerin meist nicht spontan erfolgte.

Es gibt zwei unterschiedliche Tätertypen. Diejenigen, die auf eine Trennungsabsicht ganz eruptiv reagieren. Und andere, die dann nach der Trennung anfangen, die Partnerin auszuspionieren. Die sich immer mehr in den Gedanken verbeißen, die Frau zu töten. Bei der Planung dieses Vorhabens gehen diese Täter ganz zielgerichtet vor. Sie können nicht mehr zurück.

Welche Indizien können bei einem Partner auf ein mögliches Verbrechen hinweisen?

Ob eine Affinität zu Waffen besteht. Ob ein Suizid angedroht wird. Ob schon mal ankündigt wird, den anderen und auch die Kinder, häufig aus anderen Beziehungen der Frau, töten zu wollen.

Kann jeder Mensch zum Täter werden?

Ich hoffe nicht, dass mir das passiert. Die meisten Menschen werden sicherlich nicht aus Habgier zu Mördern. Oder um sexuelle Vorteile, Macht oder Kontrolle zu erreichen. Zum Glück sind die meisten Menschen einfach anders sozialisiert. Das reduziert die Risikogruppe schon deutlich. Aber es zeigt sich immer wieder, dass auch unscheinbare Menschen ein solches Verbrechen begehen. Ein Psychiater, den ich mal auf einem Kongress getroffen habe, sagte mir, dass er selbst nicht ausschließen könnte in höchster Erregung, einen Menschen umzubringen.

Große Überwindung würde es die meisten Menschen zum Glück kosten.

Wie schwierig eine Tötung ist, zeigt sich daran, dass, wenn es passiert, die Gewalt oft ganz massiv ausbricht. Ganz viele Schläge auf den Kopf oder ganz viele Messerstiche. Da sprechen wir dann von Übertötung. Mit weniger Gewalt wäre das Opfer auch gestorben. Das macht die Überwindung deutlich, die es den Täter kostet. Das erinnert mich an mein erstes Tötungsdelikt, das ich im Januar 1975 aufzuklären hatte. Ein Sohn tötete seinen Vater, der ihn wahrscheinlich über Jahre missbraucht hatte. Der Sohn bewarf den Vater erst mit schweren Gegenständen, dann würgte er ihn mit einem Gürtel. Und dann stach er mit dem Messer auf ihn ein. Der Vater war eigentlich schon nach den Schlägen tot.

Begeht jeder Täter dabei Fehler?

Jemand, der die Tat genau plant und kaltblütig vorgeht, wird sicherlich wenig Fehler machen. Der achtet darauf, dass er zum Beispiel keine Fingerabdrücke hinterlässt und keine Haare verliert. Sobald mehr Spontanität dazu kommt, nimmt die Vorsicht ab. Letztlich zeigt sich jeder Täter in der Tat. Darin, was er mit dem Opfer macht oder wie er weggeht. Unser Job besteht darin, diese Spuren richtig zu deuten.

Angenommen, ich würde heute meinen Mann umbringen. Werde ich aller Wahrscheinlichkeit nach geschnappt?

Ja. Bei Tötungsdelikten liegt die Aufklärungsrate bei über 90 Prozent. Die Polizei hat außerdem mehr technische Möglichkeiten als früher. Wir können Telefongespräche mithören, wenn wir einen Verdacht haben. Wir können im Internet nachvollziehen, was für Kontakte eine verdächtige Person hat. Auch die DNA-Analyse schafft neue Möglichkeiten.

Und schließlich kommen Sie als Profiler ins Spiel.

Wir Fallanalytiker können Merkmale des Täters beschreiben: Wer kann die Tat begangen haben? Wie alt ist die Person? Was ist das für ein Mensch? Wo wohnt der ungefähr? Wenn wir glauben, der Täter dürfte in einem Areal von vier oder fünf Kilometern wohnen, dann können wir dort Menschen in dem entsprechenden Alter zu einem DNA-Test einbestellen.

Wie schaffen Sie es, so viel über den Täter auszusagen?

Wir gucken nicht nur auf die Spuren am Tatort. Wir versuchen auch so viel wie möglich über das Opfer und das Motiv zu erfahren. Kannten sich beide? Dann suchen wir im Freundes- und Verwandtenkreis. Störte das Opfer bei einem Einbruch? Dann suchen wir im Einbrechermilieu. Wie kompetent ging der Täter vor? Wie sicher? Wie schnell? Das kann uns etwas über sein Alter verraten. Diese Ergebnisse vergleichen wir mit Täterstudien. Es fließen also psychologische und rechtsmedizinische Erkenntnisse in unsere Arbeit mit ein. Durch diese Kombination gelingt ein breiter Zugang zur Tat.

Wie lange sind Sie eigentlich schon verheiratet?

Gut, dass Sie mich dran erinnern. Es sind bald 27 Jahre. Da gab es immer Höhen und Tiefen. Doch das Wichtige ist, miteinander im Gespräch zu bleiben.

Partner, die nicht miteinander sprechen, bringen sich eher gegenseitig um?

Auffällig ist tatsächlich, dass oft eine Sprachlosigkeit den Taten vorausgeht. Aber manche Menschen können eben nicht so gut miteinander reden. Mir fällt das auch manchmal schwer.

Axel Petermann, „Auf der Spur des Bösen – Ein Profiler berichtet“, ist bei Ullstein erschienen.

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